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Moskau

Aktionskünstler blamiert Putins Geheimdienst

Der Aktionskünstler Pawlenski hat die Tür des FSB-Hauptquartiers in Moskau abgefackelt. Die liberale Szene ist von dieser Tollkühnheit begeistert.

12.11.2015
  • STEFAN SCHOLL

Warum hätte er weglaufen sollen? "Man kann mit Plakaten auf die Straße gehen, man kann sich aber auch mit einem Kanister hinstellen", erklärte Pjotr Pawlenski durch die Gitterstäbe des Käfigs im Moskauer Taganka-Gericht. Der Aktionskünstler, 31, aus Sankt Petersburg, hatte in der Nacht auf Montag ein tolldreistes Happening veranstaltet. Er schüttete Benzin auf die Eingangstür der FSB-Geheimdienstzentrale an der Moskauer Lubjanka, zündete sie an und wartete danach mit dem Kanister in der Hand auf seine Festnahme. "Ein Bild wie aus einem Comic", erklärt Andrei Jerofejew, Experte für Moderne Kunst. "Die heroische Parodie eines Superhelden. James Bond posiert vor dem Inferno, das er anrichtet."

Dem Antihelden Pawlenski drohen jetzt drei Jahre Haft, wegen "Vandalismus, motiviert durch politischen und ideologischen Hass". Die Formulierung gefalle ihm, verkündete er vor Gericht. "Es wäre sonderbar, andere Gefühle gegenüber dem FSB zu hegen."

Pawlenski ist ein hochgewachsener, sehr magerer Asket, seine dunklen Haare sind keinen Zentimeter lang, seine großen grauen Augen sehr mild. Er hat an der Petersburger Stiglitz-Kunstakademie monumentale Malerei studiert, entdeckte dann den politischen Aktionskünstler in sich. Er wurde mit Happenings bekannt, deren Ästhetik wenig appetitlich wirkte. Im Juli 2012 demonstrierte er in Sankt Petersburg mit zugenähtem Mund gegen die Strafverfolgung der "Pussy Riot"-Punkkünstlerinnen, die in der Moskauer Erlöserkirche eine lautstarke Anti-Putin-Andacht veranstaltet hatten. Im Oktober 2014 schnitt er sich vor einer Moskauer Psychiatrie ein Ohrläppchen ab, aus Protest gegen psychiatrische Zwangsbehandlung Oppositioneller. "Schmerz ist oft nur Angst, die man überwinden muss", sagte er.

Mit seinem feurigen Streich gegen die FSB-Zentrale hat Pawlenski nun die liberale Moskauer Szene begeistert. "Tollkühner moralischer Widerstand", applaudiert der Schriftsteller Viktor Schenderowitsch. Der "Lubjanka-Klotz" gilt seit Stalins Säuberungen als Pol des sowjetischen Staatsterrors. Der jetzt dort residierende FSB als mächtigster aller Sicherheitsdienste, als Putins Hausmacht, nach Ansicht vieler russischer Analytiker inzwischen effektiver als die CIA.

Pawlenski hat ihn bis auf die Knochen blamiert. "Die brennende Tür der Lubjanka ist der Handschuh, den ich der terroristischen Drohung ins Gesicht geworfen habe", verkündete der Künstler vor Gericht. Der FSB bedrohe 146 Millionen Menschen, unterdrücke ihr Leben, dagegen müsse man kämpfen.

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12.11.2015, 12:00 Uhr

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