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Warum sie ausstarben, erklärte Madelaine Böhme bei der Kinder-Uni

Affen rasten über die Alb

Affen lieben es warm und feucht. Eine Gegend wie die Schwäbische Alb heute passt nicht dazu. Vor Millionen Jahren war das anders. Da gab es auf der Alb nämlich Affen. Woher Forscher das wissen? Das erklärte die Paläontologin Madelaine Böhme bei der Kinder-Uni am Dienstag.

14.06.2012
  • Ulla Steuernagel

Affen rasten über die Alb
Madelaine Böhme begab sich vor ihrer Vorlesung auf ganz neues Terrain: Sie stempelte Studienbücher.

Tübingen. Affen kennt jedes Kind. Jaaaaa, brüllte die ganze Kinderhorde im fast vollbesetzten Kupferbau-Hörsaal. Aber nur wenige der Kinder sind ihnen schon so nahe gekommen, wie Madelaine Böhme, die auf einem Foto mit einem Gibbonaffen schmuste. Den hatte sie in Südchina kennengelernt, und er war gar nicht so scheu, wie es sonst die Art der Gibbons ist. Dieser war nämlich unter Menschen aufgewachsen.

Böhme ist den Affen wissenschaftlich auf der Spur, denn sie ist Paläontologin – also jemand, die das Klima, die Lebensverhältnisse, die Pflanzen-und Tierwelt in Urzeiten erforscht. Wie ein Detektiv sucht sie den Boden nach Spuren ab, nicht da, wo ein Jäger sie suchen würde, sondern viel tiefer. Für ihre Affenforschung musste sie gar nicht mal so weit fahren. Auf der Schwäbischen Alb fand sie Hinterlassenschaften von Affen.

Ur-Affe ist 60 Millionen Jahre alt

Dabei hätte sie die Frage, warum es auf der Alb keine Affen mehr gibt, eigentlich auch völlig anders beantworten können. Die Professorin sagt nämlich: „Wir Menschen sind auch Affen!“ Denn alle Affenarten und alle Menschen stammen vom Ur-Affen ab, der tauchte vor rund 60 Millionen Jahren auf. Eine Zeittafel demonstrierte den Kindern die Entstehung neuer Arten in Millionenabständen: Lemuren (vor 55 Millionen Jahren), Paviane (20 Millionen), Menschenaffen (20 Millionen), Gorillas (8 Millionen), Schimpansen (5 Millionen). Der Mensch als Schwestergruppe der Schimpansen trat dann vor 4 Millionen Jahren auf den Zeitplan. „Wahrscheinlich könnt ihr euch nicht vorstellen, wie viel das ist“, sagte Böhme zu ihren Studierenden und gab zu: „Ehrlich gesagt, ich auch nicht!“

Affen rasten über die Alb
Eine der Tafeln, mit denen die Professorin ihre Studenten erfreute.

Wenn man sich auf der Weltkarte anschaut, wo die „nicht-menschlichen Affen“ heute leben, dann bleibt man eher an der Südhalbkugel hängen. Doch nicht überall dort, wo es warm ist, gibt es sie. „In der Sahara finden die Affen nichts zu fressen“, erklärte Böhme die dortige Affenlosigkeit. Affen lieben es nicht nur warm, sondern sie brauchen auch Nahrung und nicht nur Bananen, Blätter tun es auch. Allerdings müssen die Affen das ganze Jahr etwas zu fressen haben. Ihre Nahrung sollte nicht im Winter unter einer Schneeschicht verschwinden. Anders als heute auf der Alb eben.

„Ihr wart dort bestimmt schon Schlitten fahren“, schätzte die Professorin ihre Zuhörer richtig ein. Tief unterm Schnee und im Kalkstein – auf der Alb gibt es einen Stein namens Weißer Jura – könnte noch manche Entdeckung verborgen liegen.

In den Höhlen fanden sich Zähne

Die Professorin ist schon viel in der Welt herumgekommen – in Südostasien so gut wie auf der Schwäbischen Alb. Den Kindern erklärte sie, dass die Alb ein „abrupt ansteigendes Gebirge ist, das schräg nach Süden gekippt da liegt“. Warum lassen sich hier überhaupt Spuren aus uralter Vergangenheit finden? Der Stein dort ist gut geeignet dafür. Früher, das heißt, noch lange vor der Eiszeit, war es auf der Alb nämlich warm und feucht. Das ist ein Klima, in dem der Kalkstein verkarstet, der sich mit Wasser auflöst. „Verkarsten bedeutet“, so die Professorin, „dass sich Höhlensysteme ausbilden.“ In der speziellen Alb-Schräglage bildeten sich so Höhlenflüsse, die nach Süden flossen.

Heute sind die Flussbetten längst ausgetrocknet, aber immer noch wahre Fundgruben für die Forscher. In den Höhlen halten sich Fossilien, also Tierversteinerungen besonders gut. Und es halten sich auch Zähne.

In Engelswies bei Sigmaringen fand sich ein Zahn, der für die Wissenschaft besonders kostbar ist. Es ist ein Menschenaffenzahn und er ist, wie vor kurzem von Forschern um Madelaine Böhme geklärt wurde, um die 17 Millionen Jahre alt. „Das ist der älteste Menschenaffe, den man außerhalb Afrikas gefunden hat“, so die Forscherin.

Das Graben in den Höhlen und den eingestürzten Höhlenflüssen ist eine „lustige, aber auch sehr schwere Arbeit“, verriet Böhme. Toll, wenn man sich damit Stück für Stück die Landschaft und die Tiere damals vorstellen kann. Böhme zeigte den Kindern ein Phantasiebild mit vielen Tieren darauf, das aber durch wissenschaftliche Funde belegt ist: Menschenaffen, Nashörner, Elefanten und merkwürdige Krallentieren (wie große Pferde) weideten damals in der Nähe von Sigmaringen unter schönen großen Bäumen an einem Fluss.

Die Makaken können Frost vertragen

Wenn man acht Millionen Jahre später nach Salmendingen schaut, also 9 Millionen Jahre vor unserer Zeit, dann gibt es hier kaum noch Bäume. Das Klima ist deutlich trockener, eine Savanne ist entstanden und darin leben Zebras, Säbelzahntiger und auch noch Affen. In Salmendingen auf der Alb fand man in alten Eisenerzgruben elf Affenzähne, welche zu vier unterschiedlichen Menschenaffen-Arten gehören. „Mit den Salmendingern starben die letzten Menschenaffen in ganz Europa aus“, so Böhme. Sie starben aus, weil es in der zunehmenden Trockenheit keine Nahrung mehr für sie gab.

Und als es dann immer kälter wurde, tollten nur noch Makaken auf der Alb herum. „Die vertragen nämlich auch Frost und waren deshalb die letzten echten Affen auf der Alb.“ Aber auch diese Zeit ist leider schon lange vorbei – seit 700 000 Jahren.

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14.06.2012, 12:00 Uhr

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