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Gemeinderat will Karl-Adam-Straße umbenennen

Alle für Reuchlin

45 Jahre lang hieß eine Straße nach dem Theologen Prof. Karl Adam. Dessen Verhalten in der NS-Vergangenheit gibt dem Gemeinderat Anlass, die Straße umzubenennen.

22.03.2011

Tübingen. In das Viertel zwischen Horemer und Eduard-Spranger-Straße, in dem in den 1960er Jahren hiesige Gelehrte wie Ferdinand Christian Baur, Gabriel Biel, Martin Crusius, Hans Geiger oder Enno Littmann ein Andenken als Straßen-Namensgeber gefunden haben, soll ein neuer Würdenträger einkehren. Gestern Abend beschloss der Tübinger Gemeinderat einstimmig, dass der 1966 verstorbene katholische Dogmatikprofessor Karl Adam ausquartiert werden solle zugunsten des berühmten Humanisten und Tübinger Professors Johannes Reuchlin.

Johannes Reuchlin (1455 bis 1522)

Der Beschluss fügt sich in einen in diesem Jahr schon oft erwähnten Jahrestag: Vor genau 500 Jahren erschien in Tübingen der „Augenspiegel“, eine berühmt gewordene Verteidigungsschrift des Juristen und Hebraisten. In diesem für den Mainzer Bischof angefertigten Gutachten stritt Reuchlin gegen das Ansinnen von Dominikanermönchen, alle jüdischen Bücher zu vernichten.

Die Straße nach diesem frühen Förderer eines christlich-jüdischen Diskurses zu benennen, geht auf einen Vorschlag von Pfarrer Christoph Cless zurück, der die Schrift Reuchlins auch in den Kontext ihrer Zeit stellte: sie erschien nur wenige Jahre nach der Gründung der Tübinger Universität, als Graf Eberhard alle Juden aus der Stadt vertreiben ließ.

Das Anliegen der katholischen St. Paulus- und der evangelischen Martinsgemeinde, die sich hinter diesen Vorschlag stellten, brachte die FDP-Fraktion in den Gemeinderat ein. Kurt Sütterlin regte zusätzlich an, im Laufe des Jahres noch eine städtische Veranstaltung zu Ehren Reuchlins vorzusehen.

Sprecher aller Fraktionen bekannten sich inhaltlich zu der vorgesehenen Straßen-Umbenennung. Dieter Barth (UFW) stellte mit Genugtuung fest, dass hier ein „unrühmlicher gegen einen rühmlichen Namen ausgetauscht“ werde. Aster Yeman (AL/Grüne) lobte die im Vorfeld mit den Anliegern der Straße geführte Diskussion, Dorothea Kliche-Behnke (SPD) gab noch zu bedenken, dass das Sträßchen gemessen an dem herausragenden Vorbild vielleicht doch etwas gering dimensioniert sei.

Auch Anton Brenner (Linke) hält die Umbenennung für „überfällig“. Er könne darin allerdings nur einen Anfang für weitere, seiner Ansicht nach gewichtigere Schritte sehen. Als Antisemit sei Martin Luther bösartiger gewesen als ein Karl Adam. Wenn die Stadt die Straßenumbenennung nicht als Ersatzhandlung betreibe, müsse sie sich auch von jenen Tübinger Ehrenbürgern abwenden, die in der NS-Zeit in besonderer Weise aktiv waren.

jol / Archivbild: Zibulla

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Erstellt:
22. März 2011, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
22. März 2011, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. März 2011, 12:00 Uhr

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