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Bruno Gallo kehrt mit dem „Stern“ zu den Wurzeln zurück

Alte Liebe rostet nicht

Der „Stern“ in der Langen Gasse war früher Tübingens Szenelokal, Anlaufstelle für ein Publikum, das sich in der angesagten Gaststätte bis tief in die Nacht gegenseitig auf den Zehen stand. „Eine brodelnde schwätzende Menge von Nachtschwärmern“, so der legendäre „Kneipenführer“ von Hans Schmid. „Theater, Presse, alles da, und die halbseidene Gesellschaft aus Arsenal, Boulanger, Marktschenke. Da konnte man den Intendanten sehen mit Bruno Ganz, Rechtsanwälte, Filmleute und die Schickeria, die in die Szenekneipe wollten.“ Der Glanz der „Sterns“ verblasste, er wurde ein Lokal unter vielen. Ein Wirt will das nun ändern.

09.04.2012
  • Von Wilhelm Triebold

Natürlich lässt sich die Uhr nicht zurückdrehen. Gemeinsam wurden wir älter, bleiben längst daheim bei Frau und (Enkel-)Kind. Und von den damaligen Kämpen stromern nur wenige noch durch die schütterer gewordene Tübinger Kneipenlandschaft.

Alte Liebe rostet nicht
Und droben leuchtet der Stern: Ein Bild aus den 1950er-Jahren, als die obere Lange Gasse noch Bürgersteige hatte und Hermine Hummel im „Stern“ waltete. Bild: Faber/Stadtarchiv

Außerdem versteht sich der „Stern“, der vor kurzem unter neuer Leitung wieder aufgemacht hat, weniger als Sauflokal für studentische Laufkundschaft, sondern zuerst einmal als Restaurant. Was dazu führt, das manch jüngeres Grüppchen nur kurz die Nase in den „Stern“ streckt, um dann gleich weiter zu ziehen, womöglich nur ein paar Meter weiter abwärts, wo es mit dem „Collegium“ einen anderen Szenetreff hat.

Das bringt Bruno Gallo nicht aus der Ruhe oder aus dem Konzept. Der neue „Stern“-Wirt, sowieso mit sonnigem Gemüt ausgestattet, ist in Tübingen eine Institution. Zuletzt war er die Seele des „Latour“ im Französischen Viertel, halb Café mit Gerichte-Küche zur Mittagsstunde, halb abendlicher Absack-Tresen. Und vielleicht auch eine Art Ersatz für „Stern“-Nostalgiker oder alle, die es innerlich geworden sind, obwohl sie das Vorbild von einst nicht mehr kannten.

„Die Aura von damals zurückgeben“

Vor dem „Stern“ betrieb Gallo nebenan das „Brio“, und wiederum davor das „Da Capo“ in der Belthlestraße. Und schon da bekochte der bekennende Jazzfan so manchen in Tübingen konzertierenden Star des Jazzmetiers. Für den 51-jährigen Gallo ist der aktuelle Wechsel allerdings auch deshalb etwas Besonderes, weil sich ein Kreis schließt. Hier hat er 1977 begonnen, als Bedienung. Der erste Job in der Gastronomie.

Zuvor hatte ein Franzose namens Daniel die französische Küche dort etabliert, etwa Bouillabaisse aus der Dose. Aber auch Muscheln und Coq au Vin, zumindest die zwei letzten Gerichte kommen mit Bruno Gallo nun auch zurück in den „Stern“. Vielleicht wäre er ohne die Lehrzeit im „Stern“ nie Wirt geworden. Nicht ungern denkt er ans Brot der frühen Jahre zurück, als der „Stern“ von sechs bis zehn Esslokal war, danach proppenvoller Szenetreff bis in die Puppen. „Wenn das Arsenal zugemacht hatte, kam alles hier hoch.“

Alte Liebe rostet nicht
Zu seiner Lehrzeit war das Lokal immer am Mittwoch zu, denn der Patron war Fußballfan. Das ist „Stern“-Wirt Bruno Gallo zwar auch, er schließt aber trotzdem lieber montags. Hier sitzt er ganz entspannt nahe dem Tresen, unter drei Plakaten des zeitgenössischen Kölner Künstlers C.O. Paeffgen.Bild: Sommer

Als dem jungen „Stern“-Kellner einmal zwei Zechpreller entwischten, was er vom schmalen Lohn begleichen musste, passierte das, was woanders – am ausgebrannten Jazzkeller – einst nur versprochen wurde: Die Stammgäste soffen ihn aus reiner Solidarität da raus, bis der Fehlbetrag wieder drin war.

Den guten Geist von damals möchte der neue „Stern“-Pächter wiederbeleben. „Die Aura von damals widerspiegeln und zurückgeben“, nennt Gallo das. Das früher von Maria und Franco Tosto geführte Lokal lebte im übrigen davon, dass es selbst zu vorgerückter Stunde dort etwas zu vertilgen gab. Die Küche schloss in der Regel erst nach ein Uhr. Als später die Sperrstunde (und damit die Speisestunde) vorgezogen wurde, begann der Niedergang des „Stern“. Der kehrt jetzt zur alten Gewohnheit zurück: Als vermutlich einziges Altstadtkolal, das bis Mitternacht warme Küche anbietet.

Geöffnet ist bis zwei Uhr morgens. Und: es gibt wieder ein täglich wechselndes zweigängiges Mittagsmenü. Gallo strebt eine ständig wechselnde, mediterran ausgerichtete Küche mit saisonalen Gerichten an, er will „die italienische und die französische Küche“ kombinieren. Der Koch als guter Gesamt-Europäer, mit südländischem Zungenschlag beim Abschmecken. Als besondere Herausforderung gilt ihm Pasta, auf den Punkt gebracht, „eine ernstzunehmende Angelegenheit“, wie Bruno Gallo findet. Über 32 Sitzplätze und ein paar weitere Plätze hinter dem Tresen verfügt der neue „Stern“, dazu kommen bei stabilem Freiluftklima die Außenplätze im Innenhof und einige wenige vorm Haus.

Alte Liebe rostet nicht

„Alte Liebe rostet nicht“, meint Gallo, als er abgekämpft, aber zufrieden im umgebauten Lokal sitzt. „Der große Stierkampf“, jenes riesengroße Originalplakat von 1965, hing früher im Schankraum, nun hat es den festen Erinnerungsplatz im Eingangsbereich des Treppenhauses gefunden. An den Wänden des Gastraums findet sich dagegen eine geschmackvoll ausgerichtete, plakative Dauerausstellung.

Von Polke über Paeffgen und Staeck bis Daumier und Beuys, klug ausgewählt und aufgehängt. Der bilderstarke Tübinger Theatermann Axel Manthey ist dabei, Schinkels „Zauberflöten“-Firmament liegt dem „New-Yorker“-Klassiker und seinem lokalen Ableger „Dr Tübinger“ gegenüber. Und Sepp Buchegger hat eine kunterbunte Installation in einer Wandnische beigesteuert, passenderweise mit freischwebendem Stern.

Seit rund 130 Jahren gibt es den „Stern“ in der Langen Gasse 4. Die Geschichte des ehrwürdigen Hauses aus dem 16. Jahrhundert ist schnell erzählt. In der so genannten „Helferei“ (Helferat, das war die zweite Pfarrstelle) wohnte Universitätskanzler Jakob Andreae, womöglich auch dessen bedeutenderer Enkel (und Ur-Rosenkreuzer) Johann Valentin Andreae. Nebenan logierte mit Erhard Cellius der Stammvater der Osiander-Buchhandlung. Eine Geistes-Ecke also. Buchdrucker Carl August Hopfer de L’Arme, der das ehemalige Pfrundhaus St-Martin 1803 in Besitz nahm, verband beide Gebäude. Nach 1833 waren hier allerdings Bäcker zugange.

Als Schankstube nachgewiesen ist der „Stern“ seit den frühen 1880er-Jahren. Da machte sich der Oberbierbrauer Martin Schenk, der fast ein Vierteljahrhundert im Waldhörnle treue Dienste geleistet hatte, auf seine alten Tage in der Tübinger Altstadt selbständig. Bereits 1894 reichte er den Zapfhahn an den „Felsenkeller“-Meister Georg Ziefle aus der Gartenstraße weiter. Der musste einen Fragebogen über sich ergehen lassen, „Zeugnis“ genannt, nachzulesen im Stadtarchiv: Darin die Frage, ob die Zahl der in Tübingen vorhandenen Wirtschaften schon „über das Bedürfnis“ hinaus gehe, was kurz und bündig mit einem „Ja“ beantwortet wurde. Tübingen hatte als eine Stadt mit 13.275 Einwohnern immerhin 17 Gastwirtschaften und 64 Schankwirtschaften vorzuweisen.

Kein öffentliches Bedürfnis für Mostausschank

Ein geradezu empörtes „Nein!“ schickte der „Stern“-Wirt allerdings folgender Vermutung im amtlichen Formular hinterher: „Liegen gegen den Nachsuchenden Tatsachen vor“, heißt es da etwas scheinheilig, „welche die Annahme rechtfertigen, dass er das Wirtschaftsgewerbe zur Förderung der Völlerei, des verbotenen Glücksspiels, der Hehlerei oder der Unsittlichkeit missbrauchen würde?“ Als ob irgendein Wirt, in Tübingen oder anderswo, da reinen Herzens zustimmen würde...

Bevor Martin Schenk sich aber richtig aufregen konnte, ging sein Lokal schon wieder in andere Hände über. Johann Friedrich Heim und Ehefrau Klotilde führten den „Stern“, allerdings auch nur bis 1899. Dann übergab Klotilde, mittlerweile Witwe, an einen gewissen Johannes Rau. Der bekam umgehend Ärger mit der städtischen Aufsicht, verfiel aber auf die rettende Idee, die Konzession auf eine Bauhütte am Schleifmühlenweg übertragen zu lassen. Dort kehrten Arbeiter ein, die die Bahngleise durchs Ammertal nach Herrenberg verlegten, nicht aber auf die Bahn-Kantine angewiesen sein mochten.

Den „Stern“ übernahm 1908 der ledige Oberkellner Christoph Schäfer, der drei Jahre später Otto Voigt Platz machte. Schon Voigt wollte neben Bier, Wein und Branntwein gerne auch Most ausschenken, das Nationalgetränk der Tübinger Unterstädter. Auf sein Gesuch bekam er von Amts wegen zwar bestätigt: „Da es sich um eine seit langer Zeit bestehende gut gehende Wirtschaft handelt, wird von der Prüfung der Bedürfnisfrage (...) Abstand genommen werden können.“ Nur mit dem Moscht war das so eine Sach‘: „Bzgl. des gleichfalls nachgesuchten Mostausschanks kann bei den hiesigen Verhältnissen ein öffentliches Bedürnis nicht anerkannt werden“, urteilte die Stadt.

Auch Voigts Nachfolger Johannes Acker biss sich zunächst die Zähne aus. Hintergrund war wohl auch die unzureichende Lagerung der gärenden Mostfässer im Gebäude Lange Gasse 4. Im Sommer 1915 musste der „Stern“-Wirt dann als „Landsturmmann ins Feld“, wie Gattin Gottliebin jammerte. Sie forderte im August 1916, auch wegen des „gegenwärtigen Mangels an Getränken“, von der Stadt die Lizenz zum Most kredenzen. „Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Verhältnisse zwingen mich, um die Ausdehnung meiner Wirtschaftsgewichtigkeit auch auf den Obstmostausschank zu bitten“, schrieb sie. Sonst sei sie „genötigt, die Wirtschaft zu schließen.“

Im folgenden Kriegsjahr 1917 erhielten die Ackers dann sogar die Erlaubnis. Zehn Jahre darauf übergaben sie das Lokal für 42.000 Reichsmark (was 168.000 Euro entspricht) an Alfred Gessler. Inzwischen tauchten auf der Getränkekarte auch vermehrt Liköre auf. Von 1929 an führte der langjährige Kantinenpächter Christian Hummel das Lokal. Ein Gemeinderatsprotokoll vermerkt: „Bei der Wirtschaft zum Stern handelt es sich um eine seit längerer Zeit bestehende Wirtschaft, die auch ganz ordentlich geht.“

Doch es kam in der Beurteilung noch schlimmer. Im Kriegsjahr 1941, Christian Hummel war zwei Jahre zuvor verstorben, suchte Witwe Hermine Hummel um eine zehntägige Auszeit nach, worauf die Polizeitbehörde feststellte: „Bei der Gaststätte zum Stern handelt es sich um eine einfache Bierwirtschaft ohne große Bedeutung. Mittags- und Abendtisch wird es nicht geben.“

Hermine Hummel hielt nach dem Krieg noch ein paar Jahre durch. Ihr folgten diverse Pächter, bis – siehe oben – der „Stern“ zum Szenetreff wurde. Nach Franco und Maria Tosto waren Martina Neff und Hinrich Schinke, die heute das „Ranitzki“ am Marktplatz betreiben, für einige Zeit auf dem „Stern“. Danach wechselten die Pächter bei steigender Frequenz, unter anderem wieder zu Tosto, dem das Haus seit sechs Jahren nun auch gehört .

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09.04.2012, 12:00 Uhr

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