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Warum der „Weiße Ochsen“ verwechselt wurde

Als Goethe durch Ofterdingen reiste ...

Dass mit der Geschichte dieses Hauses etwas nicht stimmte, hatte Gerhard Kittelberger lange schon vermutet. Jetzt steht fest: Der prächtige Gasthof an der ehemaligen Schweizer Straße war nie der „Weiße Ochsen“, in den Goethe 1797 bei seiner Rückreise aus der Schweiz eingekehrt sein soll. Als der Dichter Ofterdingen passierte, war die Wirtschaft längst wieder geschlossen.

02.09.2009
  • Susanne Wiedmann

Ofterdingen. Johann Wolfgang von Goethe, der mit seinem Sekretär im „Weißen Ochsen“ speiste: Wie gerne wird die Geschichte erzählt! Goethe in Ofterdingen. Zuletzt saß Sabine Kraume-Probst vom Regierungspräsidium Tübingen diesem Irrtum auf. Im Nachrichtenblatt der Landesdenkmalpflege schreibt sie, dass Goethe „ziemlich sicher“ am 29. Oktober 1797 zum Mittagessen dort einkehrte. Auch Gerhard Kittelberger, dem Ofterdinger Ortshistoriker, ging es lange Zeit wie den meisten Autoren. Er glaubte, dass sich in dem stattlichen Fachwerkhaus an der heutigen B 27, „einem der schönsten Häuser im Ort“, der „Weiße Ochsen“ befand. Es habe als „historisch begründete Tatsache“ gegolten, sagt Kittelberger.

Nachdem die Chaussee 1757 außerhalb des Dorfes fertiggestellt war, verödeten die älteren Fahrwege. Die Reiter und Fuhrleute bevorzugten die neue Landstraße. „Gerade die wohlhabenden Wirte verloren einen großen Teil ihres Umsatzes, weil die besseren Wirtschaften in Ofterdingen schon immer entlang der Ortsdurchfahrt lagen“, erklärt er. „Es war ihnen bewusst, dass sie den Durchreisenden, mit denen sie die besten Geschäfte gemacht hatten, an die Chaussee folgen mussten.“

So entstanden entlang der Schweizer Straße in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts vier Anwesen mit großen Höfen – „Zeugnisse des Unternehmertums kapitalkräftiger Ofterdinger Familien“. Bereits 1730 sei ein „Löwen“ im Dorf erwähnt, ein Neubau an der Landstraße wurde 1759 errichtet. Auch eine „Krone“ gab es schon 1714/15 innerorts. Der heutige Gasthof an der Bundesstraße ist 1779 erbaut worden. Eine Wirtschaft „Zum Ochsen“ befand sich 1714/15 „auf der Steinlach“. Ein neuer „Goldener Ochsen“ entstand um 1759/60 an der Chaussee. Die Wirtschaft „Zum Weißen Ochsen“ ist im Jahr 1788 gebaut worden und war das jüngste der großen Gasthäuser an der Schweizer Straße.

Als der Restaurator Jürgen Felbinger jüngst seine Diplomarbeit über das stattliche, weiß getünchte Gebäude schrieb, stellte er dem Ortshistoriker Fragen zur Besitz- und Baugeschichte. „Dabei fiel mir auf, dass einiges nicht zusammenpasste“, sagt Kittelberger. Er begann zu forschen, wollte klären, wie der Bruch der Eigentümerlinien des „Weißen“ und des „Goldenen Ochsen“ entstehen konnte. Die Eigentümer des 18. und 19. Jahrhunderts, die er den beiden Wirtschaften zugeordnet hatte, erschienen im Kataster von 1823 gegenseitig vertauscht. Anfangs hielt es Kittelberger für möglich, dass sich dieser Wechsel als Folge der vielen Hochzeiten, Erbschaften oder Verkäufe erklären würde. „Es war ein Hin und Her mit den Witwen und Töchtern.“ Verwirrende, verwickelte Familiengeschichten.

Einige schlaflose Nächte verbracht

Kittelberger verbrachte Wochen damit, Güter- und Kaufbücher, Inventuren und Teilungen, Steuer- und Rechnungsbücher, Schultheißenamts- und Gemeinderatsprotokolle durchzuforsten, um den vermuteten Besitzerwechsel aufzuspüren. „Das war unheimlich spannend.“ Doch je mehr Quellen er durchackerte, desto deutlicher zeichnete sich ab, „dass bei beiden Wirtschaften die Abfolge der Eigentümer bis 1823 geradlinig verlief“.

Es konnte nur einen Grund dafür geben: Die 1788 erbaute Wirtschaft „Zum Weißen Ochsen“ ist mit dem heutigen „Ochsen“ an der B 27 identisch. Und im gegenüberliegenden Fachwerkhaus war der „Goldene Ochsen“ beheimatet, den Johann Jakob Maier 1759/60 erbaute. Die Nachkommen des alten Ochsenwirts waren durchgängig Eigentümer des neugebauten „Goldenen Ochsen“, bis sie das Anwesen 1816 an den Zoller Johann Martin Sulz verkauften. Damit sei eindeutig nachgewiesen, so Kittelberger, dass dieses Haus mit dem ehemaligen „Goldenen Ochsen“ identisch ist. Als Erbauer des 1788 gegenüber errichteten „Weißen Ochsen“ hat der Ortshistoriker den Kaspar Luz ermittelt. Indem er noch die Familiengeschichten Luz und Maier aufklärte, erlangte Kittelberger vollends Gewissheit für seine Neubestimmung.

Einige schlaflose Nächte hat den Ortshistoriker die Recherche gekostet. Wie würden die Ofterdinger auf die Nachricht reagieren? Im Dorf war unter den älteren Einwohnern meist die Rede vom „Weißen Ochsen“, wenn es um die schönste aller Gaststätten ging, mit ihren getäferten drei Wirtsstuben und dem Tanzsaal im ersten Geschoss. „Ich musste mich also gegen die verbreitete Meinung stellen und vielen Ausführungen in der Literatur widersprechen.“ Aber ein bisschen stolz ist er schon, dass er nun den wahren „Weißen Ochsen“ aufgespürt hat. Und gleichzeitig schüttelt er unverständig den Kopf: „Solche zeitraubenden Forschungen wegen einer Wirtschaft.“

Der „Goldene Ochsen“ schloss bald wieder

Gerhard Kittelberger hat sich häufig gefragt, wieso die Ofterdinger in ihren Erzählungen die Namen vertauschten. Und er glaubt, die Antwort gefunden zu haben. Der Ofterdinger Lehrer und Chronist Werner Neumann hat in seine Ortschronik von 1955 einen Zeitungsartikel eingeklebt, der nach einer Notiz aus dem Jahr 1922 stammen soll. „In ihm berichtet ein gewisser A. Dreher über die Zeche eines russischen Generals im ,Weißen Ochsen‘, beim Wirt Johann Jakob Luz. Unglücklicherweise fügte Dreher als Erklärung in Klammer hinzu: „Heute im Besitz der Gebrüder Wilhelm und Johannes Hausch.“ Der Familie Hausch habe aber der frühere „Goldene Ochsen“ gehört, erklärt Kittelberger. Er vermutet, dass Dreher der erste war, der die Verwechslung der Gasthäuser auch noch schriftlich festgehalten hat.

Zu Gerhard Kittelbergers Beweisführung gehört, dass bereits seit 1790 im Anwesen des „Goldenen Ochsen“ das Gastgewerbe wieder abgemeldet war. Damit steht für ihn fest, dass auch die schöne Geschichte von Goethes Einkehr nicht in diesem Gebäude spielen kann. „Als Goethe durch das Steinlachtal reiste, gab es den ‚Goldenen Ochsen‘ mit Sicherheit nicht mehr.“

Sicher ist aber, dass Goethe auf der Rückreise aus der Schweiz in Ofterdingen rastete. Denn sein Sekretär Jakob Ludwig Geist schrieb am 29. Oktober 1797 in sein Reisetagebuch: „Ließen Hohenzollern liegen und aßen Mittags in Ofterdingen.“ Wo das war, hinterließ er leider nicht.

Doch in welcher Ofterdinger Gaststätte ist Goethe eingekehrt? Von wo aus hat sein Sekretär einen vorbeiziehenden Leichenzug beobachtet? „Es ward gerade als wir da waren eine Leiche begraben, die man aus dem Dorfe heraus auf einen Berg trug, welcher der allgemeine Begräbnisplatz war“, notierte er. Auf dem Berg liegt der Friedhof noch heute. Goethe könne in jeder der drei verbliebenen Wirtschaften – Krone, Ochsen oder Löwen – eingekehrt sein, erklärt Kittelberger. „Damals lief der Zug über den Bachsatz hinaus aus dem Ort bis zur Landstraße, ein Stück Richtung Tübingen, dann in den Nonnenweg. Die Lindenstraße wurde erst viel später gebaut.“

Aber Hauptsache bleibt: Goethe war in Ofterdingen.

Als Goethe durch Ofterdingen reiste ...
Steht zum Verkauf und unter Denkmalschutz: Jahrzehntelang wurde hier der „Weiße Ochsen“ vermutet, in den Goethe eingekehrt sein soll. In dem Gebäude an der heutigen B 27 war jedoch der „Goldene Ochsen“ untergebracht.

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02.09.2009, 12:00 Uhr

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