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Als die Welt noch eine Scheibe war

Pink Floyd gehört. Nicht geweint, aber Wein getrunken. Die Rotweinfraktion unter den Menschen ab 40 schwört auf „The Wall“ und denkt an den Film von Alan Parker. Ich werde nie vergessen, wie wir vor 30 Jahren mit Gänsehaut im Schwäbisch Gmünder Programmkino saßen.

05.06.2015
  • Matthias Reichert

„Waiting for the Worms“ und marschierende Strichmännchen mit Fascho-Symbolen – das Lebensgefühl der 80er: Abgründe zur Vergangenheit, Mauern zwischen Ost und West, Panikattacken angesichts des atomaren Wettrüstens. Dazu ein bisschen Psychotrip für Jungs mit starker Mutterbindung: „Mother“ oder „Comfortably Numb“.

Frei nach E.T.A. Hoffmann: Wo die Musik aufhört, fängt die Sprache an. Der olle Romantiker sagte es zwar umgekehrt, aber die Grenzen meiner Sprache sind mit Wittgenstein die Grenzen meiner Welt. Wenn gar nichts mehr geht, höre ich Joan Baez und glaube wieder ein bisschen an das Gute im Menschen. Wenn ich die Welt zu rosarot sehe, höre ich Nick Cave und glaube wieder an die Endlichkeit des Daseins. Frank, der Germanist im Existenzialistenlook, hat das in unserer alten Tübinger WG rauf und runter gehört, bis er samt Freundin nach Berlin zog. Die schwere Kiste mit Schallplatten, die er nie abholte, haben wir irgendwann zum Sperrmüll gestellt.

Neulich ging es im Urlaub um Wolfgang Ambros und den „Watzmann“. Einer der Freunde schwärmt noch heute in höchsten Tönen: Der Berg ruft, aufi muss i. Sogar in Reutlingen findet man die Scheibe – so gut ist nicht in jeder Großstadt ein CD-Laden bestückt.

Meine damaligen Kumpane hörten aber lieber Beatles, und ich schwor bald auf Bob Dylan. Bis heute. Die Großen der Musikwelt machen das nicht anders. Die Cover-Version von Adele zu „Make you feel my Love“, auf ihrem ersten Album, bevor sie endgültig die Hitparaden stürmte, ist schlicht genial. Aber es muss nicht immer Dylan sein, auch wenn er jetzt in Tübingen auftritt. Von den eher unbekannten Jungstars schätze ich Anna Depenbusch, die mit ihrer Mathematik-Platte 2011 hierzulande den Durchbruch geschafft hat. „Haifischbarpolka“ heißt ihr Ohrwurm für Herzkranke von 15 bis 75. Noch so ein Herzensbrecher ist Sven Regener, der Frontmann bei Element of Crime. Der wird, so scheint’s, von CD zu CD jünger. „Finger weg von meiner Paranoia“ – das passende Lied für alle, die in der Reutlinger Großstadt Platzangst bekommen.

Ich bin hingegen mit Eric Clapton in die Jahre gekommen. Meinen Altersgenossen schenke ich gerne zum Geburtstag Claptons Album „Old Sock“. Gibt’s mittlerweile für 5 Euro. Musik ist heutzutage nach einem Jahr nichts mehr wert – abgesehen von den Beatles, die sich rechtzeitig digital remastern ließen und Höchstpreise mit Ewigkeitsgarantie kassieren.

Pink Floyd schwächelt hingegen im CD-Regal. Wer kauft schon „Echoes“, die gigantische Psychedelic-Orgie auf dem Album „Meddle“ mit zehnminütiger musikalischer Geisterbahnfahrt? Die CD-Händler sollten vielleicht Weinflaschen danebenstellen.

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05.06.2015, 12:00 Uhr

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