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Ganz privat in Oggersheim

Altkanzler Helmut Kohl empfängt in seiner Villa Ungarns Ministerpräsidenten Viktor Orbán

Er ist einer der schärfsten Kritiker von Angela Merkels Flüchtlingspolitik: Ungarns Ministerpräsident Viktor Orbán. Dessen Besuch bei Altkanzler Helmut Kohl blieb allen Beteuerungen zum Trotz nicht unpolitisch.

20.04.2016
  • WOLFGANG RISCH

Staatsgäste aus aller Welt pflegte der Pfälzer Helmut Kohl, sowohl in seinen zwölf Jahren als Bundeskanzler als auch danach, im "Deidesheimer Hof" in Deidesheim zu empfangen, dem wahrscheinlich pfälzischsten aller pfälzischen Lokale. Doch das war zu Zeiten, als es ihm auch körperlich noch gut ging. Das gestern hingegen, darauf legt das Büro des Bundeskanzlers a. D. großen Wert, war ein rein privater Besuch. Kohl empfing den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán in seiner Villa, einige Bewohner der Bungalows und Villen am Oggersheimer Ortsrand waren deshalb sowohl neugierig als auch irritiert vom Auftrieb in dem beschaulichen Sträßchen, der durch eine am Wochenende angemeldete und von der Stadt Ludwigshafen genehmigte Demonstration ausgelöst worden war.

Die Zufahrt zur Marbacher Straße in Ludwigshafen-Oggersheim ziert auf beiden Seiten das amtliche Verkehrsschild "Verbot für Omnibusse". Kleinbusse, Mannschaftswagen der Bereitschaftspolizei zumal, sind davon natürlich ausgenommen. Deshalb gab es gestern mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der ganzen Bundesrepublik keinen Ort mit einer höheren Dichte uniformierter Polizeibeamter als auf diesen 500 Metern. Stoßstange an Stoßstange standen seit dem frühen Vormittag die Einsatzfahrzeuge der rheinland-pfälzischen Bereitschaftspolizei, deren Zahl und die Zahl der Demonstranten dürfte sich in etwa die Waage gehalten haben.

Geradezu kläglich aber machte sich eine spontane Gegendemo der örtlichen AfD aus mit an einer Hand abzuzählenden Teilnehmern, die gleichwohl auf Distanz gehalten wurde. "Sicher ist sicher", sagte ein Polizist vom "Kommunikationsteam", aber auch: "Man muss schon sehr genau hinschauen, um die zu entdecken."

Die Demo war zwar lautstark, Orbán wurde kurz vor zwölf mit Trillerpfeifen empfangen, der Besuch des Ungarn bei seinem langjährigen Freund Kohl machte republikweit Schlagzeilen - die Vorderpfalz wurde davon nicht nennenswert tangiert, die Zahl der Teilnehmer hielt sich im unteren zweistelligen Bereich. Hunderte Menschen seien am Montag wieder im Mittelmeer ertrunken, erzählten sich die Demonstranten, anfangs mehrheitlich aus dem Antifa-Lager, im Laufe des Vormittags gesellten sich auch Orbán-Gegner mit eher bürgerlichem Anstrich dazu.

Der Feind aber ist quer durch alle Schichten eindeutig identifiziert, die "ungarische Stacheldraht-Politik" war der Anfang allen Übels, die Schließung der so genannten Balkan-Route nur eine Fortsetzung der Mittel der Magyaren.

Es ist Dienstagmorgen, kurz nach halb neun und kalt. Martin Schulz, 52 und Pfälzer, hat die Demo angemeldet, "weil Orbán stellvertretend für die Politik der Stacheldrahtzäune steht". Und er stehe auch für die Aushöhlung der Meinungsfreiheit und die Unterdrückung von Lesben und Schwulen. "Herr Kohl, machen Sie Herrn Orbán klar, dass Stacheldrähte keine Zukunft haben", skandiert die Menge. Daran, dass die Botschaft auf offene Ohren stößt, mag freilich kaum einer glauben.

In der Marbacher Straße steht auch Daniel Lessinger vom Arbeitskreis Flüchtlinge in Ludwigshafen. Lessinger war kürzlich mit zwei Rettungssanitätern und einem Rettungsschwimmer auf der griechischen Insel Chios. Das Elend dort, sagt Lessinger, ist weit größer, als es Pressefotos und Fernsehnachrichten vermuten lassen. "Es ist unvorstellbar." Und Lessinger tadelt die Politik des Zurückschickens: "Die Menschen, die vor dem Krieg in Syrien fliehen, haben Hab und Gut verkauft, um ihr Leben zu retten, dann kommen sie zurück und haben nichts." Er hält die Mehrzahl der Demo-Teilnehmer in ihrem Protest für reichlich blauäugig, glaubt aber, dass die Forderung der Antifa in Oggersheim auf ein Ende der Abschottung der EU sich erfüllt. "In Syrien leben 25 Millionen Menschen, zehn Millionen sind auf der Flucht. Die lassen sich nicht aufhalten."

Ein Polizeibeamter versichert den Demonstranten seine Sympathie und zeigt Verständnis für deren Anliegen, warnt die Antifa-Leute aber auch: "Wenn Schals vor Mund und Nase gezogen werden, müssen wir einschreiten." Nichts dergleichen passiert, die Kundgebung verläuft friedlich, wird aber gleichwohl sicherheitshalber außer Sichtweite des AfD-Grüppchens gehalten.

Eine Ludwigshafenerin mit Hang zur SPD und dem Button "Nationalität Mensch" verweist auf eine Gemeinsamkeit zwischen den Staatsgästen des Bundeskanzlers Kohl und der Pfalz: Dieser Landstrich, sagt sie, war nach dem 30-jährigen Krieg ziemlich entvölkert. Es kamen Franzosen, Spanier, Jugoslawen, Nordafrikaner. Und: "Meine Großmutter ging nie ohne Parapluie aus dem Haus."

Alte Bekannte

Beziehung Der 86-jährige Altkanzler Helmut Kohl (CDU) und der 52 Jahre alte ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán pflegen seit Jahrzehnten eine enge Beziehung. Die letzten Monate von Kohls langer Kanzlerschaft fielen 1998 mit den ersten Monaten der ersten Regierungsperiode des damals 35-jährigen Orbán zusammen. Kohl schätzte den anpackenden Ungarn sehr. Zumal dieser seine Fidesz-Partei schon in den Jahren zuvor von liberal auf christlich- konservativ gepolt hatte, was sich auch im Wechsel der Partei von der Liberalen Internationalen zur Europäischen Volkspartei ausdrückte.

Anerkennung Im Jahr 2000, als die CDU-Spendenaffäre zum Zerwürfnis der Christdemokraten mit ihrem Übervater Kohl führte, verlieh Orbán diesem in Budapest die Millenniums-Medaille für Staatsmänner, die Ungarn den Weg nach Europa geebnet haben. Merkel hatte die CDU kurz zuvor aufgefordert, sich von Kohl zu lösen. Kohl würdigte den Beitrag Ungarns zur Wiedervereinigung.

Hilfe 2002 unterstützte Kohl Orbán im Wahlkampf und appellierte an die Ungarn, Orbán zu wählen. Der aber scheiterte. 2010 kehrte er an die Macht zurück und schlug einen autoritären Kurs ein. dpa

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20.04.2016, 06:00 Uhr

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