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Das Führungs-Team bei der Eröffnungsgala (von links): Mariette Rissenbeek, Geschäftsführerin der Berlinale-Leitung, Carlo Chatrian, künstlerischer Direktor, und Jurypräsident Jeremy Irons. Foto: Michael Kappeler/dpa




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22.02.2020

Von CHRISTINA TILMANN

Berlin. Sie haben wirklich einen schweren Start. Nachdem die neuen Leiter der Berlinale, der Italiener Carlo Chatrian und die Niederländerin Mariette Rissenbeek, alle Dramen von abgesprungenen Sponsoren, weggebrochenen Spielstätten und eine zur Unzeit bekanntgewordene NS-Vergangenheit des ersten Berlinale-Leiters Alfred Bauer souverän gemanagt haben, soll nun endlich gefeiert werden bei der 70. Berlinale. Da geschieht einen Tag vor der Eröffnung der schreckliche Anschlag von Hanau, und wieder müssen die neuen Chefs spontan und schnell eine schwierige Situation bewältigen.

Die Stimmung bei der Eröffnung war am Donnerstag Abend ziemlich gedrückt. Hatte sich Moderator Samuel Finzi noch ziemlich verstolpert durch den ersten Slot der Eröffnungszeremonie gekämpft, bis aus dem Publikum unwillig Schweigen und Gedenken eingefordert wurde, war es an Rissenbeek, das richtige Signal zu setzen, indem sie mit wenigen Worten des Mitgefühls und der Betroffenheit den Saal zu einer Gedenkminute auffordert.

Chatrian, der bislang als Künstlerischer Leiter vor allem bei Filmen eloquent wurde, findet ebenfalls den richtigen Ton, wenn er daran erinnert, dass Kino verbindet und Gemeinschaften zum Träumen bringt, gerade in schwierigen Zeiten. Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) bewegt den Saal mit ihrem energischen Eintreten gegen jede Form der Zusammenarbeit mit der AfD spontan zu Standing Ovations. Und Michael Müller (SPD), der Regierende Bürgermeister von Berlin, erklärt sichtlich entnervt mit Blick auf die Debatten auch im Berliner Abgeordnetenhaus: „Die AfD will ein anderes Land. Und in deren Land will ich nicht leben“.

Starke Töne zum Festivalauftakt, und ein Neustart, der noch nicht seinen Rhythmus gefunden hat. Man sehnt sich während der unbeholfenen, unglamourösen Show nach Anke Engelkes Witz und Charme zurück. Doch die deutsche Filmriege von Nina Hoss bis Meret Becker, von Wim Wenders bis Doris Dörrie, von Iris Berben bis Alexandra Maria Lara ist zahlreich erschienen.

Reise ins New York von 1995

Ein Schauspielfest ist auch der Eröffnungsfilm „My Salinger Year“ des kanadischen Regisseurs Philippe Falardeau. Er entführt ziemlich nostalgisch ins New York von 1995. Und er zeigt, was es heißt, Literatur so zu verehren, dass man am liebsten die Zeit anhalten und einen Kokon der Sicherheit um den Autor knüpfen würde – und, bei aller Ehrfurcht vor der Kunst, schließlich doch auszubrechen in sein eigenes Leben.

Die Verfilmung des autobiografischen Buches von Joanna Rakoff, die ihre Erfahrungen in einer renommierten New Yorker Literaturagentur beschreibt, welche den Kultautor J. D. Salinger („Der Fänger im Roggen“) betreut, ist so klassisch, wie ein Literaturfilm nur sein kann. Die Art-déco-Empfangshallen, die holzgetäfelten Räume, auf den Tischen Schreibmaschinen und Diktiergeräte und an den Wänden die goldgerahmten Porträts von Agatha Christie und J. D. Salinger – nicht nur der jungen Joanna (Margaret Qualley) kommt das vor wie eine Reise in die Vergangenheit.

Dieses New York von 1995, als gerade die ersten Computer Einzug auch in die traditionellsten Gewerke hielten und man noch in die Telefonzelle musste, um in Kalifornien anzurufen, erweckt der Film zum Leben. Sigourney Weaver spielt die Literaturagentin Margaret, die versucht, das Teufelswerk der elektronischen Neuzeit aus den heiligen Hallen ihrer Agentur herauszuhalten, bei aller Autorität mit so viel innerem Brennen für ihren Stoff, dass man ihr hoffnungsloses Unterfangen nur zu gut versteht. Weaver, die auf der Pressekonferenz selbst keine große Neigung zu Computern erkennen lässt, stellt sich voll hinter die Protagonistin: „Man muss seiner Rolle hundert Prozent glauben.“

Für ein Festival, das zehn Tage lang die Liebe zum Kino feiert, ist das der richtige Eröffnungsfilm, auch wenn er nicht unbedingt zukunftsweisend ist. Doch genauso wie die Fans tonnenweise Post an J. D. Salinger schrieben, um ihm mitzuteilen, wie seine Bücher ihr Leben verändert haben, warten am Abend tausende Fans am Roten Teppich, um einen Blick auf die Stars zu werfen und ein Autogramm oder Selfie zu erhaschen.

Und noch etwas ist bemerkenswert: Es ist ein Film über zwei starke Frauen und ihre komplizierte Beziehung, ein Film auch über Macht und Ermächtigung, Dienen und Demut. Gedreht wurde er von einem Regisseur, doch die entscheidenden Teampositionen, von der Kamerafrau Sara Mishara bis zu den großartigen Vintage-Kostümen von Patricia McNeil und dem Schnitt von Mary Finlay, sind bewusst mit Frauen besetzt.

Ein Plädoyer für Freiheit

Das Thema #MeToo steht natürlich auch bei der Berlinale im Raum. Jeremy Irons hatte die Pressekonferenz mit einem persönlichen Statement eröffnet, in dem er frühere Äußerungen über die Ehe gleichgeschlechtlicher Paare und das Abtreibungsrecht für Frauen entschieden zurücknahm und sich für eine zivilisierte und humane Gesellschaft, die die Selbstbestimmung als Menschenrecht ehrt, aussprach. „Ich hoffe, damit habe ich meine früheren Bemerkungen endgültig begraben“, so der zuletzt scharf kritisierte Jurypräsident.

Auch der brasilianische Regisseur Kleber Mendonça Filho schlug politische Töne an: Er halte angesichts der Lage in seinem Land an seiner Freiheit fest, Filme zu drehen, wie er es für richtig halte. Zuletzt hatte der rechtspopulistische Präsident Jair Bolsonaro die Filmförderung in seinem Land kritisiert und sich gegen Filme ausgesprochen, „die nur eine Minderheit interessieren“. Wie gut, dass die Berlinale gerade ihnen ein Forum bietet.

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Erstellt:
22. Februar 2020, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
22. Februar 2020, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 22. Februar 2020, 06:00 Uhr

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