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Schwimmen: Der 19-Jährige verbesserte in Reutlingen am Tag des Mauerbaus den Europa-Rekord eines DDR-Athleten

Als Gerhard Hetz einen Sieg im Kalten Krieg errang

Im August 1961 war Reutlingen zum ersten und bisher einzigen Mal Austragungsort der Deutschen Meisterschaften im Schwimmen und Turmspringen – doch der Sport stand in diesen Tagen im Hintergrund.

24.09.2011
  • axel Habermehl

Als Gerhard Hetz einen Sieg im Kalten Krieg errang
Der Star der Meisterschaft: Gerhard Hetz (Mitte) siegte über 200 Meter Kraul, links der Drittplatzierte Hermann Haverkamp und rechts der Zweite Hans-Joachim Klein. Bild: Stadtarchiv Reutlingen

Reutlingen. Der 13. August 1961 war ein Sonntag, der in die Weltgeschichte einging. Entgegen aller Beteuerungen („Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten.“ – Walter Ulbricht, DDR-Staatsratvorsitzender am 15. Juni 1961) tat der SED-Staat genau das: In der Nacht auf Sonntag begannen Einheiten der Nationalen Volksarmee, zusammen mit Beamten der Grenz-, Schutz- und Volkspolizei sowie Angehörigen von Betriebskampfgruppen damit, alle Straßen und Bahnverbindungen zwischen dem Ost- und dem Westteil Berlins abzuriegeln.

Der wichtigste Wettkampf des Jahres

Als Gerhard Hetz einen Sieg im Kalten Krieg errang
Deutsche Schwimmmeisterschaften in Reutlingen 1961. Die mehrfache Deutsche Meisterin Helga Schmidt (Mitte) setzte auch in Reutlingen ihre Siegesserie fort. Bild: Stadtarchiv Reutlingen

Ob Gerhard Hetz, ein 19-Jähriger aus dem bayerischen Hof, die Nachricht vom Mauerbau schon kannte, als er am Sonntagmorgen ins Wasser des Reutlinger Markwasen-Freibads stieg? Es ist wohl anzunehmen. Die Meldung von der Eskalation der Berlin-Krise, die sich in den Wochen zuvor immer mehr zugespitzt hatte, ging in der Bundesrepublik sofort über alle Radio- und Fernsehkanäle.

Hetz, der heute als der deutsche Ausnahmeschwimmer der 1960er-Jahre gilt und nach seiner aktiven Karriere auch als Trainer (unter anderem von Werner Lampe) sehr erfolgreich war, lebt heute in Mexiko, wo er ein Hotel betreibt. Schon damals, zu Beginn seiner Karriere, galt er dem Reutlinger General-Anzeiger als „der einzige deutsche Weltklassemann, den wir zur Zeit besitzen“.

Als „Höhepunkt des deutschen Schwimmerjahres“ hatte die Zeitung die Deutschen Meisterschaften angekündigt. Und tatsächlich: Zwischen den Olympischen Spielen in Rom 1960 und den Europameisterschaften 1962 in Leipzig, waren die Wettkämpfe in Reutlingen das wichtigste Schwimmsport-Ereignis. Auch, weil die Meisterschaften als Sichtungswettbewerb für die Olympischen Spiele 1964 in Tokio dienten. Dementsprechend war auch die „deutsche Spitzenklasse komplett am Start“, wie der General-Anzeiger schrieb.

Neben Gerhard Hetz, „unserer stärksten Waffe für Leipzig ´62“, der zu drei Siegen schwamm – über 200, 400 und 1500 Meter Freistil – war auch der erfolgreiche Rückenschwimmer Ernst-Joachim Küppers am Start. Der 18-Jährige holte sich Gold über 100 und 200 Meter Rückenschwimmen. Über die 200 Meter stellte Küppers mit 2:21,2 Minuten sogar einen deutschen Rekord auf. Und auch einen neuen Stern am deutschen Schwimmer-Himmel brachten die Wettkämpfe in Reutlingen hervor: Der bis dahin vergleichsweise unbekannte 19-jährige Münchner Jan Groß gewann überraschend über 200 Meter Brust.

Der Star der Deutschen Meisterschaften 1961

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Deutsche Schwimmmeisterschaften in Reutlingen. OB Oskar Kalbfell bei der Siegerehrung. Bild: Stadtarchiv Reutlingen

Doch der alle überstrahlende Star war Gerhard Hetz. Nicht nur, weil er mit drei Siegen der erfolgreichste Athlet der Wettkämpfe war, sondern auch, weil der 19-Jährige im Rennen um die 200 Meter Freistil schon nach 2:04,7 Minuten anschlug und damit den Europarekord des DDR-Athleten Frank Wiegand einstellte – und das am Tag des Mauerbaus.

Kein Wunder, dass Hetz im Jahr darauf zu Deutschlands „Sportler des Jahres“ gewählt wurde. 1963 wiederholte er diesen Erfolg, außerdem stellte er in seiner weiteren Karriere noch zwei Welt-, und zehn Europarekorde sowie sage und schreibe 43 deutsche Rekorde auf.

Auch bei den Frauen waren alle nach Reutlingen gekommen, die im deutschen Schwimmsport Rang und Namen hatten: Die 24-jährige Mannheimerin Helga Schmidt hatte schon vor den Wettkämpfen stolze 19 Deutsche Meistertitel. Nach Hause fuhr sie dann mit noch zwei weiteren.

Ursel Brunner aus Heidelberg hielt damals bereits alle deutschen Rekorde im Freistil von 100 bis 1 500 Metern und dominierte auch in Reutlingen das Becken: Zwei Siege über 100 und 400 Meter Freistil sprangen für sie heraus. Gold über 200 Meter Brust holte sich die 19-jährige Wiltrud Urselmann aus Krefeld, die der General-Anzeiger seinen Lesern damals als „die meistfotografierte (und hübscheste) deutsche Športlerin“ vorstellte.

Auch zwei Schwimmerinnen des gastgebenden SSV Reutlingen 05 machten von sich reden: Ulrike Kranz kam über 100 Meter Rücken auf Rang sechs. Dieselbe Platzierung sicherte sich ihre Vereinskameradin Marianne Ott über 400 Meter Freistil.

Über 300 Athleten aus 100 deutschen Städten

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Deutsche Schwimmmeisterschaften in Reutlingen 1961.

Doch nicht nur die Elite der deutschen Schwimmer nahm damals an den Deutschen Meisterschaften teil. Die Finals nahmen nämlich nur die beiden letzten Tage der Veranstaltung ein. Am Donnerstag und Freitag fanden die damals noch obligatorischen Senioren und VoW-Wettkämpfe statt. VoW stand, man glaubt es kaum, für „Verein ohne Winterbad“. Da schwammen also jene Athleten gegeneinander, die nur während der Freibad-Saison trainieren konnten. Insgesamt nahmen so 347 Athleten aus 153 Vereinen und 100 Städten teil.

Erst zum zweiten Mal überhaupt kam der Deutsche Schwimm-Verband (DSV) 1961 mit seinen Meisterschaften nach Baden-Württemberg und zum ersten Mal nach Reutlingen. Geholfen hatte dem SSV Reutlingen 05, der die Wettkämpfe ausrichtete, das brandneue Markwasen-Schwimmbad. „Das Freibad Markwasen wird in seiner Schönheit und Zweckmäßigkeit wohl von keiner anderen Sportstätte in deutschen Landen übertroffen“, fand der General-Anzeiger.

Das bereits 1955 erbaute Bad hatte mit seinem 50 Meter-Becken und den verschiedenen Sprungtürmen die notwendigen Maße für ein solches Großereignis. Lediglich die 2.000 Zuschauer fassende Tribüne musste für die Veranstaltung durch Zusatzbauten auf 4.000 Sitz- und 1.000 Stehplätze erweitert werden, um die erwarteten Zuschauermassen fassen zu können.

Da es aber an den ersten drei Tagen des Turniers immer wieder regnete und nur am Sonntag Kaiserwetter herrschte, waren die Wettkämpfe erst dann richtig gut besucht, als es zu den Entscheidungen kam. Am Sonntag nämlich, an dem Tag, als die DDR damit begann, die Berliner Mauer zu bauen und Gerhard Hetz in Reutlingen zur Höchstform auflief.

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24.09.2011, 12:00 Uhr

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