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Alles abgelaufen?
Ein Blick in den Kühlschrank: Nicht alles, was da drin liegt, wird mit einem Mindesthaltbarkeitsdatum ausgezeichnet. Und nicht alles mit abgelaufenem Datum ist tatsächlich ungenießbar. Foto: dpa
Landwirtschaftsminister löst Debatte um Mindesthaltbarkeitsdatum aus

Alles abgelaufen?

Weil zu viele Lebensmittel unnötig weggeworfen werden, will Landwirtschaftsminister Christian Schmidt das Mindesthaltbarkeitsdatum abschaffen. Handel und Verbraucherschützer sind strikt dagegen.

01.04.2016
  • DIETER KELLER

Berlin. "Wir werfen massenweise gute Lebensmittel weg, weil die Hersteller zu große Sicherheitspuffer eingebaut haben", klagt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). Seine Lösung ist radikal: Er will das Mindesthaltbarkeitsdatum (MHD) abschaffen. Das kann er allerdings nicht im Alleingang. Da müsste die EU aktiv werden. Doch in seltener Einigkeit lehnen Handel, Verbraucherschützer und Grüne seinen Vorstoß ab.

Wie groß ist das Problem? Jeder Bundesbürger wirft pro Jahr im Schnitt 81,6 Kilogramm Lebensmittel im Wert von 235 EUR weg, ergab eine Studie im Jahr 2012. Allerdings tragen zwei Drittel kein MHD, nämlich Obst, Gemüse und frische Backwaren, wendet die verbraucherpolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Nicole Maisch, ein. "Das alleine löst nicht das Problem der Lebensmittelverschwendung."

Was sagt das MHD aus? Es gibt den Zeitpunkt an, bis zu dem der Hersteller garantiert, dass das ungeöffnete Lebensmittel bei richtiger Lagerung Eigenschaften wie Geruch, Geschmack und Nährstoffe behält. Beträgt die Haltbarkeit weniger als 3 Monate, müssen der Tag und der Monat angegeben werden. Sind Produkte mehr als 18 Monate haltbar, reicht die Angabe des Jahres; dazwischen muss auch der Monat auf der Verpackung stehen. Für manches ist kein MHD vorgeschrieben, etwa bei Zucker, Speisesalz und Essig oder für Wein. Beim MHD handelt sich nicht um ein Verfalls- und Wegwerfdatum. Die Lebensmittel können oft auch später noch bedenkenlos konsumiert werden. Nudeln sind etwa oft noch ein Jahr nach dem Datum gut.

Ist die Angabe eines Verbrauchsdatums eine Alternative? Dafür plädiert Schmidt kurzfristig: Auf die Verpackungen von Milch oder Schinken solle ein "echtes Verfallsdatum" gedruckt werden, nach dem diese Produkte tatsächlich nicht mehr genießbar sind. Das gibt es heute nur für sehr leicht verderbliche Lebensmittel wie frisches Hackfleisch oder Räucherlachs. Doch für die meisten Angebote hält das Sophie Herr vom Bundesverband der Verbraucherzentralen für nicht praktikabel: "Kein Hersteller kann genau voraussagen, wann das Produkt verfällt." Das hänge sehr von Faktoren wie der Lagerung und den Außentemperaturen ab. Da im Zweifelsfall der Hersteller haftet, geht er lieber auf Nummer sicher.

Ist die "intelligente Verpackung" eine Alternative? Darauf baut Schmidt längerfristig. Er will in Verpackungen wie Joghurtbechern elektronische Chips einbauen, die ermitteln, wie sich das Produkt verändert. Eine Farbskala von Grün bis Rot könnte anzeigen, wie es um die Verzehrbarkeit steht. In drei Jahren sollen die Ergebnisse eines Forschungsprojekt vorliegen, das sein Ministerium fördert. Doch Verbraucherschützerin Herr hat viele Einwände: Wollen wir Chips im Joghurt? Sorgt das nur für noch mehr Müll? Zudem würden dann Verbraucher Produkte, deren Chip auf gelb steht, höchstens noch mit erheblichem Preisabschlag kaufen.

Wie sehen Alternativen aus? Die Hersteller sollten Mindesthaltbarkeitsangaben formulieren, die genauer sind und nicht so viel Luft haben, fordert Herr. Mancher nutze dies als ein Mittel, seine Produkte rasch zu verkaufen. Zudem müsse den Verbrauchern mehr klargemacht werden, dass Produkte auch nach Ablauf des Datums zu genießen sind und dass die richtige Lagerung die Haltbarkeit verlängert.

Was macht die EU? Ob sich da Schmidt mit seiner Radikallösung durchsetzt, bezweifelt die Lebensmittelwirtschaft. Da sie die Regelung erst 2014 überarbeitet habe, hält sie die Bereitschaft der EU eher für gering. Als wahrscheinlicher gilt, dass die Liste der Produkte, die kein MHD brauchen, erweitert wird, etwa auf Nudeln oder Kaffee.

Vieles hält deutlich länger

Versuchen „Püfen Sie das Lebensmittel mit allen Sinnen“, rät die Verbraucherzentrale Hamburg in einem Ratgeber zur Mindesthaltbarkeit. Ist das Datum überschritten, sollte untersucht werden: Hat sich Schimmel gebildet? Riecht es komisch? Haben sich Gase gebildet? Dann sollte das Produkt im Zweifelsfall lieber weggeworfen werden.

Vorsicht Manche frische Produkte wie Hackfleisch oder Obstsalat müssen schnell verzehrt werden. Auch bei frischem Fleisch sollte das Verbrauchsdatum eingehalten werden. Andere Produkte sind viele Monate über das Mindesthaltbarkeitsdatum hinaus genießbar, etwa Konserven oder Tütensuppen, aber auch Mehl, Reis, Nudeln oder Müsli – und Bier, auch wenn es an Geschmack verlieren kann. dik

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01.04.2016, 06:00 Uhr

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