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Streik am Bussteig (Video)

Am Dienstag ging nicht viel für die Tübus-Fahrgäste

7.30 Uhr am Tübinger Busbahnhof: Viel Bewegung ist hier nicht. Der Steig F steht voller Schüler. Auf der anderen Seite des Busbahnhofs versammeln sich Männer in neongelben Verdi-Westen: Die Busfahrer des Stadtverkehrs waren am Dienstag im Streik.

08.07.2014
  • Ulla Steuernagel

Tübingen. Manche Klassenzimmer füllten sich nur spärlich. Für etliche Schüler endete der Schulmorgen auf Steig F des Tübinger Busbahnhofs. Auch um 8 Uhr standen hier noch Schülerinnen und Schüler der GSS und der Waldorfschule. Einige hofften vergeblich auf einen Bus, andere warteten ratlos oder versuchten per Handy ihre Eltern zu erreichen.

„O geil, da kommen wir zu spät“, rief Anton aus der 5. Klasse, als er vom Busfahrerstreik erfuhr. Zwar warteten seine Freunde und er schon mindestens zwanzig Minuten auf den „Fünfer“. Aber noch niemand hatte ihnen verklickert, dass der Unterricht für sie unerreichbar sein würde.

Busfahrer-Warnstreik am 8. Juli 2014 im Tübinger Stadtverkehr

"Nichts geht mehr" heißt es am Dienstag für den Tübinger Stadtverkehr. Der Grund: Die Gewerkschaft Verdi hat die Busfahrer zum Streik aufgerufen.

© Video: Christian Kretschmer 03:08 min

Regelmäßig fuhren nur, wie ausgemacht, die Busse mit der Aufschrift „BG-Unfallklinik“. Als gegen 8 Uhr eine Linie 5 mit der Bezeichnung „Ahornweg“ am Bussteig hielt, quetschten sich Schüler hinein. Ein Verdi-Streikposten informierte sie dann jedoch, dass auch dieser Bus, anders als sein Fahrer es wollte, nur bis zur BG fahre. Streikposten Cenan Fidan vermutete, dass der Kollege, der am Steuer saß, von seinem Fahrdienstleiter zum Streikbruch verdonnert worden sei. Die nächsten Touren wollten die Streikenden kontrollieren, damit über die BG hinaus wirklich nichts lief.

Während viele Schüler sich über das unerwartete Unterrichtsfrei freuten, nahm eine Ärztin eine Möglichkeit wahr, die den Naldo-Kunden zur Verfügung steht: Sie griff zu einem am Bahnhof geparkten Leihfahrrad, um sich damit bis in die Nähe ihres Arbeitsplatzes in Höhenlage durchzuschlagen.

Dagegen stand Susanne Toth etwas ratlos da. Die Inklusionsfachkraft machte sich Sorgen, wie ihr gelähmter und sehbehinderter Schüler ohne ihre Hilfe tagsüber zurecht kommen sollte. „Normalerweise braucht er Unterstützung“, sagte sie. Doch nachdem eine Schülerin aus derselben Inklusionsklasse ein Elterntaxi organisiert hatte, schloss sich Toth dem Mädchen-Pulk an.

Der 17-jährigen Jana Maria aus Ammerbuch blieb hingegen nur eine Heimfahrt mit dem Zug übrig. „Das kommt mir nicht so gelegen“, sagte sie zum unfreiwilligen Stundenausfall. Vor allem weil sie abends zum Gesangsabschluss an der Waldorfschule und schon nachmittags zum Einsingen dort sein sollte. Und zu Fuß von der BG zur Schule? „Da läuft man doch mindestens zwei Stunden“, schätzte ihr Freund Paul aus Reutlingen großzügig.

Die elektronischen Anzeigentafeln am Busbahnhof waren alle gleichgeschaltet. In Leuchtschrift wurde auf die Internet-Informationen zum Notfahrplan verwiesen. Doch auf einigen wenigen Bussteigen ging etwas. Die RAB-Busse etwa fuhren. Eine 42-jährige Tübingerin wartete auf ihren Bus nach Gomaringen. Sie fühlte sich bei diesem Streik durch Hinweiszettel am Busbahnhof besser informiert als beim letzten Mal und versicherte: „Ich habe Verständnis für die Forderungen der Busfahrer!“

Seit 5 Uhr waren 80 Tübus-Fahrer und 20 Fahrer des Busunternehmens Kocher im Streik. Vier Mitarbeiter der Firma Schnaith, die dort Arbeitenden sind nicht gewerkschaftlich organisiert, hielten den Pendelverkehr zum Klinikum aufrecht. Die anderen nahmen den ganzen Tag eine für sie ungewohnte Haltung ein: Sie saßen nicht im Bus, sondern standen am Bussteig, diskutierten untereinander und mit Fahrgästen.

„Von zehn Passanten ist gerade mal ein halber sauer“, schätzte ein Mitarbeiter der Stadtwerke, die einen Infostand bei der Parkgaststätte aufgeschlagen hatten. Kurz nach dieser Einschätzung näherte sich ein älterer Mann und holte zum Rundumschlag aus: „Ihr seid das Allerletzte“, beschimpfte er die ST-Mitarbeiter. Dabei hatte man sich für diesen Streik deutlich besser präpariert als vor zwei Jahren. Entschuldigungsbedürftige Schüler konnten sogar Erklärungen zum Busausfall mitnehmen – und die waren in weiser Regen-Voraussicht laminiert.

  • In 13 Städten des Landes protestierten am Dienstag die Fahrer privater Busunternehmen gegen eine Verlängerung ihrer Arbeitszeiten und schlechtere Bezahlung im Krankheitsfall. Verdi-Sekretär Martin Gross sagte bei der Kundgebung: „Ich will nicht, dass meine Kinder von Busfahrern gefahren werden, die sich krank zur Arbeit schleppen müssen.“ Die Gewerkschaft fordert einen um einen Euro erhöhten Stundenlohn und 70 Euro mehr pro Monat.
  • >Die Streikenden hatten mit den Stadtwerken eine Notdienstvereinbarung getroffen, die auch in künftigen Fällen gelten soll. Fahrer der Firma Schnaith übernahmen die Klinikroute und die Sonderfahrten. Die Streikenden hatten zudem auch einen „Notfallbus in der Hinterhand“, wie Gewerkschaftssekretärin Özge Aygun erklärte. Kinder, die zu einer Prüfung mussten oder behindert sind, konnten ihn nutzen. Seit heute Morgen läuft der Busbetrieb wieder normal.
Siehe auch Ludwigsburg : Hunderte Busfahrer streiken für mehr Gehalt 28.07.2014Busse standen still: Fahrer forderten vor der Streikpause mehr Lohn 26.07.2014Tarifstreit: Busfahrer streiken für mehr Geld 25.07.2014Tübingen/Reutlingen : Warnstreiks der Busfahrer gehen weiter 25.07.2014Göppingen/Heidenheim : Wegen Busfahrer-Warnstreiks droht erneut Chaos im Berufsverkehr 23.07.2014Freitag ist Streiktag: Pendler müssen mit Behinderungen rechnen: Busfahrer in der Region legen die Arbeit nieder 23.07.2014Böblingen : Verdi ruft zu neuen Warnstreiks der Busfahrer auf 22.07.2014Verhandlungen abgebrochen: Weitere Streiks der Busfahrer vor den Sommerferien wahrscheinlich 18.07.2014Böblingen : Arbeitgeber bringen Lohnplus für Busfahrer ins Gespräch 11.07.2014Stuttgart/Böblingen : Neue Sondierungsgespräche im Tarifstreit der Busfahrer 09.07.2014Ruhig, fair und respektvoll: Bus-Warnstreik in Reutlingen verlief ohne Zwischenfälle 08.07.2014Streik am Bussteig (Video): Am Dienstag ging nicht viel für die Tübus-Fahrgäste 08.07.2014Reutlingen/Heidenheim : Busfahrer wollen mit Warnstreik Druck im Tarifkonflikt erhöhen 08.07.2014Reutlingen/Heidenheim : Busfahrer wollen mit Warnstreik Druck im Tarifkonflikt erhöhen 07.07.2014Bus-Streik am Dienstag: Beide Verhandlungsführer aus Reutlingen 07.07.2014Am Dienstag ist auch in Tübingen Bus-Streik: Notfahrplan deckt nur zwei Prozent des Stadtverkehrs ab 07.07.2014Busfahrer streiken am Dienstag: Tarifstreit trifft auch Tübingen: Stadtverkehr richtet Notfahrplan ein 04.07.2014

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08.07.2014, 12:00 Uhr

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