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Kurz vorm Himmel kehrte er um

Albert Biesinger berichtete von seinen Nahtod-Erlebnissen

Elf Tage lag Prof. Albert Biesinger im Koma, war dem Tod sehr nah. „Ich habe erfahren“, sagt er, „dass es gar nicht so schlimm gewesen wäre, zu sterben.“

30.09.2010
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Fünfzig ältere Menschen, fast nur Frauen, waren ins Domgemeindehaus gekommen, um bei Hefezopf und Tee zu hören, was Theologie-Professor Albert Biesinger gegen die Angst vorm Sterben empfiehlt. Einige hatten von Biesingers eigenen Nahtod-Erfahrungen gehört und ihn gebeten, darüber zu berichten. „Wenn man mal 70 oder 80 ist“, so Biesinger, „muss man sich kompetent damit beschäftigen, wie es ist, wenn man seinen Körper verlässt.“

So alt ist Biesinger noch nicht. Trotzdem rang er im Frühjahr mit dem Tod. Er war in der Klinik, um sich einer Leistenoperation zu unterziehen. Es kam zu Komplikationen. Folge: Systemischer Schock, Darmlähmung und Magensaft in der Lunge. Als gläubiger, gleichwohl nicht übermäßig frommer Christ halte er nichts von der Aussicht „Affe tot, Klappe zu“. Biesinger: „Ich gehe davon aus, dass unser Leben ein Verwandlungsprozess ist, dass unser Geist in der Lage ist, im Himmel weiterzuleben.“

Er habe einiges erlebt, als ihn die Ärzte ins künstliche Koma schickten. „Ich hab’ zwischen zwei Radwalzen gesessen, wie zwei Teppichrollen, die sich auf mich zu gedreht haben, und ich hab’ mit beiden Armen immer dagegen gedrückt.“ Die Ärzte bestätigten später diese Anstrengung: Heftig geschwitzt habe er und 130 Puls gehabt. Eine Stimme habe ihm gesagt: „Jetzt bist Du gleich im Himmel.“

Ganz aufgeregt sei er gewesen, erzählte Biesinger. Denn ihm war klar: Gleich sieht er Gott. Neugierig war er und froher Erwartung. Bis die Stimme plötzlich sagte: „Schade um deine Frau.“ Biesinger: „Da kam die Trauer und die Geschichte brach ab.“ Er vermutet, dass ihn die Trauer um den Verlust seiner Frau, die er im Leben hätte zurücklassen müssen, dazu brachte, die Sequenz abzubrechen „und nochmal zurückzukehren“.

Nicht nur das Christentum beschreibe das Leben als einen Transformationsprozess; der Tod bedeute die „Verwandlung von der materiellen zur geistigen Existenz“, den Eintritt in ein geistiges Universum. „Das kann ich aber nicht beweisen“, sagte Biesinger. „Man kann Gott nicht beweisen, sonst wär‘s nicht Gott.“

Biesinger glaubt nicht, dass es Gott war, der zu ihm sprach. „Unser Unterbewusstsein gibt uns Signale; im Gehirn werden Bilder aktiviert, um uns die Passage in den Himmel zu erleichtern.“ Hirnforscher sagten, das Gehirn schütte in der Stunde X Glückshormone aus, Botenstoffe – „und dann kommt‘s darauf an, wie du im Leben unterwegs warst“. Biesinger: „Auf jemanden, der nicht glaubt und Nahtod-Erfahrungen hat, würde ich gern mal treffen. Vielleicht hat der ganz andere Bilder.“

Es gebe keinen Grund, Angst zu haben vor Gott. Ehrfurcht bedeute nicht Angst. „Meine Oma hatte immer Angst vor Gott“, sagte der in Rottenburg aufgewachsene Biesinger. Den Menschen Angst zu machen vor Gott, „ist von der Bibel her nicht in Ordnung“. Er erzählte von einer 86-jährigen Frau, die überzeugt sei, sie komme in die Hölle, weil sie zwei Mal in ihrem Leben sonntags nicht in die Kirche ging. Biesinger: „Gott ist doch nicht kleinkariert!“

Sterbebegleiterin Ida Hermann schilderte dieses: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Leute nicht sterben können, weil sie Streit mit Kindern oder Angehörigen hatten. Wenn die dann kommen, können die Leute sterben.“ Biesinger bestätigte solche Geschehnisse und riet den Zuhörenden, sich im Alter mit der Vergangenheit zu versöhnen. „Nehmt Licht- und Schattenseiten an. Es ist gut, wenn man das rechtzeitig übt.“

Ob es beim Sterben wirklich so zugeht, wie er es aus dem Koma erinnert, weiß Biesinger nicht. Er ist zuversichtlich: „Ich habe vorm Sterben keine Angst mehr. Ich bin nicht gegangen, ich bin da. Aber ich bin anders da als früher.“ Gelassener sei er. Und er frage sich, wenn er etwas unternimmt: „Ist das, was ich tue, unter dem Spruch ‚Jetzt ist es soweit‘, das Richtige?“

Albert Biesinger berichtete von seinen Nahtod-Erlebnissen

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30.09.2010, 12:00 Uhr

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