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Donaueschingen

Alles kann schön sein

„Blutrausch“ und Wohlfühlmusik, verwursteter Schlager, Rock-Infusionen und auch klug durchdachte Klangkunst: Die stilistische Vielfalt beim Neutöner-Festival in Donaueschingen ist enorm.

18.10.2016
  • JÜRGEN KANOLD

Donaueschingen. Mit einer Andacht fängt der Tag in Donaueschingen an. In der weißen Christuskirche hat sich das 24-köpfige SWR-Vokalensemble vor der Kanzel („Ich bin bei Euch alle Tage“) aufgestellt und meditiert mit dem Améi Quartett. „Music From Public Places“ heißt das Werk von Joanna Bailie, die in ihren Computer geräuschhaften Klang aus Berlin-Wilmersdorf und vom Brüsseler Gare du Nord eingespeist hat, Kirchenglocken und Menschenlärm, und diese Außenwelt bevölkert nun via Lautsprecher den Raum. Was die Maschine freilich ausspuckt, was Chor und Streichquartett mitspielen, ist reine Wohlfühlmusik.

Muss man sich beim weltberühmten Neutöner-Festival am Schwarzwaldrand Sorgen um die Dissonanz machen? Eine Quote festlegen fürs Atonale? Ach was, natürlich nicht. Abends zuvor hatte sich das SWR-Symphonieorchester in der Baar-Sporthalle noch dem „Blutrausch“ hingegeben. So hieß Klaus Schedls neue Komposition und eine von 17 Uraufführungen in diesen Tagen. Der Stuttgarter lieferte ein wohlkalkuliertes Massaker ab, Klangterror mit gepflegtem Geschrei: Ein Sänger im Anzug und mit Fliege kotzt sich konzertmäßig die Stimmbänder raus, bis er, naturgemäß, verröchelt – bildlich gesprochen. Ziemlich plakativ.

„Unter gewissen Bedingungen kann alles schön sein“, lautet eine von neun Regeln Martin Smolkas beim Schreiben von Musik. Stimmt. Das war das Wort zum Wochenende. Wobei der tschechische Komponist auch etwas zur Langeweile hätte formulieren können, denn ausgerechnet sein neues Instrumentalwerk „a yell with misprints“ für das Ensemble Recherche tönte fad: kollektives Gescheppere auf Mini-Gongs, stochernde Streicher, schließlich bedeutungsschwere romantische Klavier-Akkorde. Dafür erntete er einige der wenigen Buhs der Donaueschinger Musiktage.

Mit Karacho

Eine „enorme stilistische Vielfalt“ vom „raffinierten Streichquartett bis zur bruitistischen Klangkunst“ hörte aber der neue Festivalleiter Björn Gottstein – doch, diese Bilanz trifft zu. Gottstein stellte „erfreut fest, dass sich die Neue Musik im 21. Jahrhundert in einem offenen Wandlungsprozess“ befinde. Was denn sonst. Das mit dem „Neuen“ bei der Neuen Musik ist aber so eine Sache.

Da machte die Band „Steamboat Switzerland“ dem Klangforum Wien Beine: Mit Hammond-Orgel, Drum-Set und E-Bass die verkopften Avandgardisten aufmischen? In Bernhard Ganders „Cold Cadaver With Thirteen Scary Scars“ für 21 Instrumente sorgten sie für Dampf in einer Art Sinfonia concertante: Wenn die Soli versandeten, brachten die Rocker das Ensemble wieder mit Karacho auf Kurs – und ein toller Gag war der plötzliche Beethoven-Ausbruch mit der karikierten 5. Sinfonie. So eine Art Neoklassizismus mit narbigen Tattoos. Michael Wertmüllers „discorde“ brachte ähnlichen Crossover-Spaß mit einem Highspeed-Finale: Als würde der Komponist mal austesten, wer aus der Kurve fliegt. Aber die Musiker unter Titus Engel zeigten große Klasse. Nicht wirklich originell, aber ein tolles Konzert, dessen Programm früher mal auf dem Sendeplatz Free Jazz durchgegangen wäre.

Heute twittert das Publikum ob dieser Rock-Infusion, dass Donaueschingen das „Wacken der Neuen Musik“ sei. Mein Gott, anno 1993 verteilten die Veranstalter noch Ohropax, als die Einstürzenden Neubauten mit Videokünstler Nam June Paik lärmend performten.

Und dann gab es die weniger marktschreierische, vielmehr sehr durchdachten Werke: „Skin“ von Rebecca Saunders etwa für Sopran und 13 Instrumente, eine avanciert sinnliche Musik, eingebrannt in eine Klanghaut, gestochen, tätowiert; und mit Zunge und der Kehle fühlt die Sängerin, hörbar. Ein Erlebnis auch das Konzert mit dem jungen, ausgezeichneten Calder Quartett und Live-Elektronik im tiefblauen Strawinsky-Saal: Nathan Davis' Streichquartett „Echeia“ als ein feinfühliges Abtasten der Raumresonanzen. Herausragend auch Peter Eötvös' kleine, klangfarbenreiche Solo-Oper „The Sirens Cycle“ mit Koloratursopranistin Audrey Luna zu Texten von Joyce, Homer und Kafka – von der Faszination der Sirenen, ein musikalisches Ur-Thema.

Mit Spannung wurden die Konzerte des fusionierten SWR-Symphonieorchesters verfolgt, schließlich gehörte Donaueschingen früher zum besonderen Profil des alten Sinfonieorchesters Baden-Baden und Freiburg, hier investierte es viel Zeit für Uraufführungen. Das Eröffnungskonzert unter Leitung von Pierre-André Valade hinterließ einen eher indifferenten Eindruck, die Präzision fehlte; James Dillons „The Gates“ (mit dem Arditti Quartett) ging als Hommage an den verstorbenen Festival-Leiter Armin Köhler vielleicht noch durch.

SWR-Symphonieorchester

Aber das Festival-Finale unter Alejo Pérez hatte Klasse: Weil Marco Stroppa sein Auftragswerk nicht rechtzeitig abgeliefert hatte, kam Elliot Carters „Sinfonie für drei Orchester“ von 1975 aufs Programm, eine wuchtig altmeisterliche Themen- und Klangvernetzung. „Twist“ von Franck Bedrossian war ein zehnmütiges brachiales Gewitter für Orchester und Elektronik, ein Erdbeben: ein seltenes Beispiel, dass ein Komponist in Donaueschingen weiß, wann seine Idee auserzählt ist.

Und das Konzert für Posaune und Orchester von Georg Friedrich Haas mit Mike Svoboda: betörend harmoniesüchtig zunächst, vollmundig auf- und abschwellende Naturklang, dann ein Loslassen, ein Versinken, ein Aussingen. Großer Applaus. Das waren ideale Bedingungen fürs Schöne, Berührende.

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18.10.2016, 06:00 Uhr

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