Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Alltag im Ausnahmezustand
Nicht viel los auf dem zentralen Grand Place: Der riesige Weihnachtsbaum verbreitete dieser Tage weniger Glanz als Trübsal. Foto: Actionpress
Zwei Dutzend Razzien, 21 Festnahmen und noch immer kein Durchbruch - An Tag drei des Terroralarms macht sich in Brüssel Ungeduld breit

Alltag im Ausnahmezustand

In Brüssel hat der Terroralarm auch den Wochentags-Betrieb beeinträchtigt. Metro, Schulen und viele Geschäfte blieben geschlossen, öffentliche Einrichtungen erledigen nur, was sich nicht verschieben lässt.

24.11.2015
  • KNUT PRIES

Frust macht sich breit unter den Jägern, der Gejagte ist einfach nicht zu fassen. Salah Abdeslam, seit den Pariser Anschlägen Europas meistgesuchter Terror-Verdächtiger, entwickelt sich zum Phantom - überall gesichtet, nirgends erwischt. Eine Zeitung hatte gemeldet, Abdeslam sei in Lüttich erkannt worden, unterwegs auf der E 40 Richtung Deutschland. Gestern Mittag teilte die Staatsanwaltschaft mit: Das mit dem Auto stimmt, doch die Ermittlungen hätten ergeben, „dass es keinerlei Verbindung zur laufenden Operation gibt“.

Die Operation läuft seit drei Tagen auf Hochtouren. Der Terroralarm - Höchststufe in Brüssel, zweithöchste Stufe im Rest des Landes - zielt auf Verhinderung von Anschlägen durch die Festnahme von Tätern. Ersteres ist bislang gelungen, beim zweiten Punkt haben die Fahnder nicht viel vorzuweisen.

In der Nacht und im Laufe des Montags nahmen die Sicherheitskräfte bei zwei Dutzend Razzien in sechs Brüsseler Bezirken, im südlich der Hauptstadt gelegenen Charleroi und in Lüttich insgesamt 21 Personen fest, ohne den entscheidenden Schlag gegen mutmaßliche Gefährder landen zu können. Was Abdeslam anlangt, sei der Ertrag „negativ“, teilte Innenminister Jan Jambon schmallippig mit. „Bis die ganze Bande gefasst ist, geht der Einsatz weiter.“

Neues vom Hauptverdächtigen hatten nur zwei Fernsehsender zu melden. Sie berichteten unter Berufung auf Geheimdienstinformationen, der 26-Jährige habe mit Hintermännern von der Terror-Organisation „Islamischer Staat“ in Syrien Kontakt gehabt und ihnen versichert, er wolle „die Arbeit erledigen, bis zum bitteren Ende“. Das würde erklären, warum die belgischen Sicherheitsdienste weiter von einer „ernsthaften und unmittelbaren Gefahr“ ausgehen. Salah Abdeslam soll bei den Pariser Attentaten dabei gewesen sein. Sein Bruder Ibrahim war dort als einer der Selbstmord-Attentäter ums Leben gekommen. In der Familie, die im Brüsseler Problemviertel Molenbeek wohnt, hatte es geheißen, Salah habe sich gleichfalls in die Luft sprengen wollen, sei aber in letzter Sekunde zurückgeschreckt.

Zwei Tage hatten sich die Brüsseler am Wochenende an den Ausnahmezustand gewöhnen können. Aber werktags fühlt es sich noch einmal befremdlicher an, wenn die U-Bahn und viele Busse nicht fahren, wenn zusätzlich Schulen, Universitäten und öffentliche Einrichtungen geschlossen sind. Im Zentrum sperrte rund die Hälfte der Läden gar nicht erst auf. Die Chocolatiers hatten zwar geöffnet, aber kaum Kundschaft.

Für etwas Frohsinn in der gedrückten Atmosphäre sorgte nur ein Zwischenspiel im Internet. Die Polizei hatte die Netz-Gemeinde aufgerufen, während laufender Razzien keine Informationen über den Einsatzort zu verbreiten. Viele Twitter-Benutzer stellten daraufhin unter dem Stichwort #BrusselsLockdown Katzenbilder ins Netz. Die Polizei bedankte sich mit dem Foto eines gefüllten Fressnapfes bei „den Katzen, die uns geholfen haben“.

Unterdessen versuchten internationale Organisationen den Betrieb einigermaßen aufrechtzuerhalten. „Wir arbeiten weiter, mit Ruhe und Gelassenheit“, sagte der Sprecher von Kommissionschef Jean-Claude Juncker. „Die überwiegende Zahl der Beamten ist da.“ Im Berlaymont-Gebäude, wo Juncker und die Kommissare ihren Arbeitsplatz haben, lautet die Devise: Bangemachen gilt nicht. Die Wachtposten wurden noch einmal verstärkt, Taschen und Mäntel noch eingehender kontrolliert. Aber die Alarmstufe blieb unverändert: „gelb“.

Auf der anderen Seite der Straße, da wo der Ministerrat sitzt und Angela Merkel sich mit den Kollegen zum Gipfel trifft, schaltete die Verwaltung indes auf „orange“ hoch. Die meisten Treffen auf Arbeitsebene wurden abgesagt. Nur was unumgänglich scheint, findet statt: eine Sitzung der Eurogruppe, die über die Auszahlung einer weiteren Tranche Griechenland-Hilfen entscheidet, ein Ministerrat zu Fragen von Erziehung, Jugend, Kultur und Sport und - natürlich - ein Treffen der Arbeitsgruppe Terrorismus.

Das Europa-Parlament tagt diese Woche in Straßburg. Der Nervosität in Sachen Terror entkommen die Mitarbeiter dennoch nicht. In der Elsass-Metropole sind Container mit zusätzlichen Sicherheitsschleusen aufgebaut. Wie in Brüssel muss, außer den Parlamentariern selbst, jeder Kontrollen wie am Flughafen über sich ergehen lassen.

Auch die Nato, die im Brüsseler Vorort Evere ihren Hauptsitz hat, beschränkte die Arbeit aufs Nötigste. Sitzungen, die nicht der Vorbereitung des Außenminister-Treffens kommende Woche dienen, wurden abgesagt.

Nicht viel Federlesens machten in der Stadt die Botschaften der USA und Kanadas. Die US-Amerikaner stellten die Konsular-Dienste für Ausländer ein und betreuten nur noch Landsleute. Die Kanadier machten komplett dicht.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

24.11.2015, 07:30 Uhr | geändert: 24.11.2015, 06:01 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball