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Historische Haltestellen: Geschichtslehrpfad führt zu den Orten der Geschichte

Als das Kloster Ofterdingen kaufte

Die Besucher sollen zu den historischen Plätzen des Ortes geleitet werden. Und die Ofterdinger nicht achtlos an den geschichtlichen Stätten vorübergehen. Der lang erwartete Geschichtslehrpfad wird am Sonntag eröffnet.

22.06.2011
  • susanne wiedmann

Ofterdingen. Das Rathaus blieb nie, wie es war. Es änderte sein Gesicht genauso wie sein Innenleben. Denn es diente nicht nur der Gemeinde und war nicht nur Quartier des Bürgermeisters. „Nach- und nebeneinander beherbergte das Rathaus Fleischbänke der Metzger, ein Materiallager, die Gemeindebackküche, die Freibank und das Arrestlokal“, erklärt Ortshistoriker Gerhard Kittelberger. Von ihm stammen nahezu alle Texte des historischen Spaziergangs, zwei steuerte Kreisarchivar Wolfgang Sannwald bei, einen der Bildhauer Andreas Futter.

Die Geschichte des Rathauses beginnt 1523. Noch im 16. Jahrhundert wurden steinerne Rundbogentore eingebaut, so entstand im Erdgeschoss eine Loggia. Die Relikte der Renaissance-Arkaden stehen seit 1998 entlang der Rathausgasse, als das Gebäude letztmals umgestaltet und ein modernes Treppenhaus angebaut wurde.

Weiter in die Rohrgasse zum Pfarrhaus, das 1838 als Nachfolger eines älteren Pfarrgebäudes entstand. Das Kloster Bebenhausen hatte das Grundstück bereits 1496 gekauft, und nur kurze Zeit später wurden die Pfarrrechte von der Bergkirche in die Kapelle im Dorf übertragen. Vermutlich entstand deshalb „das nuw Pfarrhus“ im Ort, das in einer Notiz aus dem 16. Jahrhundert erwähnt wird.

Nur wenige Schritte sind es zur Schule. In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts arbeiteten die ersten Schulmeister in Ofterdingen, seither erhalten alle Kinder eine Schulbildung. Das alte Schulhaus (1778/79) stand neben der Kirche, seine vier Nachfolger wurden im Burghof errichtet.

Seit dem Mittelalter ist dieser auffällige Platz in herrschaftlichem, staatlichem oder kommunalem Besitz. „Nach dem Kauf des Dorfes 1417 errichtete das Kloster Bebenhausen an dieser Stelle einen befestigten Pfleghof, den es 1496 ,des Klosters Schloߑ nannte“, zitiert Kittelberger. Später wurde es „Burg“ bezeichnet, obwohl kein adeliger Vorbesitzer nachweisbar ist. Aus den Steinen der abgebrochenen Bergkirche wurde 1567/68 die Zehntscheune errichtet.

Nach dem Dreißigjährigen Krieg ließ der württembergische Herzog dort eine Hengst- und Beschälstation einrichten. Ställe wurden eingebaut. Es drängten sich aber nicht nur Pferde in der Zehntscheune. Von 1802 an wurden zwei Mal jährlich Krämer-, Pferde- und Viehmärkte auf dem Burghof abgehalten. 1854 kaufte die Gemeinde die Zehntscheune samt Burghof.

Eine geschichtliche Haltestelle ist an der B 27 aufgebaut. Hier erinnern vier stattliche Anwesen mit großen Höfen aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts an die 1756/57 neue Schweizer Straße und an kapitalkräftige Ofterdinger Unternehmer: Die Gasthöfe „Zum Ochsen“ und „Zur Krone“ und die ehemaligen Wirtschaften „Zum Goldenen Ochsen“ und „Zum Löwen“ siedelten sich entlang der Schweizer Chaussee an. „Es war die erste moderne Straße Württembergs seit dem Mittelalter“, erläutert Kreisarchivar Wolfgang Sannwald. Sie hatte einen festen steinernen Unterbau und die Ofterdinger versprachen sich viel von ihr: „Der Nuzen von der neuen Landstraße ist unaussprechlich groß“, hieß es im Jahr 1772.

Der Spaziergang führt nun aus dem Dorf hinaus, den Nonnenweg entlang, zum Ofterdinger Berg. Dort liegt der Friedhof als letzter Zeuge der mittelalterlichen Pfarrkirche für Nehren und Ofterdingen, die hier einst stand. Die Kirche wurde 1567 abgebrochen, aber der Friedhof blieb. An die Bergkirche erinnern nur noch wenige Spolien: eine Engelsfigur, die in die Friedhofsmauer eingelassen ist, und der Morizstein mit dem Kirchenheiligen Moriz. Im Mittelalter thronte noch dazu ein Frauenkloster auf dem Berg. Doch nach der Reformation wurden die Gebäude abgebrochen.

Zurück ins Dorf: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Flur „Hinter Höfen“ wegen der wachsenden Wohnungsnot zu Bauland erklärt. Zwischen 1950 und 1955 entstanden die meisten der 35 Einfamilienhäuser, teils gebaut von Ofterdingern, teils von Zugezogenen. Zudem errichtete die Kreisbaugesellschaft Tübingen sieben und die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft Südwürttemberg-Hohenzollern vier Mietshäuser mit je vier Wohnungen. In den 1960er Jahren lebten 285 Heimatvertriebene in Ofterdingen, davon 210 Katholiken. Sie „verwandelten das bisher nahezu rein evangelische Dorf in ein konfessionell gemischtes“, sagt Kittelberger, der sich im Rathaus durch sämtliche Bauakten gearbeitet hat.

Der Weg führt zur Steinlach, in die Bachsatzstraße und die Kriegsstraße, zum Ammonitenpflaster. Eingeschlossene Fossilien, gedreht wie Schneckennudeln, liegen hier im Bachbett der Steinlach, ausgestorben vor rund 65 Millionen Jahren.

Über die Dächer von Ofterdingen ragt die Mauritiuskirche empor. Ihr ältester Teil ist der Turm, sein Erdgeschoss entstand mit einem Kapellenraum um 1427. Erst hundert Jahre später wurden Sakristei und Kirchenschiff gebaut. Hier wird der Morizstein der Bergkirche aufbewahrt. Nach dem Brand der Zehntscheune 1956 war er dort entdeckt worden. Auf dem Kirchplatz steht das jüngste Denkmal: die Statue Heinrichs von Ofterdingen des Künstlers Andreas Futter.

In Ofterdingen überwog in der Vergangenheit die Zahl der Armen stets die der Reichen. Das Armenhaus in der Goldgasse wurde möglicherweise schon im Mittelalter durch das Kloster Bebenhausen als Siechenhaus eingerichtet. Dafür spricht die Lage, ehemals außerhalb des Dorfes in der Nähe des Verkehrsweges in Richtung Bodelshausen. Das heutige dreistöckige Gebäude entstand 1833.

Der Spaziergang lenkt die Besucher weiter in die Mühlstraße – zur Mühle, die im Mittelalter zum Kloster Bebenhausen gehörte, und zum Mühlkanal. 1969 wurde er zugeschüttet, das Bachbett der Steinlach neu gestaltet und die Mühle mit Elektromotor betrieben.

In der Mühlstraße befinden sich auch Sägewerk und Stielfabrik Schmid. Im Jahr 2010 zerstörte ein Großbrand die Gebäude, doch werden sie wieder aufgebaut. Seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts spezialisierten sich die Ofterdinger Wagner auf die Herstellung von Gerätestielen. Der Ortshistoriker weiß: „Auf dem Höhepunkt vor und nach dem Zweiten Weltkrieg war Ofterdingen europaweit der größte Standort der Stielfabrikation.“

Der Geschichtslehrpfad endet in der Museumsscheuer – oder auch nicht. Denn die 15 geschichtlichen Stationen sind zwar nummeriert. Der Ein- und Ausstieg ist aber überall möglich und auch die Laufrichtung kann jederzeit geändert werden. Mit historischen Fotos sind die Texttafeln bebildert. Was hat sich erhalten? Was verändert? Was ist verloren? Der Spaziergänger kann es an Ort und Stelle prüfen.

Als das Kloster Ofterdingen kaufte
Ein Blick zurück: das Rathaus (links) und die Bachsatzstraße Ende des 19. Jahrhunderts.Bilder: Gemeindearchiv

Als das Kloster Ofterdingen kaufte
Flammen schlugen durch das steile Dach der Zehntscheune, die am 10. August 1956 bis zu den Grundmauern abbrannte.

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22.06.2011, 12:00 Uhr

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