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Geschichtsverein erinnerte an die Bombardierung der Härten

Als halb Kusterdingen brannte

KUSTERDINGEN. Das Interesse war riesengroß: Bald 150 Besucher/innen kamen am Dienstag ins Kusterdinger „Höfle“, wo der Geschichtsverein Härten an die verheerende Kusterdinger Bombennacht am 15./16. März 1944 erinnerte. Auch etliche Zeitzeugen meldeten sich zu Wort.

18.03.2004
  • Volker Rekittke

Als halb Kusterdingen brannte
Kinder spielen auf den Trümmern des von Bomben zerstörten Kusterdinger Schulhauses an der Kirchentellinsfurter Straße, rechts Jörg Wurster.

Es ist kalt an jenem Märztag vor 60 Jahren, überall auf den Härten liegt noch Schnee. Am Abend ist die Wolkendecke geschlossen, kein Stern leuchtet am Himmel. Kurz vor Mitternacht dann der Alarm in Reutlingen und Tübingen, ein auf- und abschwellender Ton. Kein Voralarm, wie sonst üblich. Schon bald hören die Menschen auf den Härten in der Ferne die ersten Bombeneinschläge, die rasch näher kommen.

„Die Minuten wurden zu Ewigkeiten, jeden Moment könnte es einen treffen“, erinnert sich Zeitzeuge Friedrich Hinderer, der damals Tagebuch führte. „Wohl noch nie“, sagt der heute 78-jährige Mann, „ist in Kusterdingen so viel gebetet worden wie in dieser Nacht.“ Um 1.30 Uhr dann endlich Entwarnung: „Allmählich getrauten wir uns wieder aus dem Keller“, erzählt Hinderer, „alles war taghell erleuchtet.“ Halb Kusterdingen stand in Flammen, besonders hart traf es das Bauernviertel an der Tübinger Straße.

Auch das alte Schulhaus an der Kirchentellinsfurter Straße, dort steht heute das Rathaus, wurde von mehreren Stabbrandbomben getroffen, erinnert sich Jörg Wurster. Als Bub wohnte er mit seiner Mutter in einem der oberen Stockwerke des Gebäudes. Die Mutter, erzählt Wurster, habe eigenhändig eine der halbmeter-langen Brandbomben aus dem Fenster geworfen, bevor die völlig überlastete Feuerwehr eintraf. Als der das Wasser ausging, soll einer der Männer gesagt haben: „Lassen Sie‘s brennen, wir bauen ein Schöneres.“

Auch Zwangsarbeiter löschten

Als halb Kusterdingen brannte
Friedrich Hinderer (links) erinnert sich. Im Hintergrund ein Bild von der völlig zerstörten Tübinger Straße.

Auch andere Zeitzeugen beteiligen sich lebhaft an der vom Geschichtsvereins-Vorsitzenden Manfred Wandel moderierten Diskussion, so der damals 14-jährige Heinz Wolpert. Der spätere Kusterdinger Ortschronist war seinerzeit als Meldegänger zum Tübinger Landratsamt geschickt worden. Dort tat er kund: „Kusterdingen brennt an allen Ecken und Enden“. Oder Fritz Kehrer, der zu berichten weiß, wie sehr die zahlreichen Zwangsarbeiter im Ort den Einheimischen in jener Nacht zur Seite standen: „Die haben gelöscht, als wär‘s ihr eigenes Haus.“ Martha Schwägerle schließlich erinnert sich daran, wie die Kusterdinger sich ans Schuttwegräumen und den Wiederaufbau machten: „Wir haben durchgearbeitet, oft bis spät in die Nacht.“

Der Angriff beginnt

Sesley Bill, Südengland, am frühen Abend des 15. März 1944. Über tausend schwere Lancaster- und Halifax-Bomber starten zu der bis dahin größten Luftoperation der Kriegsgeschichte. Das Ziel: Stuttgart, das die bislang 16 Angriffe der „Royal Air Force“ relativ unbeschadet überstanden hat. Ein 150 Kilometer langer Bomber-Lindwurm brummt hoch über dem besetzten Frankreich in Richtung Reichsgrenze, schon früh attackiert von deutschen Nachtjägern.

Durch die permanenten Jäger-Angriffe wird die britische Luftstreitmacht schließlich aufgespalten, die für die Zielmarkierung („Christbäume“) wichtigen Moskito-Flieger kommen zu spät an. Deshalb und wegen der schlechten Bodensicht rauscht der Großteil der Bombenlast viel weiter südlich zu Boden, als geplant. Als endlich der abgespaltene Teil der Bomberflotte eintrifft, halten die Navigatoren die bereits brennenden Fildern irrtümlich für Stuttgart und werfen ihre Bomben – Pech für Kusterdingen, aber auch für Wankheim, Tübingen und Reutlingen – nun noch weiter im Süden der Schwabenmetropole ab.

Als halb Kusterdingen brannte
Britisches Flugblatt, das am 16. März 1944 über den Härten abgeworfen wurde.

30 Sprengbomben und 400 Stabbrandbomben, außerdem zwei Luftminen von jeweils fast zwei Tonnen Gewicht, prasselten in nicht einmal einer halben Stunde auf Kusterdingen herab, berichtet Professor Herbert Raisch in seinem Einführungsvortrag. 144 Gebäude, davon 93 Wohnhäuser, wurden zerstört, 300 Menschen obdachlos. Wie durch ein Wunder waren nur drei Menschen getötet worden – „man ist noch einmal davon gekommen“, notierte Hinderer am Tag danach. Vier Fünftel aller Bomben, Glück im Unglück, waren auf freiem Feld nieder gegangen.

Nicht nur Bomben, auch tausende von Flugblättern und gefälschten Lebensmittelkarten regneten am 16. März auf Kusterdingen herab. Darauf informierten die Engländer die deutsche Bevölkerung über die schweren Verluste an der Ostfront – die der Wehrmachtsbericht zurecht gelogen oder schlicht verschwiegen hatte. Auf anderen Propaganda-Zetteln wurden die leidgeprüften Deutschen daran erinnert, dass es ihre Luftwaffe gewesen war, die als erste zivile Ziele bombardiert hatte – von Coventry bis Warschau, von Rotterdam bis Belgrad.

Etliche Flugblätter wurden eingesammelt und bei den Behörden abgeliefert, wie ein vertraulicher Bericht des Tübinger Landrats an die Gestapo-Leitstelle in Stuttgart vermerkt. Wie viele allerdings in Kusterdinger Schubladen verschwanden und abends heimlich studiert wurden, kann nur vermutet werden.

Dass nicht alle Kusterdinger allein den Briten die Schuld gaben, zeigt ein weiterer Bericht von Friedrich Hinderer. Der erinnerte sich daran, wie ein alter Mann in der Lustnauer Straße am Tag nach dem Angriff vor den Trümmern seines Hauses stand und wütend schimpfte: „Wenn I dr Hitler bei mer hätt, en dui Glut däd en I neidrucka!“

Solche Äußerungen waren in Nazi-Deutschland nicht ganz ungefährlich. Streng verboten war übrigens auch das private Fotografieren von rauchenden Ruinen nach einem Bombenangriff. Die Nazi-Führung hatte Angst, dass solche Bilder Resignation und Kriegsmüdigkeit in der Bevölkerung befördern könnten. Dass der Geschichtsverein dennoch an mehrere Dutzend der beeindruckenden Zeitdokumente gelangte, verdanken die Härten-Historiker einem Soldaten, der damals in Kusterdingen auf Fronturlaub war und sich von den NS-Drohgebärden offensichtlich nicht einschüchtern ließ.

Die Folgen jener Bombennacht bekam Kusterdingen, als die am stärksten zerstörte Gemeinde im Kreis, noch viele Jahre zu spüren: 1965, berichtet Wandel, wurden beim Bau der August-Lämmle-Schule 60 Bomben-Blindgänger aus der Erde geholt.

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18.03.2004, 12:00 Uhr

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