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Die Spuren führen zum IS

Airbus-Absturz: Hinweise auf Bombenanschlag durch Terrormiliz

Bewiesen ist noch nichts. Aber der Verdacht erhärtet sich, dass ein Terrorakt hinter der Flugkatastrophe in Ägypten steckt. Scharfe Kritik gibt es an den Sicherheitsvorkehrungen am Flughafen Scharm el Scheich.

06.11.2015
  • MARTIN GEHLEN, STEFAN SCHOLL, JOCHEN WITTMANN

"Scharm el Scheich ist das schlimmste Chaos, was ich bisher gesehen habe", sagt eine ehemalige Stewardess, die als private Badeurlauberin den Ferienflughafen am Roten Meer kennenlernte. Frühmorgens, um vier oder fünf Uhr, als auch die russische Unglücksmaschine abgefertigt wurde, mussten Touristen ägyptische Sicherheitsleute schon mal aus einem Nickerchen wecken, damit diese das Handgepäck kontrollierten. Andere Feriengäste beobachteten Uniformierte hinter den Scannerschirmen, die in Handygespräche vertieft waren. Als "unzureichend" qualifizieren auch US-Sicherheitsexperten des amerikanischen Think Tanks "Stratfo" die Kontrollen am Flughafen Scharm el Scheich. Und so etwas spricht sich rum - auch unter Terroristen.

Airbus-Absturz: Hinweise auf Bombenanschlag durch Terrormiliz
Ein Wrackteil der am Samstag über Ägypten abgestürzten Passagiermaschine: Auf einer Aufnahme aus dem Flugzeug soll in den Sekunden des Absturzes ein „ungewöhnliches Geräusch“ zu hören sein.

Der Alarmruf des britischen Außenministers erreichte die Urlauber in den Ferienressorts auf dem Sinai am späten Mittwochabend. Eine Bombe an Bord des am Samstag verunglückten russischen Ferienfliegers sei eine "signifikante Wahrscheinlichkeit", sagte der britische Außenminister Philip Hammond nach einer Sitzung von "Cobra", dem nationalen Krisengremium, dessen Vorsitzender Premierminister David Cameron ist.

Gestern erklärte Hammond zudem, dass ein Ableger der Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) tatsächlich hinter dem Anschlag stecken könnte: "IS-Sinai hat direkt nach dem Absturz die Verantwortung dafür übernommen, das Flugzeug heruntergebracht zu haben. Wir haben uns sämtliche Informationen angeschaut, einschließlich dieser Behauptung, und denken, dass sie eine erhebliche Möglichkeit darstellt." Auch Geheimdienstler aus den USA nannten gegenüber dem Sender CBS eine Bombe an Bord "höchst wahrscheinlich". Die Experten berufen sich unter anderem auf abgehörte Telefonate. Ein US-Aufklärungssatellit hatte zum Zeitpunkt des Unglücks einen Explosionsblitz aufgezeichnet.

Die deutschen Sicherheitsbehörden prüfen ein Video, das möglicherweise den Anschlag zeigt. Das Video sei im "Gemeinsamen Internetzentrum" betrachtet worden, teilte eine Sprecherin des Bundeskriminalamtes gestern in Wiesbaden mit. Mehr könne man noch nicht dazu sagen. Die Sprecherin bestätigte damit einen Bericht der Zeitung "Die Welt". Dem Bericht zufolge ist auf dem Video, das am Wochenende auf der Plattform Youtube aufgetaucht sein soll, eine Explosion zu sehen. Anschließend stürzt eine brennende Maschine zu Boden. Das Video soll zudem mit einem Logo eines ägyptischen IS-Ablegers versehen sein.

Der Flugschreiber wurde inzwischen ausgelesen, der Stimmenrekorder im Cockpit ist dagegen stark beschädigt. Bisher drang aus der Unfallkommission, der Experten aus Ägypten, Russland, Frankreich, Deutschland und Irland angehören, lediglich nach draußen, dass die aufgezeichneten Flugdaten schlagartig abbrechen und auf dem Band in den Sekundenbruchteilen des Absturzes ein "ungewöhnliches Geräusch" zu hören sei.

Sollte sich ein terroristischer Anschlag an Bord des Airbus A-321 der Chartergesellschaft Kogalymavia bewahrheiten, muss es auf dem Rollfeld einen Mittäter gegeben haben. Möglicherweise konnte der IS einen Schläfer in das Bodenpersonal einschmuggeln, der den Sprengsatz in aufgegebenen Koffer deponierte oder im Laderaum versteckte.

Ägypten reagierte auf die britischen Bombenwarnungen überrascht und verärgert. Ägyptens Außenminister Sameh Shoukry geißelte die Schlussfolgerungen als "voreilig und ungerechtfertigt" und kritisierte, sein Land sei vorab nicht konsultiert worden. Luftfahrtminister Hossam Kamal versicherte in Kairo, es gebe bisher keine Beweise für einen Terroranschlag. Die Sicherheitsprozeduren auf ägyptischen Flughäfen entsprächen internationalem Standard. Den Verdacht, Ägypten könne bei dem Flug 9268 etwas vertuschen, wies er von sich. Man lege entschiedenen Wert darauf, dass die Untersuchung akkurat und integer verlaufe. Alle Fakten würden offengelegt, um die Sicherheit der globalen Luftfahrt zu garantieren.

London und Moskau haben inzwischen eigene Sicherheitsteams nach Scharm el Scheich geschickt, eine unverhohlene Misstrauensgeste gegenüber der ägyptischen Seite. Der ägyptische Sicherheitschef des Flughafens wurde wegen Nachlässigkeit bereits entlassen.

Russlands Präsident Wladimir Putin hat das Unglück als "riesige Tragödie" bezeichnet, allerdings erst zwei Tage nach dem Absturz des russischen Airbus über dem Nordsinai und beiläufig bei einem Treffen mit dem Verkehrsminister. Putin hat politische Gründe, den Tod der 224 Airbus-Insassen, fast ausschließlich Russen, nicht zum Generalthema zu machen. Seit fünf Wochen fliegen russische Kampfflugzeuge Luftangriffe in Syrien. Das von Putin erklärte Ziel ist die Bekämpfung des IS. Sollten nun tatsächlich islamistische Terroristen das Blutbad über dem Sinai herbeigeführt haben, wäre das sicher kein Zeichen russischer Stärke.

  • Unruheregion Die ägyptische Sinai-Halbinsel an der Nahtstelle zwischen Afrika und Asien hat sich seit dem Sturz des Langzeit-Machthabers Husni Mubarak 2011 mehr und mehr zu einer Unruheregion entwickelt. Seit Jahren vernachlässigt die Regierung vor allem den Norden des Sinais. Weite Teile dort sind wegen Extremistengruppen zum militärischen Sperrgebiet erklärt worden.
  • >Anschläge Auch ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) verübt in der Region immer wieder Anschläge. Hervorgegangen ist er aus der Terrorgruppe Ansar Beit al-Makdis, die dem IS Ende 2014 die Treue geschworen hatte. In den vergangenen Monaten töteten Bomben etliche Polizisten und Soldaten.
  • >Tourismus Demgegenüber gilt der Süden des Sinais mit seiner Küste am Roten Meer vielen Menschen als Urlaubsparadies mit großartigen Tauch-Revieren. Branchenberichten zufolge reisten 2014 drei Millionen Russen nach Ägypten. dpa

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06.11.2015, 12:00 Uhr

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