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Alte Drähte, neue Netze
Ein Graffiti mit der serbischen (links) und der russischen (rechts) Flagge und dem Slogan "Kosovo ist Serbien - Krim ist Russland", aufgenommen in der Serbenhochburg Mitrovica im Norden des Kosovo: Neben dieser gibt es noch etliche weitere Hürden für Serbien auf dem Weg in die EU. Foto: Thomas Brey/dpa
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Alte Drähte, neue Netze

Serbien strebt in die EU, spielt aber zugleich mit Russland-Kontakten und Nationalismus. Wo führt das hin? Landesvertreter informieren sich.

19.03.2018
  • AXEL HABERMEHL

Belgrad. In Belgrads Innenstadt bereitet man sich entschieden auf den Frühling vor. Die Leute sitzen vor den Cafés, schlendern sonnenbebrillt durch Gassen, vielerorts wird renoviert. Auf den ersten Blick ist alles auf Konsum westlichen Modells getrimmt. „H&M“ liegt gegenüber „Zara“, um die Ecke wirbt ein neues „Shopping Center“ mit „Gerry Weber“, „Esprit“ und „DM“ unter einem Dach. Vieles wirkt europäisch wie Bamberg oder Budapest, doch ein paar Schritte weiter schimmert ein anderes Belgrad durch.

Im Kalemegdan, der alten Festung über der Donau, haben sie Kriegsgerät in Stellung gebracht, museal inszeniert, zum Ruhm der Nation. Zwischen Kanonen aus allerlei Kriegen zielt, optimal in Szene gesetzt, auch die Flugabwehr-Batterie in den Himmel, mit der 1999 ein US-Tarnkappenbomber der NATO abgeschossen wurde. An Souvenir-Buden hängen T-Shirts mit dem Bild des als Völkermörder verurteilten Generals Ratko Mladi. Daneben zieht Russlands Präsident Wladimir Putin grimmig die Mundwinkel nach unten. Überall prangt hier Symbolik serbischen Nationalstolzes und enger Verbundenheit mit dem großen slawischen Brudervolk Russland.

„Wenn man sieht, wie die Serben ringen, zwischen Putin und EU, darf man eigentlich keine Zeit verlieren, ihnen eine europäische Perspektive zu geben“, sagt Guido Wolf (CDU). Baden-Württembergs Minister für Justiz und Europa ist dieser Tage mit einer Delegation durch Serbien gereist. Eben kommt er von einem Termin bei Justizministerin Nela Kuburovic, nun sitzt er in der Hotellobby und berichtet.

„Die Vernunft spricht bei vielen Serben klar für die EU, aber die Herzen schlagen für Putin“, hat Wolf beobachtet. Die Kontakte seien eben historisch eng: Panslawismus, Orthodoxie, Kultur, kyrillische Schrift, dazu die Vorliebe für harte Anführer. Kürzlich, so habe man ihm berichtet, seien per Umfrage die beliebtesten internationalen Politiker ermittelt worden: Putin lag vor Merkel. „Aber“, sagt Wolf und macht eine Pause: „In Russland leben will hier doch keiner.“

Dicke Brocken

Serbiens Regierung will das Land in die EU führen. Erst kürzlich hat die EU-Kommission die Beitrittsperspektive bekräftigt; vielleicht schon bis 2025. Allerdings nur, wenn nötige Reformen umgesetzt und festgelegte Kriterien erfüllt sind. Das, so viel wird im Lauf der Reise klar, wird nicht einfach; ganz abgesehen von dicken Brocken wie der ungeklärten Kosovo-Frage.

Korruption ist Alltag, die Justiz intransparent, Pressefreiheit ein Thema. Vielerorts herrscht Arbeitslosigkeit und Armut, Zehntausende wandern jährlich aus Perspektivlosigkeit aus. Premierministerin Ana Brnabic gilt zwar als fähige Managerin, aber auch als Marionette des mächtigen Präsidenten Aleksandar Vucic, der lange in der ultra-rechten „Radikalen Partei“ war, bevor er zur „Fortschrittspartei“ und in Richtung EU schwenkte.

Die Weichen stellen soll EU-Beitrittsministerin Jadranka Joksimovic. Serbien habe schon viele Reformprojekte angestrengt, sagt sie. „Nicht nur in der Wirtschaft, auch in den Bereichen Justiz und Korruptionsbekämpfung.“ Im Juni wolle man die nächsten EU-Beitrittskapitel öffnen, darunter das zum Thema Rechtsstaat.

Nichts erzwingen wollen, aber klare Bedingungen stellen, keine Ausschließlichkeit in der Frage der Beziehungen zu Russland stellen, immer im Gespräch bleiben, auf regionaler Ebene Netze spinnen und persönliche Kontakte pflegen: Das soll, so jedenfalls sagen es viele Delegationsteilnehmer, die Strategie Baden-Württembergs für Serbiens EU-Beitrittsprozess sein.

Das wird auch später am Tag in Novi Sad in der Vojvodina deutlich, wohin die Delegation aus Belgrad reist. Hier gibt es alte Drähte in den deutschen Südwesten, allein schon wegen der alten Migrations- und Handelsrouten entlang der Donau. Und wegen der 500 000 Deutschstämmigen, die in Jugoslawien lebten, bis Faschismus, Nationalismus und Rachestreben im und nach dem Zweiten Weltkrieg die Minderheit der Donauschwaben bis auf ein Minimum reduzierten. Eine Stadt wie Ulm kennt hier fast jeder.

Bis heute ist die Region multiethnisch und multikulturell geprägt. Im Regionalparlament, wo Wolf eine Rede hält, spricht man sechs Sprachen. „Wir hatten hier schon Simultandolmetscher in sechs Sprachen, lange vor dem EU-Parlament“, sagt eine Parlamentsmitarbeiterin grinsend.

Die für Deutsch Zuständigen werden dieses Jahr besonders gefordert sein. In ein paar Wochen kommt die nächste Landes-Delegation, eine deutlich größere, angeführt von Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Im Sommer gibt es Gegenbesuche zum Ulmer Donaufest, und für den Herbst hat sich Landtagspräsidentin Muhterem Aras in der Vojvodina angekündigt. Das Tempo des EU-Beitritts mag noch unklar sein, die Verbindungen nach Baden-Württemberg sind eng.

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19.03.2018, 06:00 Uhr

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