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Post aus Polen

Alles, was der Fan braucht

Post aus Polen schickt Tobias Zug – unser Sportredakteur berichtet in loser Reihenfolge über seine Eindrücke von der Fußball-Europameisterschaft.

26.06.2012

Zum Viertelfinale der Deutschen gegen Griechenland in Gdansk kam Verstärkung aus der Heimat: Mein Vater und sein Cousin reisten mit dem Zug an. Bei ihrem längeren Zwischenstopp in Berlin seien einige Besucher auf der dortigen Fanmeile ganz verwundert gewesen, als die beiden Hirrlinger von ihrem Vorhaben berichteten: „Was, ihr fahrt nach Polen?” Und waren erstaunt und warnten, als ob die Zwei nach Afghanistan fuhren. Statt Hooligangemetzel und dem Untergang der Zivilisation erwartete sie aber ein geselliges deutsch-polnisch-griechisches Beisammensein in der pittoresken Altstadt, die mit ihren für Hafenstädte typischen bunten, aneinandergereihten Fachwerkhäusern auch locker mit Hansestädten wie Lübeck oder Bremen verwechselt werden kann.

Unglaublich die Hilfsbereitschaft der Einwohner. Ein Rentner lief mit uns und seinem Fahrrad durch die halbe Innenstadt um ein Taxi für uns zu beordern, nachdem wir aus der Trambahn versehentlich zu spät und im Nirgendwo ausgestiegen waren. Als der Mann nach etwa einer Viertelstunde endlich und stolz einen Taxifahrer präsentierte, standen wir aber auch schon kurz vor der Haustür unserer Herberge.

Immer wieder faszinierend auch, welch Spezies von Landsleuten der Nationalmannschaft zu ihren Turnieren folgen: Da waren zwei Mittdreißiger aus Augsburg, deren komplette Reiseutensilien aus dem bestanden, was sie anhatten: Schuhe, Socken, je ein kurzärmeliges Deutschland-Trikot und eine kurze Hose. Pech, dass es ausgerechnet an diesem Tag etwas nieselte.

Dagegen hatte Uwe aus Leipzig, geschätzte Mitte 40 und leidloser Träger von kaputten Zähnen, richtig Gepäck bei sich: ein Carlsberg-Federschmuck auf dem Kopf und eine alte braune Baumwoll-Tragetasche mit zehn Flaschen Bier, die er mit ins Stadion und wieder heraus nahm. Dann war da noch der bullige, an Unterarm und Wade tätowierte Berliner, laut Rückenschrift seines Deutschland-T-Shirts “Edel Fan”. Der saß anderntags im Zug bei der Rückfahrt nach Poznaÿ – Stunden zuvor noch im Knast von Gdansk, nachdem er mit der Polizei aneinandergeraten sei, wie er mir erzählte. Seine Kumpels und er seien mit dem Auto nach Gdansk gefahren, hätten dieses wohl im Parkverbot abgestellt. Jedenfalls seien seine Kumpels abgehauen, während er wohl ausfällig gegenüber der “Policja” war, gefesselt worden sei, Tränengas verabreicht bekommen habe und mit Handschellen abgeführt worden sei. Auch das Handy hätten sie ihm abgenommen und auseinandergeschraubt. „Die haben sich alle Mühe gegeben”, sagte er.

Da ging’s mir wesentlich besser: Am Bahnhof in Poznaÿ überreichte eine mir völlig unbekannte Dame eine kleine Tüte mit einer Serviette und einem in Folie verpackten Stück Rhabarberkuchen – als Dank für die Heldentat, ihrer Tochter im Zug zwei Euro zum Telefonieren geliehen zu haben.

Alles, was der Fan braucht

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26.06.2012, 12:00 Uhr

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