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Anregende Lektüre über die Entstehung des Landkreises Tübingen

Als die Karten neu gemischt wurden

KREIS TÜBINGEN. Im Jahr 1998 wurde der Landkreis Tübingen in seiner heutigen Gestalt 25 Jahre alt. Daß Institutionen solche Jubiläen mit einer Festschrift feiern, ist nicht ungewöhnlich; in der Regel wird sie als Chronik präsentiert, deren Daten sich zu einer Erfolgsbilanz summieren. Das Buchprojekt des Landkreises Tübingen wurde anders angelegt.

13.02.1999

Von Hermann Bausinger

Es umfaßt nicht nur die letzten 25 Jahre, sondern die Zeit seit Kriegsende, also mehr als ein halbes Jahrhundert, und der Akzent liegt auf der Vorgeschichte des heutigen Landkreises. Um vage pränatale Sondierungen und Spekulationen handelt es sich freilich nicht: Es gab ja bereits einen Kreis Tübingen, es gab die Städte und Dörfer des Kreises, und es gab mannigfache Konkurrenz- und Kooperationsverhältnisse zwischen den einzelnen Orten, für die der Kreis eine wichtige Mittler- und Ausgleichsinstanz darstellte.

Der neue, von Wolfgang Sannwald herausgegebene Band schließt so direkt an das (ausverkaufte) Buch über das Kriegsende an, das ebenfalls von Sannwald unter dem Titel „Einmarsch, Umsturz, Befreiung“ zusammengestellt wurde. Diesmal reizt er das Leseinteresse durch drei Schlagwörter, die bestimmte Entwicklungsphasen der Nachkriegszeit repräsentieren ? Persilschein steht für die Versuche zur Entnazifizierung und damit für die ersten Nachkriegsjahre, Käferkauf für den wirtschaftlichen Aufschwung, und Abschlachtprämie für die Reformbemühungen um 1970, die unter anderem auch mit verlockenen staatlichen Geldversprechen an die Gemeinden gefördert wurden. Diese Dreiteilung gibt auch die Gliederung des Bandes vor.

Der weitaus umfangreichste Teil ist der erste, der vor allem auf die Jahre bis 1950 bezogen ist. In dieser Zeit wurden die Karten neu gemischt ? was allerdings nicht ausschloß, daß manche Trümpfe in den gleichen Händen wie vorher landeten. Jedenfalls wurden hier Weichen gestellt, mußte aus dem furchtbaren, aber auch fruchtbaren Chaos eine neue Ordnung entwickelt werden. Die Verhältnisse waren schwierig und eng, aber offen für Neues, und mit einigem Geschick war viel zu machen. Landrat Albrecht Kroymann blickt in seinem Vorwort fast nostalgisch auf jene Zeit zurück, als es „noch keinen deutschen Staat, noch kein Land Württemberg gab“, und als das Landratsamt Tübingen „die wichtigste Schaltstelle für die entstehende öffentliche Verwaltung, für alle Maßnahmen des Krisenmanagements“ war ? es regelte „in jener Zeit nahezu alles“.

Hauch von Abenteuer

Das Dutzend Artikel, das sich unter ganz verschiedenartigen Perspektiven mit jener frühen Epoche befaßt, läßt dreierlei hervortreten. Erstens, wie schnell manches wieder in die Gänge gebracht wurde. Noch vor dem Ende des Kriegs hatte die französische Besatzungsmacht das Wiedererscheinen der „Tübinger Chronik“, wenn auch unter anderem Titel, genehmigt, ein knappes Vierteljahr später wurde bereits „Romeo und Julia“ auf dem Tübinger Marktplatz gespielt, und um die gleiche Zeit gestattete die Militärregierung die Organisation von Fußballspielen, obwohl Sportvereine noch verboten blieben. Das zweite: Über dieser Zeit liegt ein Hauch von Abenteuer, das aber keineswegs nur positive Seiten hatte. Viele Initiativen ? vom Bucheckersammeln bis zum Schwarzmarkt ? wurden aus elementarer Not geboren, und von einem wirklichen Aufbruch konnte zunächst keine Rede sein; Unterernährung, Kriegsangst und Parteimüdigkeit bremsten das Engagement der Erwachsenen, und die Kinder saßen, mit viel zu wenig Lehrkräften und ohne geeignetes Lehrmaterial, in Klassen mit 70 oder 80 Schülern.

Allzu schnell ins Abseits

Als drittes fallen Widersprüchlichkeiten in die Augen, die von den Amtsträgern heikle Balanceakte verlangten. Sie mußten beispielsweise für die Erfüllung der Reparationsforderungen sorgen, und gleichzeitig rieten sie den Bauern, ihre Produkte zu verstecken; der Landrat mußte versu-chen, den geldlosen Tauschverkehr einzudämmen, war aber auch bemüht, Güter zur Existenzsicherung per Tausch in den Kreis zu bekommen. Höchst widersprüchlich waren auch die Praktiken der politischen Säuberung. Aversionen gegen die zunächst federführenden Besatzer, unterschiedliche Maßstäbe in der französischen und amerikanischen Besatzungszone, Mißtrauen gegen die an den Entscheidungen beteiligten Kommunisten, aber auch Angst vor dem Ausdünnen der Führungsschicht ? all das verhinderte eine klare Linie in der Entnazifizierung. Bezeichnend der Ausspruch des ersten Nachkriegsrektors der Universität, er müsse gegenüber seinen Professoren „als Staatsan-walt, zugleich aber als Verteidiger“ fungieren ? hinzuzufügen ist, daß er durchaus auch ein wenig den Richter spielte und daß er wenige Monate später auch noch in die Rolle des Angeklagten geriet und sein Amt abgeben mußte.

Abgeschlossen wird der erste Teil mit einem Aufsatz über die Schwierigkeiten der Erinnerung, der sich auf die Symbole und die Wege des Gedenkens im Landkreis bezieht, daran aber grundsätzliche Erörterungen knüpft, die auch für die jüngsten Kontroversen bedeutsam sind. Die Aufsätze des zweiten Teils verfolgen, einige unterbaut mit instruktiven statistischen Tabellen, die Entwicklung bis in die Gegenwart. Der Akzent liegt aber auch hier auf der Startphase, auf dem „wirtschaftlichen und sozialen Umbruch“, wie es die Zwischenüberschrift ausweist. Das hat Vorzüge, denn es stellt die Schwierigkeiten des Prozesses vor Augen, zeigt für ver-schiedene Bereiche, daß das Bild eines unwiderstehlichen, strahlenden Aufstiegs nur durch Ausblendungen zustandekommt.

Die heute oft als vorbildliche Lösung herausgestellte Integration der Flüchtlinge und Heimatvertriebenen beispielsweise war keineswegs rundum erfolgreich und stand am Ende einer beschwerlichen Stolperstrecke; unter dem Schlagwort „Tragfähigkeit“ wurde schon damals diskutiert, ob das Boot nicht voll sei. Auf der anderen Seite sticht hervor, was alles tatsächlich sehr früh erreicht wurde ? im kulturellen Bereich etwa die von Adolf Rieth organisierte und von 42 000 Menschen besuchte Ausstellung verfemter Kunst oder die Anfänge des Tübinger Theaters. An diesem Beispiel drängt sich freilich auch der Nachteil der Akzentsetzung auf: Während die Anfangsphase bis ins einzelne dokumentiert wird, wurden die späteren Spielzeiten des LTT relativ pauschal abgehandelt, wobei etwa die erfolgreiche Ära Pierwoß mit Hilfe einiger boshafter Stuttgarter Kritiken allzu schnell ins Abseits gedrängt wird.

Der dritte Teil des Bandes schildert die Entstehung des Landkreises Tübingen und vor allem die ihr vorausgehenden Geburtswehen. Die Reformen, die in der Zeit der Großen Koalition angestoßen wurden, betrafen den Landkreis in seiner äußeren Begrenzung: Im Nordosten gingen Pliezhausen und die umliegenden Dörfer an den Kreis Reutlingen, der seinerseits Gomaringen abgab, und im Westen wurde der Kreis Tübingen durch ein größeres Gebiet des aufgelösten Kreises Horb erweitert. Aber auch die Binnengliederung wurde verändert, denn ein wesentliches Ziel der Reform war es, durch Zusammenschlüsse aktions- und funktionsfähige Gemeinden herzustellen. Unmittelbar nach dem Krieg hatte Carlo Schmid die Kirchturmpolitik als Medizin gegen das „künstlich eingeimpfte Großraumdenken“ gelobt ? bald aber zeigte sich, daß solches Kirchturmdenken den anstehenden Aufgaben nicht gerecht wurde und vor allem kleine dörfliche Gemeinden mehr und mehr schwächte.

Dirigistische Planung

Nach Überblicksartikeln von Helmut Groß und Wolfgang Sannwald wird in verschiedenen Essays geschildert, wie sich in den einzelnen Teilen des Kreises die Willensbildung vollzog und welche Entscheidungen getroffen wurden ? wobei diese nicht in allen Fällen den Wünschen der Bevölkerung gerecht wurden und auch nicht immer zu vernünftigen Strukturen führten. Die schlimmsten Auswüchse einer dirigistischen Planung ? etwa eine zwischen Hechingen und den Hohenzollern plazierte Kreisgrenze ? wurden zwar verhindert; aber manchmal machten die Grenzziehung der Kreise und die gesetzlichen Vorgaben der zwischen einzelnen Gemeinden geplanten Zusammenschlüsse unmöglich. Das galt sowohl für die kleine „Dreierlösung“ Immenhausen-Mähringen-Wankheim wie für einen großen Verbund der Steinlachgemeinden. An anderen Beispielen wird deutlich, wie durch kluges Taktieren Zusammenschlüsse auch dann durchge-setzt werden konnten, wenn sie von den Vorgaben des Ministeriums abwichen; dies war zum Beispiel bei der Gründung von Neustetten der Fall, die fast ausschließlich Rudi Maier ? schon vor der Reform Bürgermeister in zwei Dörfern ? zu verdanken war.

Wie stark die Entwicklung in den ersten Nachkriegsjahrzehnten von einzelnen Persönlichkeiten bestimmt wurde, ist eine generelle aus dem Band zu gewinnende Erkenntnis. Natürlich gehört es auch zu den Darstellungsmitteln des Historikers, Ereignisse und Entwicklungsprozesse über einzelne Personen lebendig werden zu lassen; Johannes Michael Wischnath gibt dafür ein eindringliches Beispiel, indem er die Problematik der politischen Säuberung der Hochschule über die Person des letzten Rektors der NS-Zeit und dessen im Universitätsarchiv zugängliche Tagebucheinträge vermittelt. Aber die Personalisierung ist nicht nur ein didaktischer Kniff.

Obwohl keiner der Aufsätze einer einzelnen Person gewidmet ist, treten die Profile einzelner Männer klar hervor: Carlo Schmid, dessen Gewicht schon an der Formulierung deutlich wird, mit der der Tübinger Oberbürgermeister Adolf Hartmeyer der SPD die Richtung wies: „der Anschluß an Carlo Schmid sei das einzig Richtige“. Hermann Zahr, der als Bürgermeister von Dußlingen abgesetzt wurde, weil er einem sprachkundigen Besatzungsoffizier das Götzzitat an den Kopf warf und der sich bald darauf gegen anfänglichen Widerstand („Wir Tübinger brauchen keinen Berliner Schauspieler als Landrat“) als Landrat durchsetzte und bewährte. Oskar Klumpp, Landrat zur Zeit der Reformen, der mit Augenmaß gegen die „Vergrößerungsepidemie“ ankämpfte und zweckmäßige Lösungen erreichte. Hans Gmelin schrieb schließlich, der unbeirrt seiner Linie folgte, aber als gewiefter Taktiker der Stadt Tübingen „sanfte Eingemeindungen“ bescherte.

Lauter Männer

Auch aus dem zweiten Glied könnten noch weitere Männer angeführt werden ? übrigens sind sie alle in den reichen Illustrationen des Bandes vertreten. Lauter Männer, keine Frau. Dies liegt an den Realitäten jener Jahrzehnte, es gab nun einmal keine Landrätin und keine Oberbürgermeisterin. Trotzdem ? es wäre nicht nur eine modische Arabeske gewesen, wenn wenigstens in einem Essay die besondere Rolle der Frauen, ihre Arbeitsleistung und ihr Einfluß jenseits der amtlichen Kanäle behandelt worden wäre.

Dies ist, bezogen auf den Inhalt der 32 Aufsätze, meine einzige Kritik. Daß nicht alle Abhandlungen gleich transparent sind, muß angesichts der Vielzahl von Autorinnen und Autoren (25) kaum betont werden. Aber es gibt keine Ausfälle, und insgesamt ist ein anschauliches und lebendiges Lesebuch und Nachschlagewerk entstanden. Beide Funktionen sind allerdings etwas beeinträchtigt: Das Lesen wird durch das äußerlich gefällige, aber unpraktische Format erschwert, und es fehlen Register, die das in den Aufsätzen ausgebreitete Material erschließen. Vielleicht kann dies bei einer Neuauflage berücksichtigt werden; und wünschenswert wäre auch ein biographischer Hinweis zu den Verfassern ? auch und gerade weil es sich teilweise um bisher nicht ausgewiesene Wissenschaftler handelt, die ihre Studien im Rahmen eines interdiszi-plinären Seminars der Universität erarbeiteten.

Jedenfalls handelt es sich um keinen Jubiläumsband, der lediglich als Dokument in amtlichen Registraturen seinen Platz finden sollte, sondern um eine höchst informative und anregende Lektüre für alle, die das Geschilderte miterlebt haben oder die aufgeklärt sein wollen über die Herausbildung neuer Strukturen nach dem Zweiten Weltkrieg. Glückwunsch zu diesem Wurf ? an den Landkreis und an alle Beiträger, allen voran Wolfgang Sannwald, der nicht nur als Herausgeber fungiert, sondern genau ein Drittel der 480 Seiten selbst beigesteuert hat!

Wolfgang Sannwald (Hrsg.): Persilschein, Käferkauf und Abschlachtprämie. Von Besatzern, Wirtschaftswunder und Reformen im Landkreis Tübingen. Verlag Schwäbisches Tagblatt, Tübingen 1998, 480 Seiten, 44 Mark.

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Erstellt:
13. Februar 1999, 12:00 Uhr
Aktualisiert:
13. Februar 1999, 12:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 13. Februar 1999, 12:00 Uhr

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