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Seit 30 Jahren im „Bußturm“

Albrecht und Ursel Bopp bewohnen und restaurieren ein mittelalterliches Denkmal

Ein Denkmal wie den Horber „Bußturm“ zu restaurieren, ist eine Lebensaufgabe, der sich die Familie Bopp vor 30 Jahren gestellt hat. „Jetzt kann man drin wohnen“, sagt Ursel Bopp. „Aber jetzt denkt man schon daran, dass man hier mit dem Rollator nicht so gut reinkommt…“

15.11.2008
  • Andreas Ellinger

Als Albrecht und Ursel Bopp im Jahr 1978 mit ihrem Sohn Johannes in die Bußgasse gezogen sind, „war das keine gute Adresse“, wie sich Albrecht Bopp erinnert. „Die Wertschätzung des Gebiets war gleich Null“, sagt Ursel Bopp und meint damit das gesamte Altheimer Tal. Bei einer Versammlung sei nur von den „Salpeter-Häusern“ gesprochen worden.

Hier wohnte in der Regel, wer wenig Geld hatte und sich mit einem Wohnungs-Standard zufrieden geben musste, der die früheren Bewohner längst zum Umzug in bessere Lagen bewogen hatte – beispielsweise auf den Hohenberg. Bis 1989 habe es keine Kanalisation gegeben, erzählt das Ehepaar Bopp, dessen Haus nur eine Grube mit einem Kubikmeter Volumen hatte. Die damalige Stadt-Führung sei regelrecht dazu gezwungen worden, das Gebiet zu entwässern.

Den Klo-Vorsprung am Haus haben Bopps über die Wende (in der Horber Entwässerungs-Politik) hinaus erhalten – wie so vieles, was gewachsen ist und den Charme des Bußturms ausmacht. Der Wohnhaus-Aufbau stammt laut dendrologischen Gutachten aus den Jahren 1438/39, der Turm-Stumpf darunter ist noch früher entstanden. Das Gebäude zählt zu den ältesten in Horb, die in ihrer historischen Substanz erhalten geblieben sind. Viele sind dem Stadtbrand 1725 zum Opfer gefallen – von späteren Modernisierungs-Sünden ganz zu schweigen…

Albrecht und Ursel Bopp stammen aus Rottweil und Schramberg. Nachdem es sie vorübergehend nach Stuttgart verschlagen hatte, kehrten sie aufs Land zurück. Sie bezogen in Rexingen ein Haus, dass früher einem jüdischen Kaufmann gehört hatte. Nach einem Eigentümer-Wechsel wollten sie dort aber nicht bleiben. Durch Zufall wurden sie auf den Bau aufmerksam, der hinter der Traditionsgaststätte „Zur Buß“ liegt und zum Verkauf stand. Albrecht Bopp musste aufs Finanzamt und Ursel ging so lange den Schütte-Weg hinauf spazieren – wo man sonst nie hinkam. „Beim Finanzamt hörte Horb damals auf“, sagt Ursel Bopp.

Das ehemalige Kloster war Ende der 70er-Jahre dem Abbruch viel näher als einem Kulturzentrum. Das Haus hinter der „Buß“, das Bopps alsbald „Bußturm“ tauften, war in einem ähnlichen Zustand. „Das sah schon schlimm aus“, berichtet Albrecht Bopp. Und seine Frau betont: „Wir hatten klar vor Augen, dass wir da einen entsprechenden Einsatz bringen mussten…“

Die Bopps beschlossen, diesen Einsatz zu bringen. Mehr als zehn Jahre lang hatten sie eine Großbaustelle – kleinere Baustellen haben sie immer wieder. Sohn Johannes packte als Jugendlicher mit an. Schicht für Schicht hat die Familie das Haus über die Jahre hinweg erkundet. Im heutigen Atelier von Albrecht Bopp mussten fünf Bodenbeläge herausgerissen werden, bis ein rund 250 Jahre alter Dielenboden zum Vorschein kam. In diesem Stockwerk – vom Schütteweg her kommend im Erdgeschoss – machten Bopps eine beunruhigende Entdeckung: Die 80 bis 100 Zentimeter dicken Mauern des Turm-Stumpfes, die in drei Gebäude-Ecken erhalten sind, fehlten in der Nord-West-Ecke. Ursel Bopp: „Manchmal hat man schon das Gefühl gehabt, es könnte mal nachts krachen…“

Diese Angst hat sie schon lange nicht mehr. Fast unmittelbar nach dem Umzug, im Jahr 1978, erschütterte ein Erdbeben die Stadt Horb, das vom Zollerngraben ausging. „Das hat getan wie auf einem alten Segelschiff“, erzählt Ursel Bopp und ihr Mann ergänzt: „Wie in den Piratenfilmen. Danach haben wir gewusst, dass unser Haus nicht zusammenfallen wird.“

Ursel Bopp betont: „Wir sind im Laufe der Zeit immer mehr glücklich geworden mit dem Haus.“ Die „alte Bude“ entpuppte sich als Denkmal, das bis heute heimatgeschichtlich weitgehend unerforscht ist. Das Wohnhaus gotischen Baustils, das auf einen Turm-Stumpf gegründet ist, sei älter die Ringmauer, sagt Albrecht Bopp. Der Hausherr jener Zeit brauchte offenbar Weitblick, um nahende Feinde frühzeitig sichten zu können. Zwei Stuben lassen seinen Wohlstand erahnen.

Eine dieser Stuben hat die Familie Bopp 1989 restauriert und zum Wohnzimmer gemacht. Der Raum ist – wie viele Gebäude-Teile – eine selbsttragende Konstruktion. In den Hohlräumen zwischen dem Boden und der darunterliegenden Decke haben sich Wildbienen eingenistet. Die Wände bestehen aus zehn Zentimeter dicken Holzbohlen, die in Nut- und Feder-Bauweise zusammengesteckt sind. Auch Boden und Decke sind aus Holz. All das bemerkten Bopps erst, nachdem sie Schicht um Schicht die Wände und Decken abgetragen hatten. Das hat so gestaubt, dass Ursel Bopp ihren Mann teilweise aus zwei Metern Entfernung nicht mehr sehen konnte. Am Ende war ein Wohnzimmer entstanden, dass aufgrund seiner zwei Fenster-Fronten und der vielen Holz-Elemente den Charakter eines rustikalen Wintergartens bekommen hat. Gerade die vielgliedrigen Fenster erforderten sehr viel Arbeitsaufwand.

Albrecht und Ursel Bopp war es immer wichtig, das Gebäude so ursprünglich wie möglich zu erhalten beziehungsweise es wieder herzustellen. Obwohl mit zwei Kachelöfen nicht jedes Zimmer warm wird – zum Beispiel das „Sommerzimmer“ nicht – hat die Familie auf den Einbau einer Zentral- und einer Fußbodenheizung verzichtetet. Albrecht Bopp: „Da hätte man unheimlich viel kaputt machen müssen.“ Vorschriften des Denkmalamtes bemerkten sie aufgrund dieser Haltung gar nicht – Denkmalschützer und Haus-Eigentümer waren sich einig. So kam beispielsweise der „Pissoir-Putz“ von der Außenfassade weg, damit das Fachwerk wieder zu sehen ist.

Vom Kopfschütteln mancher Zeitgenossen ließ sich das Ehepaar Bopp in seiner Restaurations-Philosophie nicht beirren – zum Beispiel als 1986 das neue Dach ein altes Dach blieb, weil die Biberschwanz-Ziegel wiederverwendet wurden. Ersatz für kaputte Ziegel war damals kaum aufzutreiben, weil jene beim Abriss oder bei der Modernisierung alter Häuser meist weggeworfen und dabei zertrümmert wurden. Alte Holzbalken waren ebenfalls ein wertvoller Baustoff für die Bopps. Albrecht und Ursel können sich noch gut daran erinnern, wie sie Holz eines abgerissenen Schuppens in der Bußgasse sicherten und zu zweit – Balken für Balken – die Straße hinauftrugen.

Wer den Bußturm vom ersten bis zum siebten Geschoss besichtigt, versteht das Handeln der Bopps. Das Gebäude ist in Holzständer-Bauweise erstellt. Eine Vielzahl von senkrechten und waagrechten Balken mit der Stärke von Baumstämmen bilden das Gerippe des Hauses. Hinzu kommen Querverstrebungen. In einem Kellergeschoss finden sich die einzigen gerissenen Eichen-Balken, die offenbar dem Gewicht nicht standgehalten haben. Neben ihnen wurden – schon in früheren Zeiten – Tannen-Balken zur Sicherheit eingezogen. Die Bäume seien im Wald so gehauen worden, wie sie als Balken beim Hausbau gebraucht worden seien, vermutet Albrecht Bopp.

Aufgrund der Balken-Konstruktion und der Vielzahl von Decken und Böden, die im Laufe der Jahrhunderte eingezogen wurden, sind die Geschosse – von der Decke bis zum Boden darüber gemessen – bis zu 80 Zentimeter auseinander. Die Raumhöhe beträgt dreieinhalb Meter. Die Mauern im Sockelbereich des ehemaligen Turmes sind runde zwei Meter dick.

Das zweite Keller-Geschoss – von Albrecht Bopp auch als „Einliegerwohnung“ bezeichnet – gleicht einer Schreinerei. Wer hier eintritt, erkennt schnell, dass der freischaffende Künstler und ehemalige Kunst-Lehrer des Horber Gymnasiums nicht nur die Rahmen seiner Bilder selbst fertigt. Die Verbindung von Leben und Arbeiten war dem Ehepaar wichtig. Im Laufe der Gebäude-Restaurierung ist Albrecht Bopp zunehmend zum Schreiner und Zimmermann geworden. Unter den Möbeln in der Wohnung findet sich nicht nur ein Meisterstück…

Heute präsentiert sich der 23 Meter hohe Bußturm als historisches Schmuckstück im Horber Gebäude-Ensemble. Die Hinweis-Tafeln, die von der Bußgasse aus lesbar sind, tun ein Übriges, um dem Haus einen geradezu musealen Charakter zu verleihen. So kommt‘s im Sommer vor, dass Touristen die Stäpfele bis zum Haupteingang im dritten Stockwerk hinaufsteigen, durch die offene Tür eintreten und das Ehepaar Bopp als lebendes Inventar beim Mittagessen antreffen. Albrecht und Ursel Bopp haben dafür Verständnis: „Wenn wir woanders so ein Gebäude sehen würden, würden wir da auch raufgehen.“

Restaurations-Potenzial bietet das Denkmal weiterhin – vor allem in den drei Dachgeschossen. Diese Arbeit wollen Bopps nachfolgenden Generationen überlassen – vorausgesetzt die Hausherrin greift nicht einmal mehr zum Hammer. Ursel Bopp: „Mir ist der Vorwurf gemacht worden, ich hätte immer als Erste den Hammer in die Hand genommen und ein Loch gemacht, um zu sehen, was hinter der Oberfläche kommt.“ Und ihr Mann bestätigt das: „Das ist schon so, dass sie manches Projekt angefangen hat, das wir zum jeweiligen Zeitpunkt noch gar nicht anfangen wollten…“

Es bleibt also spannend im Bußturm – schon allein der Historie wegen. Schließlich ist immer noch nicht geklärt, wer das Wohnhaus im 15. Jahrhundert auf den Turm-Stumpf gebaut und bewohnt hat. „Das Haus birgt weiterhin Geheimnisse“, sagt Ursel Bopp – ohne gleich zum Hammer zu greifen…

Albrecht und Ursel Bopp bewohnen und restaurieren ein mittelalterliches Denkmal
1983 war der „Bußturm“ eine Großbaustelle. Mit Helfern zusammen hat die Familie Bopp die Südmauer des Gebäudes saniert. Archivbild: Karl-Heinz Kuball1983 war der „Bußturm“ eine Großbaustelle. Mit Helfern zusammen hat die Familie Bopp die Südmauer des Gebäudes saniert. Archivbild: Karl-Heinz Kuball

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15.11.2008, 12:00 Uhr

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