Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Gesellschaft

Alle unter einem Dach

Familie Hummel lebt in Engstingen auf der Schwäbischen Alb ein Auslaufmodell: Vier Generationen wohnen zusammen. Das hat große Vorteile. Wieso ist die Wohnform so unbeliebt?

24.12.2016
  • KRISTINA BETZ

Engstingen. Für Außenstehende mag die Szene wie eine große Familienfeier wirken. Für Familie Hummel ist sie zelebrierter Alltag: Katharina Hummel tischt Streuselkuchen auf. Tochter Christina balanciert dampfende Kaffeetassen an den Tisch. „Um drei Uhr ist Kaffeezeit. Da kommen sie immer von allen Seiten angelaufen“, erzählt Katharina Hummel lächelnd. Sie sitzt am Kopfende des Tisches, beobachtet und hat alles im Blick. Sie gehört zu einer von vier Generationen, die in dem Haushalt im 5000-Seelen-Dorf Engstingen auf der Schwäbischen Alb leben. Und vielleicht gehört sie sogar zur wichtigsten Generation: Katharina (58), Anton (59) und dessen Mutter Oma Anna (86) sind das Fundament, auf dem der Mehrgenerationenhaushalt fußt – und der Grund, weshalb neun Menschen in vier Generationen unter einem Dach leben.

Ein Auslaufmodell?

Bei Familie Hummel ist das Modell beliebt. Für den Großteil der Deutschen scheint das nicht zu gelten: Seit 1990 ist die Zahl der Mehrgenerationenhaushalte um 40 Prozent gesunken. Deutschlandweit sind es nur 0,5 Prozent, die in drei oder mehr Generationen zusammen wohnen.

Für sie funktioniert das Modell. Bereits seit 1957 bewohnen das Fachwerkhaus mit angrenzender Zimmerei drei Generationen. Das Haus ist mehr als ein Gebäude für Familie Hummel: Es ist Lebensmittelpunkt, Lebensgrundlage, Knotenpunkt und Einkommensquelle. Das Haus wächst mit der Familie mit, dehnt sich, streckt sich und ist für zwei Familienmitglieder sogar der Arbeitsplatz: Tochter Claudia (34) eröffnete ihren eigenen Frisörsalon auf dem Grundstück und tat es damit ihrem Vater Anton (59) gleich, der die ans Wohngebäude angrenzende Zimmerei, einen Familienbetrieb, fortführt.

Wie alle Generationen profitiert sie von dem Zusammenleben mit ihren Angehörigen. „Es ist immer jemand da, der sich kümmert“, sagt sie. Als alleinerziehende Mutter von Luca (11) und Elias (7) ist sie rund um die Uhr gefordert, zusätzlich hat sie sich mit einem Frisörgeschäft selbständig gemacht. „Ich könnte nicht arbeiten, wenn wir nicht in dieser Form leben würden.“

Der 11-jährige Luca verbringt zudem viel Zeit mit seiner Urgroßmutter, die diese Zeit wiederum in vollen Zügen genießt: „Als ich krank war, da hat er mit mir Puzzle oder ,Mensch ärgere dich nicht' gespielt und mich so wieder zum Leben erweckt. Ich weiß nicht, was ich ohne den Jungen getan hätte“, erzählt die 86-Jährige ergriffen.

Vorteile für alle Generationen hat das Familienmodell auch in der heutigen Zeit noch genügend. Ein von der Mobilität abhängiger Arbeitsmarkt, veränderte individuelle Ansprüche an den eigenen Haushalt sowie neue Perspektiven haben Mehrgenerationenhaushalte dennoch fast gänzlich vertrieben. Dazwischen steht der Wunsch älterer Menschen, zu Hause oder bei Angehörigen alt zu werden. Über 30 Prozent der Deutschen ab 50 Jahren geben „Mehrgenerationenwohnen“ als bevorzugte Wohnform im Alter an, wie eine Emnid-Umfrage ergeben hat. Noch beliebter ist nur das Wohnen in eigener Wohnung ohne Hilfe sowie das Wohnen alleine mit Möglichkeit zur Hilfe.

Der demographische Wandel befeuert die Notwendigkeit eines Alternativprogrammes zusätzlich. Der Bevölkerungsanteil der 65-Jährigen und Älteren wird bis zum Jahr 2060 von knapp 20 Prozent auf über 30 Prozent steigen. Das Durchschnittsalter der Baden?Württemberger wird sich von aktuell 43 auf annähernd 49 Jahre erhöhen.

Bund und Länder reagieren darauf mit einem Bundesprogramm „Mehrgenerationenhäuser“. In organisierter Form sollen mehrere Wohnparteien erzeugen, was vor 50 Jahren die Familie leistete: gegenseitige Hilfe, Zusammenhalt, Gesellschaft und generationenübergreifendes Wohnen. Solche wahlverwandtschaftlichen Wohnprojekte hätten in Städten „durchaus Boom-Charakter“, weiß Wohnexpertin Ulrike Scherzer, die unter anderem an der Universität Stuttgart lehrt.

Wunsch nach Eigenständigkeit

Für das familiäre Generationenwohnen sieht die Professorin jedoch wenig Zukunft. Vor allem für die jungen Generationen habe das Modell an Reiz verloren. Den flexibleren, von Mobilität geprägten Arbeitsmarkt nennt Scherzer als Hauptgrund, weshalb es kaum mehr realisierbar sei, dass mehrere Generationen dauerhaft in einem Haushalt leben. „In manchen Regionen sind die Kinder noch etwas heimatbezogener und versuchen, in der Nähe ihrer Geburtsstadt eine Arbeitsstelle zu finden. Das ist aber in strukturschwachen Regionen schlicht nicht möglich“, erklärt Scherzer.

Die Ansprüche der nachfolgenden Generationen hätten sich gewandelt: Individualität, Eigenständigkeit und ein selbstbestimmtes Leben in einem eigenen Haushalt seien jungen Generationen heute wichtig. „Das dichte Zusammenwohnen ist schon früher nicht entstanden, weil man sich so wahnsinnig gern hatte, sondern das war eine Zweckgemeinschaft“, sagt die Expertin.

Engstingen: Eine Ausnahme?

Der Mehrgenerationenhaushalt ist ein Auslaufmodell. Ausnahmen gibt es aber. Zum Beispiel in Engstingen, der Heimatgemeinde von Familie Hummel. Dort leben allein drei Familien in einem Vier-Generationenhaushalt, zusätzlich zahlreiche in Drei-Generationenhaushalten. Engstingens Bürgermeister, Mario Storz, ist Fan der Wohnform: Die Fürsorge in der Familie sei eine andere, eine stärkere, als in einem Seniorenheim oder einem Kinderhort, ist er sich sicher. Den Rückgang von Mehrgenerationenhaushalten auf dem Land erklärt sich das Gemeindeoberhaupt mit der schlechten Arbeitsmarktlage auf der Alb. Eine Vermutung, die die Aussagen von Wohn-Expertin Scherzer stützen. Die meint jedoch auch: „In den ländlichen Regionen sind die traditionellen Lebensformen noch eher erhalten geblieben. Da ist auch die Verwurzelung stärker als in der Stadt, die ein anonymeres individuelleres Leben möglich macht.“

Die Vertreterin der ältesten Generation der Familie Hummel, Oma Anna, ist sich indes sicher: Die Familie soll nicht nur zusammenhalten, sie soll auch zusammen wohnen: „Die jungen Leute merken heute gar nicht mehr, dass man einander braucht. Sie denken nur noch daran, sich auszuleben“, bedauert sie. Für sie sei der Mehrgenerationenhaushalt ein „großes Glück“.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.12.2016, 06:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball