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Karlheinz Geppert erinnerte im Sülchgau-Museum an den Zentrumspolitiker Matthias Erzberger

Als „Erfüllungspolitiker“ ermordet

Vor 80 Jahren wurde der Zentrumspolitiker Matthias Erzberger ermordet. Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert referierte im Sülchgau-Museum über Erzbergers Verbindungen nach Rottenburg.

05.02.2012
  • Martin Zimmermann

Rottenburg. Matthias Erzberger, der 1875 in Buttenhausen als Sohn eines Gemeindepflegers geboren wurde, war einer der ersten Berufspolitiker. Er gehörte einer Politikergeneration mit Eugen Bolz (Zentrum), Wilhelm Keil (SPD) und dem ersten Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) an und hätte durchaus noch am Aufbau der Bundesrepublik mitwirken können, wäre er nicht bereits 1921 ermordet worden, so Geppert.

Im Jahr 1900 heiratete Erzberger die Rottenburger Kaufmannstochter Paula Eberhard. Im ehemaligen Laden Eberhards ist heute das Geschäft Optik Norz. „Rottenburg wuchs zwischen 1898 und 1907 von 5.800 auf 7.500 Einwohner an. In dieser Phase wurden 1901 die Festhalle und 1904 der Schlachthof gebaut“, erzählte Geppert.

Rottenburg wählte zu dieser Zeit zu 82 Prozent die katholische Zentrumspartei, in Seebronn wählten sogar alle Wähler das Zentrum. Dennoch reichte es für den Zentrumskandidaten in dem Wahlkreis mit der SPD-Hochburg Reutlingen und der DVP-Hochburg Tübingen nicht für die Stichwahl. Die Folge: „In Seebronn ging im zweiten Wahlgang keiner mehr hin.“

Erzberger wurde 1903 mit 28 Jahren jüngster Reichstagsabgeordneter für den Wahlkreis Biberach. Der „herausragende Redner“ Erzberger trat mehrfach in Rottenburg beim zentrumsnahen Deutschen Volksverein auf, um den Schwaben die „etwas norddeutsche Gedankenwelt“ der Flugblätter zu erklären. Erzberger profilierte sich im Reichstag als Finanzpolitiker, kritisierte aber auch Menschenrechtsverletzungen in der deutschen Kolonialpolitik.

Im Ersten Weltkrieg war er der einzige Abgeordnete neben Karl Liebknecht, der die passive Haltung Deutschlands zu den Massakern der verbündeten Türken an den Armeniern kritisierte. War Erzberger zunächst für einen „Siegfrieden“, so brachte er 1917 eine Resolution für einen „Verständigungsfrieden“ ein, in dem Deutschland auf annektierte Gebiete verzichten sollte.

1918 musste Erzberger das Waffenstillstandsabkommen unterzeichnen. „Zu verhandeln gab es da nichts mehr“, sagte Geppert. Erzberger setzte sich im Parlament erfolgreich für die Annahme des Versailler Vertrags ein. „Er wurde deshalb als „Erfüllungspolitiker“ verunglimpft.

Als Finanzminister führte er in einer Reform den direkten Lohnsteuerabzug ein, außerdem eine Kriegsgewinnsteuer und eine Vermögensabgabe. Die Reform schaffte auch die Abhängigkeit der Reichsfinanzen von den Beiträgen der Länder ab. „Wenn wir heute Steuern bezahlen, steckt da Erzbergers Reform drin“, sagte Geppert. „Allerdings waren Steuern damals genau so unbeliebt wie heute.“

Der so exponierte Zentrumspolitiker wurde bereits im Januar 1920 bei einem Attentat in Berlin verletzt. „Die Kugel, die mich treffen soll, ist schon gegossen“, soll er anschließend seiner Tochter gesagt haben. Im August 1921 wurde er beim Wandern am Kniebis von zwei rechtsradikalen Offizieren erschossen.

In Rottenburg gab es nach dem Attentat eine Protestkundgebung, und der Gemeinderat würdigte ihn als Mann der Arbeiter, Bauern und Handwerker sowie als „Schöpfer der Reichseinheit“ und gab 500 Mark zum Bau eines Erzberger-Denkmals. Auch die Gemeinde St. Moriz sandte der Witwe ein Beileidstelegramm.

Bei einer Buchverbrennung am 2. Mai 1934 verbrannten die Nazis der SA-Schule im Schadenweilerhof ein einziges Buch. „Sie hatten Erzbergers Buch in der Volksbücherei ausgeliehen und sogar die Leihgebühr bezahlt“, so Geppert.

Matthias Erzberger wurde in Rottenburg mit einer Straße am Gelben Kreidebusen geehrt, zu seinem 70. Todestag 2001 mit einer Ausstellung. „Er war“, so Geppert, „auch bis zuletzt als Namensgeber des Zweiten Städtischen Gymnasiums, des jetzigen Paul-Klee-Gymnasiums im Gespräch.“

Als „Erfüllungspolitiker“ ermordet
Matthias Erzbergers Buch verbrannten SA-Schüler Anfang Mai 1934 in Rottenburg öffentlich. Archivbild: Sommer

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05.02.2012, 12:00 Uhr

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