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Erinnerungen eines Alt-Bürgermeisters

Alfred Schumacher wir morgen 90 Jahre alt

Drei Jahrzehnte lang hat sich Alfred Schumacher für Talheim und seine Talheimer eingesetzt. Auch im Ruhestand geht es dem früheren Bürgermeister immer noch vor allem um eins: Talheim. Das TAGBLATT hat dem Mann, der morgen 90 wird, einen Hausbesuch abgestattet.

08.09.2012
  • Susanne Mutschler

Sein Leben lang hat sich Alfred Schumacher für alles Historische interessiert. „Das war das A und O“, sagt der frühere Schultes von Talheim, der in Gönningen im Kreis von sieben Geschwistern aufwuchs. Nach sieben Jahren Volksschule wurde er in die höhere Handelsschule nach Reutlingen geschickt. „Gymnasium war auf dem Dorf ein Fremdwort“, erinnert er sich. Werktags musste der Junge in der freien Zeit in der elterlichen Landwirtschaft mithelfen, doch seine Sonntage verbrachte der Heranwachsende mit Geschichtsbüchern.

Dieses „geschichtliche Denken“, so sieht Schumacher es heute, habe ihn nach Hitlers Machtergreifung davor bewahrt, in die Hitlerjugend einzutreten – auch wenn er dafür im Dorf manchmal „den Kittel vollkriegte“. Er sei „auch nicht gern Soldat geworden“, sagt Schumacher. 1946, nach Jahren in Russland, Kriegsverletzungen und Gefangenschaft, konnte er endlich die aufgeschobene Verwaltungslaufbahn einschlagen. Als 1951 in Talheim ein Bürgermeister gesucht wurde, trat der 29-Jährige, der ein Jahr zuvor geheiratet und mit seiner Ehefrau den ersten seiner drei Söhne bekommen hatte, gegen acht Bewerber an – und gewann haushoch. An die aufregende Kandidatenvorstellung im Talheimer „Engel“ erinnert er sich heute noch deutlich.

„Wir Nachkriegs-Schultes haben eine schwere Last zu tragen gehabt“, erzählt Schumacher. Es fehlte im Ort an allem: Talheim litt unter Wassermangel und hatte keine Kanalisation. Die Ortsdurchfahrt war so eng und winklig, dass, so der Alt-Bürgermeister, „nicht einmal ein Heuwagen durchkam“. Nur wenige Talheimer waren sozialversichert, und den vielen neu zugezogenen Flüchtlingen fehlten Wohnungen.

Bevor Alfred Schumacher 1953 die Firma Dölker zur Ansiedelung in Talheim bewegen konnte, gab es kaum Arbeitsplätze im Dorf und noch weniger Kindergärten, die Berufstätigkeit vor allem für die Frauen möglich gemacht hätten. „Man hat alle versorgt“, fasst Schumacher rückblickend sein Arbeitsleben zusammen.

Noch keine Stunde, versichert Schumacher, hat er seine Berufswahl bereut: „Mein Leben war meine Arbeit.“ Jederzeit würde er wieder Bürgermeister von Talheim werden. „Da konnte ich mich entfalten, helfen und dienen“, erklärt Schumacher. Denn jeden einzelnen Tag seien Leute aus dem Dorf mit ihren Problemen und Fragen zu ihm gekommen.

Schumachers erstes Bauprojekt war 1952: die Erweiterung des Talheimer Schwimmbads. Um die Kosten für den Bagger zu sparen, packte er beim Ausheben der Grube sogar selbst mit an. Mit ebenso viel Energie betrieb er die Verhandlungen, die 1961 zum Anschluss Talheims an die Albwasserversorgung führten. 1965 sorgte der aufmerksame Schultes dafür, dass sein Dorf nicht vergessen wurde, als der neue Stollen für die Bodenseewasserversorgung gebohrt wurde. „Da muss man hinstehen mit beiden Füßen“, sagt er, und man glaubt ihm aufs Wort.

„Klipp und klar“ vertrat er vor der Naturschutzbehörde den Standpunkt Talheims, als es 1959 um die Vergrößerung des Friedhofs ging. Die Talheimer Bauern überzeugte er in unermüdlichen Fachgesprächen, damit die Flurbereinigung umgesetzt werden konnte. Als 1966 am Dorfrand Bauland für die neue Schule gebraucht wurde, rang er um den Ankauf jedes einzelnen Privatgrundstücks. „Da bin ich viel unterwegs gewesen in den Häusern.“ Ein Einschnitt war die Gemeindereform 1971, die aus den Talheimern Mössinger und aus dem Bürgermeister in den letzten zehn Jahren seiner Amtszeit einen Ortsvorsteher machte.

Man könnte meinen, Schumachers Liebe zur Historie wäre in diesen aktiven Jahren auf der Strecke geblieben. Doch schon sein erster Ausflug mit dem Gemeinderat führte 1953 tief in die Geschichte Talheims: Das Gremium besuchte im Stuttgarter Landesmuseum den kostbaren Talheimer Altar aus dem 14. Jahrhundert, der seit damals in der Bergkirche gestanden hatte und 1844 aus Unwissen weit unter Wert verkauft worden war.

Wäre Alfred Schumacher damals Bürgermeister gewesen, wäre das sicher nicht passiert. Seit er im Ruhestand ist, hat sich sein historisches Interesse zur Passion entwickelt. Wenn er nicht gerade im Wald auf der Jagd war, widmete er sich der Geschichte der Talheimer Herren von Andeck und derer von Karpfen. Er weiß wie kein Zweiter Bescheid, wenn es um die uralte Bergkirche, die Beginen oder die nach Lichtenstein verkaufte holzgeschnitzte Pietà von 1380 geht. Zurzeit entziffert er alte Kaufverträge, um die Geschichte des verschwundenen Talheimer „Schlosses“ zu rekonstruieren. Berge von Unterlagen, Schriften und Bildern aus der alten und neueren Ortsgeschichte warten nur darauf, in einem Heimatbuch in eine handliche Form gebracht zu werden. „Das geht halt nicht in einem Vierteljahr“, fürchtet sein Sohn Albrecht, ebenfalls ehemaliger Ortsvorsteher von Talheim, der seinem Vater beim Schreibgeschäft zur Hand gehen will. Alfred Schumacher hat sechs Enkel.

Alfred Schumacher wir morgen 90 Jahre alt
„Gymnasium war auf dem Dorf ein Fremdwort“: der Talheimer Alt-Bürgermeister Alfred Schumacher, 90, in seinem Arbeitszimmer.Bild: Rippmann

Alfred Schumacher wir morgen 90 Jahre alt
Stolz Talheims und Steckenpferd Alfred Schumachers: die Talheimer Bergkirche.Bild:Mozer

Rund 1800 Einwohner hat der Mössinger Ortsteil Talheim heute. Das war nicht immer so: Mitte des 19. Jahrhunderts lebten immerhin rund 1200 Menschen in der Gemeinde, Anfang des 20. Jahrhunderts sank die Zahl der Leute aber auf gut 800. Zahlreiche Talheimer waren damals nach Amerika ausgewandert. Es blieben immerhin noch mehr als während der Zeit des Dreißigjähirgen Kriegs: Damals gab es rund 270 Talheimer. Wie viele Orte der Umgebung war auch die Landschaft um Talheim allerdings bereits in der Römerzeit und früher besiedelt. Ab dem späten 8. Jahrhundert war der Ort auch urkundlich erwähnt, im späten 9. Jahrhundert auch seine Kirche. Vom frühen 13. Jahrhundert bis ins Jahr 1610 lebten Franziskanerinnen im Talheimer Kloster, das Mitte des 18. Jahrhunderts abgerissen wurde. In der Burg Andeck residierten von 1282 bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts die aus dem Zollerischen kommenden Schenken von Andeck. Bei Talheim entspringt die Steinlach.

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08.09.2012, 12:00 Uhr

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