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Allen Existenzkrisen getrotzt
Mit dem Residenzschloss und seiner Parkanlage fing alles an. Die Stadt Ludwigsburg entstand nach und nach drumherum. Foto: Werner Kuhnle
Jubiläum

Allen Existenzkrisen getrotzt

Ludwigsburg feiert 300 Jahre Stadtrecht. Dass die Kommune die Zeit überdauert hat, führt OB Werner Spec auf die Stehauf-Mentalität der Bürger zurück.

09.03.2018
  • UWE ROTH

Ludwigsburg. Am 3. September 1718, als Herzog Eberhard Ludwig (1676 bis 1733) die Urkunde zur Stadternennung mit einem Federstrich unterzeichnete, war Ludwigsburg auf dem Reißbrett größer als in der Realität. Mit gerade einmal 600 Einwohnern war es zu dieser Zeit ein Dorf – ein Jahrzehnt zuvor neben dem immer weiter wachsenden Barockschloss auf freiem und zum Teil sumpfigem Gelände wie auf einem Schachbrett angelegt. Um zu demonstrieren, dass die Idee zur Stadtgründung nicht aus einer herzoglichen Laune entstanden ist, erhob Eberhard Ludwig seine nach ihm benannte Siedlung zugleich in den Rang einer Hauptstadt Württembergs. Stuttgart, die Nummer eins, hatte zu dieser Zeit etwa 16 000 Einwohner.

Verhinderte Hauptstadt

2018 feiert Ludwigsburg sein 300-jähriges Bestehen mit mehr als 130 Veranstaltungen (siehe Infobox). Wäre alles ein bisschen anders gelaufen, könnte die Kommune heute sogar Landeshauptstadt sein. Der spätere Herzog Karl Eugen (1728 bis 1793) hätte Ende des 18. Jahrhundert die Stuttgarter Residenz für immer aufgeben und in die 15 Kilometer nördlich gelegene pompöse Barockanlage umsiedeln können. Doch er tat es nicht. Karl Eugen blieb im Kessel, herrschte dort vom Neuen Schloss aus über Württemberg. Wäre Ludwigsburg zur Geisterstadt geworden und wäre es von der Landkarte wieder verschwunden, hätte es nicht verwundert: Immer wenn der Hofstaat sich nach Stuttgart zurückzog, lag das Stadtleben im Koma. Bis zum Ende der Monarchie 1918 war Ludwigsburg lediglich ein viertel Jahrhundert die erste Residenz und das Schloss die meiste Zeit ein zu groß geratenes Sommerhaus.

Doch die Stadt ist trotz Existenzkrisen nicht aufgegeben worden. Im 21. Jahrhundert steht die sie knapp vor der 100 000-Einwohner-Grenze. Oberbürgermeister Werner Spec (parteilos) führt die Stehaufmännchen-Mentalität der Bewohner darauf zurück, sich immer wieder neu erfinden zu können, wenn etwas Altes nicht mehr funktioniert hat. Das deutet das Motto zum 300-Jahr-Jubiläum „Stadt werden“ an. Eine Stadt muss sich fortlaufend weiterentwickeln. Stillstand zu vermeiden, das betrachtet der OB als eine seiner Hauptaufgaben. Die Stadt so großzügig und nach einer exakten Planung anzulegen, sei eine visionäre Idee des Herzogs gewesen, sagt Spec. Eine Stadt attraktiv zu halten, sei bis heute eine zentrale Herausforderung geblieben.

Wie zukunftsweisend die Stadtplanung des Herzogs gewesen sein mag, seine Untertanen hielten wenig von der Idee, sich auf einem unvorteilhaften Gelände niederzulassen, nur weil es der Adelsgesellschaft gefiel, dort ihrer Jagdleidenschaft nachzugehen. Sumpfig war es, und im Sommer plagten die Mücken die Bewohner. Eberhard Ludwig musste sich einiges einfallen lassen, um weitere Bürger zu gewinnen. Die breit angelegten Straßenzüge erfüllten dabei ihren Zweck: Sie gaben der Stadt ein größeres Aussehen, als es der Zahl der Einwohner entsprach. Außerdem sollte die Stadt repräsentativ sein und zur pompösen Schlossanlage passen. Zwischen den barocken Häuserzeilen entstanden große Innenhöfe, die von der Straße nicht einsehbar waren. Auf denen konnten die Bürger sogar Landwirtschaft betreiben und ihr Einkommen aufbessern.

Die Hofgesellschaft und später das Militär dominierten die Kommune. Eine Bürgerschaft entwickelte sich mit Verzögerung. So richtig eigentlich erst in den 1990er Jahren, als Bundeswehr und US-Militär ihre Standorte in der Innenstadt verlassen hatten und der Stadt neue Freiräume für ihre Entwicklung gaben. Dass die Kernstadt-Ludwigsburger angesichts der Präsenz der Obrigkeit lange wenig zu melden hatten, ist bis heute zu spüren: Die Stadtteile sind viel älter als der Stadtkern. Oßweil zum Beispiel ist 1200 Jahre alt, Eglosheim ungefähr ähnlich alt. Die über viele Generationen gewachsenen Orte haben zwar ihre Selbständigkeit verloren, aber nicht ihr Selbstbewusstsein und ihren Einfluss auf die Kommunalpolitik. Es kommt im Gemeinderat nicht gut an, wenn die Stadtverwaltung die Begehrlichkeiten der Stadtteile ignoriert.

Stadtteile mit großem Einfluss

Aktuell zeigt sich das in der Anschlussunterbringung von Flüchtlingen. Während die Innenstadt ihr Soll längst erfüllt hat, werden die Widerstände bei der Festlegung von Standorten in den äußeren Stadtteilen nur langsam überwunden. Der OB bleibt auf die Frage nach dem Einfluss der Stadtteile diplomatisch: „Die Tatsache, dass Ludwigsburg ganz unterschiedliche Stadtteile hat, sehe ich als Bereicherung.“ Manchmal dauere deswegen der Entscheidungsprozess im Gemeinderat länger. Am Ende aber seien die Ergebnisse immer gut geworden.

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09.03.2018, 06:00 Uhr

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