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Stolpersteine

Alle wahren das Gesicht

Der Gemeinderat hat den Weg für Stolpersteine in Reutlingen frei gemacht – das versöhnliche Ende einer traurigen Debatte.

01.07.2015

Von Matthias Reichert

Wie berichtet, war es der letzte große Wunsch der gebürtigen Reutlingerin Hannelore Maier, dass vor dem letzten Wohnhaus ihrer Eltern in der Kaiserstraße solche Steine für die Eltern gesetzt werden. Diese, Adolf und Babette, waren Opfer der NS-Diktatur. Doch im März vertagte der Rat das Thema auf CDU-Antrag zurück in den Ausschuss, um dort zunächst die jüdische Gemeinde zu hören. Hannelore Maier ist wenig später mit 92 in London gestorben.

Vorige Woche haben nun im Verwaltungs-, Kultur- und Sozialausschuss jüdische Mitbürger/innen nichtöffentlich gesprochen. Laut Kulturamtschef Werner Ströbele sind sie prinzipiell gegen Stolpersteine, weil durch diese das Andenken der Opfer beschmutzt und mit Füßen getreten werde. Sie hätten lieber Gedenktafeln am Heimatmuseum. Doch befürworten sie die Steine im Einzelfall, wenn es der ausdrückliche Wunsch der Familien sei.

Damit hat die Kompromissbereitschaft der jüdischen Gemeinde den Weg freigemacht für den Ratsbeschluss: Der Verlegung von Stolpersteinen für Opfer der Gewaltherrschaft wird zugestimmt, soweit dies von Angehörigen gewünscht wir. Dafür war die klare Mehrheit, nur 11 Mitglieder von CDU und „Wir in Reutlingen“ enthielten sich. Ute Beckmann (WiR) zweifelte sogar an, dass die Stolpersteine wirklich Maiers Herzenswunsch waren, was aber sonst wohl niemand im Rat so sah. Karsten Amann (CDU) erkannte, wenn auch reichlich spät: „Das Thema taugt nicht zum Streit. Wir wollen diesen Disput nicht fortsetzen.“ So enthielt sich die CDU, obwohl deren Mehrheit laut Amann weiter an Stolpersteinen zweifle.

Die meisten Redner/innen zeigten sich zufrieden mit dem Kompromiss und regten Ergänzungen an. Etwa SPD-Chef Helmut Treutlein, der Kunst im öffentlichen Raum ins Gedenken einbeziehen möchte. Oder Gabriele Janz, deren Grüne die Debatte mit ins Rollen gebracht hatten. Sie unterstrich, dass an alle Opfergruppen gedacht werden solle. Und Jessica Tatti (Linke) erklärte, Stolpersteine könnten nur ein Element der Erinnerungskultur sein.

Treutlein forderte: „Die Namen der Opfer sollen sichtbar werden.“ Seine Fraktion hatte selbst das Gespräch mit der jüdischen Gemeinde gesucht und war beeindruckt. Das hätte die CDU auch tun können, statt Ende März das Thema im Rat auf die lange Bank zu schieben. Annette Leininger erinnerte für die FWV daran, dass die Position der jüdischen Repräsentanten in Deutschland bei den Stolpersteinen gespalten ist: „Das haben wir gewusst.“ Leininger wollte das Recht der Individuen auf ihnen gemäßes Gedenken höher stellen als die Ansicht einzelner Glaubensgemeinden. OB Barbara Bosch pochte hingegen darauf, dass Beteiligung vor Ort wichtig sei.

Der gefundene Kompromiss ist salomonisch, weil dadurch auch der Inflationierung des Gedenkens vorgebeugt wird, die konservative Kritiker befürchteten. Und so haben doch noch alle Seiten ihr Gesicht gewahrt. Leider drei Monate zu spät.

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Erstellt:
1. Juli 2015, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
1. Juli 2015, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 1. Juli 2015, 12:00 Uhr

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