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Ethnologie

Am Beginn einer langen Reise

Das Linden-Museum in Stuttgart stellt mit seiner neuen Dauerausstellung zu Afrika auch die Frage nach der Zukunft des Völkerkundemuseums.

15.03.2019

Von Lena Grundhuber

Wie Kulturen sich verbinden können: Dieses Motorrad aus chinesischer Produktion erhielt seine Dekoration im kamerunischen Yaoundé und steht jetzt in der neuen Afrika-Dauerausstellung im Linden-Museum. Foto: Linden-Museum Stuttgart, Dominik Drasdow

Das Herz dieser Ausstellung schlägt vielleicht ganz hinten. Dort, wo ein Marktstand mit afrikanischem Kunstgewerbe neben einem Video der Küste von Lampedusa steht. Wo man in einer nigerianischen Maske das Konterfei eines Kolonialherrn im Tropenhelm erkennt und feststellt, dass die Nimba-Maske aus Guinea ein deutscher Künstler, Günter Traut, gemacht hat.

„Wo ist Afrika?“ – auch im letzten Raum der neuen Afrika-Dauerausstellung des Stuttgarter Linden-Museums wird man mehr Denkansätze als Antworten erhalten. Das Fragezeichen ist eine bewusste Entscheidung. Denn „Afrika“, so lernen wir, geht weder in geografischen Grenzen auf, noch in exotisierenden Fantasien. Es steckt in den faszinierenden Aufsatzmasken und Kraftfiguren, es steckt aber auch in dem modernen Motorrad aus Kamerun. Und es steckt in den Köpfen oft immer noch in Form von hochproblematischen Stereotypen.

Als man im Museum vor Jahren anfing, die Neupräsentation der Afrika-Sammlungen zu planen, habe man nicht ahnen können, wie sehr einen der Diskurs überrumpeln würde, sagt Museumschefin Inés de Castro. Sie meint die Diskussion über die Raubkunst aus der Kolonialzeit: Erst diese Woche haben sich die Kulturminister von Bund und Ländern zumindest auf Eckpunkte zum Umgang mit Kolonialgütern verständigt. Erst vor zwei Wochen war Inés de Castro mit einer Delegation in Namibia, um eine einst geraubte Bibel und eine Peitsche zurückzubringen. Und all das ist erst der Anfang einer Debatte, die wohl schon deshalb so aufgeladen und emotional ist, weil sie viel zu spät kommt. In einer solchen Atmosphäre eine Afrika-Ausstellung zu konzipieren, ist eine, gelinde gesagt, sensible Angelegenheit, denn sie rührt an die Grundfesten der Institution: „Mit der Ausstellung ist auch die Frage verbunden, wie ein neuer Typ von Völkerkundemuseum aussehen kann“, sagte Kunststaatssekretärin Petra Olschowski bei der Pressekonferenz. „Ein Versuch, neue museologische Ansätze zu testen“, sei die Schau, erklärte die Museumsleiterin. „Wir möchten nach neuen Wegen suchen, wie ein Museum für Ethnologie sein wird.“

Einige Wege hat Inés de Castro längst beschritten, etwa, indem Vertreter der Herkunftsgesellschaften in die Konzeption der Ausstellungen eingebunden sind. So auch in dieser Schau, in die der Beirat aus Stuttgartern afrikanischer Herkunft einbezogen wurde, in der Ausstellungstexte eben nicht nur von eigenen Kuratoren verfasst sind, auch subjektive Sichtweisen sowie die Rolle des Museums an sich thematisiert werden. Einbezogen sind auch zeitgenössische Künstler, ebenso wie die Forschung nach der Herkunft der Objekte, die dokumentiert und ständig aktualisiert werden soll. Das wird dauern: 40 000 Objekte vom afrikanischen Kontinent berherbergt das Haus, die meisten kamen während der deutschen Kolonialzeit. Die 400 Stücke in der Ausstellung stammen größtenteils aus dem Kongobecken und aus Regionen, die heute in Kamerun, Mosambik, Nigeria und Tansania liegen. Die Räume sind aber nicht nach Regionen geordnet, sondern nach den Beziehungen, den Bewegungen der Objekte.

Der alterhergebrachte Europäerblick ist in Gestalt eines Dioramas mit maskierten Wilden vor Strohhütten zwar noch präsent, sicherheitshalber aber in die Vitrine gesperrt und damit selbst zum Exponat geworden. Allerdings sind gleich im ersten Raum auch umstrittene Stücke aus der Sammlung zu sehen: Benin-Bronzen, die die Briten einst geraubt hatten und deshalb zu restituieren seien, wie immer wieder gefordert wird. Das Linden-Museum und mehrere andere Museen verhandeln mit Nigeria über die Zukunft ihrer Benin-Sammlungen; Bronzen sollen zunächst als Leihgaben zurückkehren – so wünsche es die Herkunftsgesellschaft, sagt wiederum Inés de Castro.

Es sind Debatten, aus denen man auf absehbare Zeit nicht herauskommen wird, und so ist man gut beraten, sich ihnen zu stellen. Das Linden-Museum geht den Schritt – tastend, fragend, auf der Suche.

Infos und Öffnungszeiten

Die neue Dauerausstellung „Wo ist Afrika?“ beginnt morgen, Samstag, und ist dann von Di-Sa 10-17, sonntags von 10-18 Uhr zu sehen. Es gibt ein umfangreiches Begleitprogramm, am Eröffnungswochenende Führungen, Vorträge und Performances.

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Erstellt:
15. März 2019, 06:00 Uhr
Aktualisiert:
15. März 2019, 06:00 Uhr
zuletzt aktualisiert: 15. März 2019, 06:00 Uhr

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