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Trotz Honorareinigung

Ärzte protestieren auf Rottenburger Marktplatz

Trotz der Honorareinigung am Dienstagabend kamen gestern mehr als 30 Ärzte aus Rottenburg und Umgebung auf den Marktplatz, um gegen Frust mit den Kassen, immer mehr Bürokratie in der Medizin und Ökonomisierung zu protestieren.

11.10.2012
  • Ulrich Eisele

Rottenburg. In Freiburg waren es angeblich 30 Personen, die den bundesweiten Protestaufrufen folgten; in Offenburg zählte man sechs, in Pforzheim zwei Demonstranten. So gesehen war das kleine Häufchen gestern Nachmittag vor dem Rottenburger Marktbrunnen eine relativ große „Demo“ – auch wenn Sprecher Ulrich Bösenecker dem Wetter und der Einigung mit den Kassen die Schuld am Fernbleiben einiger Kolleg(inn)en gab.

Auf ein Honorarplus von 1,15 bis 1,27 Milliarden Euro für rund 150 000 Kassenärzte einigten sich die Verhandlungspartner am Dienstagabend. Das bringe jeder Praxis durchschnittlich ein Plus von drei Prozent, rechnete Bösenecker flugs um. Allerdings nicht bei den Einkommen: Gestiegene Löhne für Arzthelferinnen, Mieten, Energiekosten verschlingen mehr, als durch die Honoraranhebung wieder hereinkommt. Das sei inakzeptabel und im Ergebnis ein Honorarverlust – so steht es auf dem Flugblatt, das die Ärzte verteilten.

„Es geht uns nicht in erster Linie ums Geld“, beteuerten die Protestierenden immer wieder in persönlichen Gesprächen mit Passanten. Sondern auch um die Zukunft der medizinischen Versorgung, das Ausbluten der Praxen, den Landärzte- und den Nachwuchsmangel, das Versickern der Versicherungsbeiträge. Deshalb habe man die Demo auch nicht abgesagt, als die Honorareinigung bekannt wurde.

Deshalb sollen in drei, vier Wochen weitere Protestaktionen in Tübingen und Mössingen folgen, wie die Vorsitzende des DRK und der Kreisärzteschaft Lisa Federle gestern am Telefon ankündigte – ganz im Einklang mit der Allianz Deutscher Ärzteverbände.

Einig waren sich die Protestierenden auf dem Marktplatz darin, dass sich die ambulante Versorgung der Patienten mit dem bisherigen Honorarsystem weiter verschlechtern werde. Eine Landärztin, extra aus Eutingen angereist, klagte etwa, dass sie seit Monaten vergeblich nach einer Praxisnachfolgerin suche. Junge Mediziner würden bei den hierzulande angebotenen Verdienstchancen lieber ins Ausland gehen, meinte sie – in die Schweiz, nach Schweden oder England.

Genervt zeigte sich Internist Ulrich Bösenecker wegen der fortschreitende Bürokratisierung. Für die Abrechnung einer Impfung mit der Kasse existieren 87 verschiedene Ziffern, von denen er oder die Praxishelferin die richtige herausfiltern muss. Bei Privatpatienten genügt eine Impfziffer. Für eine Ganzkörperuntersuchung, ein Langzeit-EKG oder einen Lungenfunktionstest beim Kassenpatienten dürfe er ein Mal pro Quartal 15,58 Euro pauschal abrechnen – für ihn „ein eindeutiges Beispiel für die Rationierung medizinischer Leistung auf dem Rücken der Patienten“.

Sechs Milliarden Euro beträgt Böseneckers Angaben zufolge allein der Verwaltungsaufwand der Kassen – „sechs Milliarden dafür, dass Papier hin- und hergeschoben wird“.

Einig waren sich die protestierenden Ärzte, dass man einer zunehmenden Ökonomisierung der medizinischen Versorgung Einhalt gebieten müsse. Nur auf welchem Weg dies zu erreichen sei, darüber gingen die Ansichten auseinander. Während die einen im Protest gegen die Kassen ein Mittel sahen, setzen die anderen ihre Hoffnung auf Hausärzte-Verträge (wie den mit der AOK abgeschlossenen) – oder einen Regierungswechsel. Den unter Gesundheitsministerin Ulla Schmidt eingeschlagenen Weg der Stärkung der Hausärzte solle man weiterverfolgen, meinte etwa der Hirrlinger Arzt Reinhold Burr.

Ärzte protestieren auf Rottenburger Marktplatz
Wie groß ist das Stück vom Kuchen der Kassenbeiträge für die niedergelassenen Ärzte? Mit diesem „medizinischen Rätsel“ weckte der Internist Ulrich Boesenecker bei der Ärztedemo auf dem Rottenburger Marktplatz geschickt das Interesse der Zuhörer. Die Antwort lautet: 16 Prozent. Bilder: Sommer

Ärzte protestieren auf Rottenburger Marktplatz
Dieses Cartoon brachte der Tübinger Allgemeinarzt Horst Heckmann zur Demo mit.

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11.10.2012, 12:00 Uhr

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