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Alte Regeln, neue Floskeln
Mountainbiker: Das Land setzt auf Vernunft und Verbote. Foto: © pershing - fotolia.com
Stuttgart

Alte Regeln, neue Floskeln

Verbände und Politik haben geklärt, wie Mountainbiker und Wald-Spaziergänger harmonieren können.

19.10.2016
  • ANDREAS BÖHME

Stuttgart. Gut, dass wir darüber geredet haben: Der Streit zwischen Radlern und Wanderern im Wald ist entschärft. Allein durch die Debatte am Runden Tisch und ganz ohne jedwede neuen Regelungen. Die braucht es ja, denn: „Wir leben in einem dicht besiedelten Land und nicht in den Pyrenäen“, sagt Landwirtschaftsminister Peter Hauk (CDU).

Was in nordischen Ländern der natürlichen Urteilskraft überlassen ist, braucht hierzulande fixe Vorschriften. Eine besagt: Mountainbiker dürfen nur auf Waldwegen radeln, die breiter als zwei Meter sind. Als die von Grün-Rot vor gut zwei Jahren eingeführt wurden, galt es, mehr als zwei Millionen Menschen, die täglich im Wald unterwegs sind, friedlich aneinander vorbeizulotsen. Zuvor wurde gerempelt und geschimpft. Wanderer wurden absichtlich umgefahren, die spannten hingegen Stahlseile, damit Radler stürzen. „Die waren damals alle auf den Bäumen“, sagt Hauk.

Davon sei nichts mehr zu spüren dank des „intensiven partizipativen Prozesses“, zu dem Grün-Schwarz die organisierten Radler und die organisierten Wanderer einlud. Und davon gibt es viele: Rund 30 Verbände von „A“ wie Allgemeiner Fahrradclub bis „W“ wie Württembergischer Radportverband haben ein Leitbild erarbeitet, eine Richtschnur für richtiges Verhalten im Wald. Regierungschef Winfried Kretschmann (Grüne) erklärte: „Wir setzen damit auf Dialog und auf die Vernunft der Menschen.“

Nun zeigt allerdings die Vergangenheit, dass es mit Vernunft nicht weit her ist. Es braucht Regeln wie die Zwei-Meter-Vorschrift. Und es sei nicht sinnvoll, an ihnen zu rütteln: Die Vorgabe habe sich bewährt, die Regierung sieht derzeit keine Notwendigkeit, davon grundsätzlich abzurücken“, so Hauk. Andere Länder hätten das auch. Lediglich lokale Ausnahmen seien möglich. Überdies könnten bestimmte Mountainbikerpfade geschaffen werden.

Hauk gibt denn auch unumwunden zu, dass sich außer der Rhetorik nichts geändert hat. Der Rest des Leitbildes ist wolkig. Eine Floskel-Kostprobe: „Ein harmonisches Miteinander ist angesichts der großen Diversität von Interessen und Ansprüchen darauf angewiesen, dass die gesellschaftlichen Gruppen miteinander im konstruktiven Dialog stehen.“ Solche Sätze erfindet man nicht im Vorbeigehen, da braucht es mehrjähriges Konferieren.

Minister Hauk hat übrigens gar kein Mountainbike. Und sein Chef Kretschmann ist zu Fuß im Wald: „Ich treff‘ die oft beim Wandern, die [Mountainbiker; Anm. d. Red.] sind in der Regel sehr freundlich.“

Gestern war übrigens der „Erste Deutsche Waldtag“, an dem Tourismusminister Guido Wolf (CDU) jedoch nicht teilnehmen konnte: Es hatte ihn bereits zwei Tage zuvor – ganz ohne eines Wanderers Mitschuld – vom Mountainbike gehauen. Rippenbruch, Armbruch. Bodenwellen kriegt jedenfalls auch ein runder Tisch nicht eingeebnet.

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19.10.2016, 06:00 Uhr

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