Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Formaldehyd im Rathaus

Alle Räume sind gleich belastet

Das Rathaus hat ein Formaldehyd-Problem. Messungen haben ergeben, dass der Grenzwert an schwülen Tagen in allen Räumen deutlich überschritten wird. Kurzfristig soll nun verstärktes Lüften Abhilfe schaffen. Mittelfristig kommt aber nur eine Schadstoff-Beseitigung infrage.

08.08.2012
  • uschi kurz

Reutlingen. Ins Rollen gebracht wurde die Formaldehyd-Untersuchung, wie Baubürgermeisterin Ulrike Hotz gestern bei der Pressekonferenz berichtete, aufgrund der „Sensibilität einer Mitarbeiterin, die unter der Raumluftqualität gelitten hat“. Daraufhin habe man im im Mai 2011 zunächst exemplarisch in zwei Büro-Räumen die Formaldehyd-Raumluftkonzentration messen lassen.

Für das Rathaus muss der Innenraumrichtwert angesetzt werden und der liegt für Formaldehyd bei 0,12 Milligramm pro Kubikmeter, erläuterte Andreas Hummel von der in Betzingen ansässigen Niederlassung der Firma Müller-BBM, die die Raumluft gemessen hat. Die Untersuchung ergab eine Richtwertüberschreitung in beiden Büros; im einen Raum wurde im ungelüfteten Zustand eine Konzentration von 0,163 mg/m³ gemessen, im anderen sogar 0,171 mg/m³. Als tags darauf „unter definierten Lüftungsbedingungen“ abermals gemessen wurde, wurde der Richtwert im einen Büro knapp (0,115 mg/m³, im anderen (zuvor stärker belasteten, nun aber besser belüfteten) Büro, deutlicher (0,073 mg/m³) unterschritten.

Im April, Juni und Juli diesen Jahres erfolgten dann weitere, ganztägige Messungen in zwölf Büroräumen. Das Ergebnis dieser Schadstoffuntersuchung liegt seit 24. Juli vor und ist eindeutig: Alle Räume in allen drei Gebäudeteilen des Rathauses sind gleichwertig belastet. Dabei wurde festgestellt, dass die Schadstoffkonzentration an warmen Tagen und bei hoher Luftfeuchtigkeit stärker ist. Formaldehyd ist wasserlöslich, nennt Hummel den Grund: „Schwülheiße Witterung verstärkt die Ausdünstung.“ Erschwerend komme hinzu, dass sich das Gebäude stark und nachhaltig aufheize.

Als Schadstoffquellen wurden die eichenholzfurnierten Pressspanplatten lokalisiert, die beim Bau des Rathauses 1966 für Wandelemente und Einbauschränke verwendet wurden. Auch die Akustikdecke ist aus dem formaldehydverseuchten Holzwerkstoff, der, wie Hummel betonte, 40 Jahre nach dem Einbau zwar etwas weniger Formaldehyd ausdünste als zu Beginn, von selbst erledigen werde sich das Problem aber auch in den nächsten Jahrzehnten nicht: „Aussitzen kann man das nicht.“

Außen vor ist lediglich der vor kurzem frisch sanierte Rathaussaal, weil die dort neu eingebaute Lüftungsanlage austretende Schadstoffe abzieht. Als Akut-Maßnahmen schlug der Gutachter nun neben regelmäßigem Lüften, einen besseren Sonnenschutz vor. Mittelfristig, so Hummel, sei aber der Ausbau der Holzwerkstoffe (Schränke und Decken) am Wirkungsvollsten, um ein akzeptables Raumklima zu erhalten.

Um die weitere Marschroute festzulegen, wurde das Stuttgarter Büro Drees&Sommer mit bautechnischen Untersuchungen beauftragt. „Erst grübeln, dann dübeln“, beschrieb Jochen Günther die Vorgehensweise, die in den nächsten beiden Monaten für mehr Klarheit sorgen soll: Zunächst werden im Hauptgebäude und im Stadtwerkegebäude (an der Lederstraße) vier Büro geräumt. Dort werden die Holzverkleidungen abgenommen, danach wird erneut gemessen.

Zusätzliche Messungen wird es auch in verschiedenen Ämtern im Haupt- und im Stadtwerkegebäude und in Büroräumen und bei den Fraktionen im Ratsgebäude geben. Aus dem Ergebnis dieser Untersuchungen sollen verschiedene Varianten der Schadstoffbeseitigung entwickelt werden. Dabei wird auch die Wirtschaftlichkeit und die gebäudetechnische und bautechnische Umsetzbarkeit eine Rolle spielen. Das Ergebnis der Untersuchung soll dem Bauausschuss dann am 20. September vorgestellt werden.

Über die Kosten konnte Baubürgermeisterin Hotz gestern noch keine Angaben machen. So viel dürfte aber schon jetzt klar sein, mit den 30 Millionen Euro, die einmal für eine sukzessive Sanierung des Rathauses veranschlagt wurden, ist es nicht getan.

Alle Räume sind gleich belastet
Der Schadstoff steckt in den eichenholzfurnierten Pressspanplatten, aus denen 1966 die Wände und Decken des Rathauses gefertigt wurden.Bild: Haas

Gestern wurde die Öffentlichkeit über die Formaldehyd-Belastung im Reutlinger Rathaus informiert. Bereits am Montag erhielten die 600 Rathaus-Mitarbeiter/innen einen Brief von Oberbürgermeisterin Barbara Bosch, in dem sie über das Problem in Kenntnis gesetzt wurden. „Wir nehmen die festgestellte Formaldehyd-Belastung im Rathaus sehr ernst“, heißt es da und dann erhielten die Angestellten erste Handlungsanweisungen mit der – in Rücksprache mit den Gutachtern – die Schadstoffkonzentration minimiert werden soll:
Stündliches Lüften gehört ebenso dazu wie die Bitte, die Jalousien künftig bei Sonne unten und auch nach Dienstschluss unten zu lassen.
Zudem hat das Gebäudemanagement einen Lüftungsdienst beauftragt, der jeden Morgen vor Arbeitsbeginn die Fenster öffnet, so dass die Mitarbeiter/innen gut gelüftete Büros vorfinden.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

08.08.2012, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball