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Kommentar kurz vor dem Sommerloch

Als gäb’s kein Morgen mehr

Es gibt zwei Phasen im Jahr, in denen alle, die mit den Medien in irgendeiner Form zu tun haben, anscheinend so etwas wie Torschlusspanik verspüren: Zwei Wochen vor Weihnachten und 14 Tage vor den Sommerferien werden wir mit Last-Minute-Terminen, eilends anberaumten Pressekonferenzen oder ausführlichsten Mails vollgeballert, als gebe es nach dem Ferienbeginn kein Morgen mehr.

29.07.2014
  • Thomas de Marco

Alle wollen ihre Anliegen noch vor dem letzten Schultag veröffentlicht sehen. Behörden und Vereine, Institutionen und Parteien, Profis und Ehrenämtler scheinen von einer Kraft getrieben, die fast schon pathologische Züge annimmt: Der Angst davor, dass sich sofort mit Ferienbeginn die Stadt leeren könnte, ganze Orte verwaisten, das öffentliche Leben erlahme – und damit auch jegliche Veröffentlichungen keinerlei Nachhall mehr finden würden. In einem Jahr mit Kommunalwahl führt die Termin-Verdichtung vor den Sommerferien vollends zum explosiven Gemisch: Alle Gremien müssen in der letzten Sitzung in alter Besetzung enorme Tagesordnungen abarbeiten, bevor die neu gewählten Volksvertretungen übernehmen.

Vergangene Woche hat deshalb der Reutlinger Gemeinderat zwei Stunden früher als üblich begonnen, um die ganze Palette vom Stadthallen-Hotel über das Bauprojekt in der Katharinenstraße bis zum Bürgerpark durchzuhecheln.

Auch der Kreistag hat vor zwei Tagen mit Regionalstadtbahn, Hagelabwehr und Klinikfinanzen ein enormes Pensum bewältigen müssen. Unverständlich dabei allerdings, wieso die Tagesordnung mit einer ewig langen Verabschiedungszeremonie ausscheidender Ratsmitglieder begann und mit dem Kreissparkassen-Jahresbericht 2013 fortgesetzt wurde. Da durften Kreisräte dann ausführlich das Geschäftsmodell des Kreditinstituts loben oder sich vom Vorstandsvorsitzenden erklären lassen, weshalb bei der Kreissparkasse die Angst vor riskanten Wertpapiergeschäften oder spekulativem Investment-Banking doch reichlich übertrieben sein dürfte. Derweil mussten selten anwesende Vertreter überregionaler Medien, die nur wegen der Debatte um die Hagelabwehr gekommen waren, viel Geduld aufbringen, bevor die beantragten Zuschüsse für den Hagelflieger diskutiert wurden. Von der Dramaturgie her mag der Aufbau der Tagesordnung Freunde des Theaters ansprechen, für Journalisten war sie dagegen denkbar schlecht konzipiert.

Allen, die uns jetzt noch schnell am Tag vor Ferienbeginn einen Termin unterjubeln wollen, sei gesagt: Nichts geht mehr! Nächste Woche dagegen sind wir dankbar, wenn sich jemand mit einem Anliegen an uns wendet. Wir können dann auch garantieren, dass keineswegs alle Reutlingerinnen und Reutlinger die Stadt verlassen haben. Wer noch nicht im Urlaub ist oder gar keine Reise plant, der hat ohnehin jede Menge Muße. Diejenigen aber, die in der Woche vor Ferienbeginn auf gepackten Koffern gesessen sind, haben wenig davon mitbekommen, was ihnen noch alles präsentiert werden sollte.

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29.07.2014, 12:00 Uhr

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