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Verehrt, verglüht

Am Freitag verabschiedet sich die klassische Glühbirne

Am Samstag endet eine Ära: Die Ökodesign-Richtlinie der EU verbietet vom 1. September an die Herstellung und den Verkauf der klassischen Glühbirne. Die Technik, die auf der Erfindung Edisons vor 133 Jahren basiert, ist aufgrund ihrer mangelnden Energie-Effizienz durchgefallen. Doch auch die sparsamen Nachfolger sind umstritten. Ein Last-Minute-Streifzug.

30.08.2012
  • Matthias Stelzer

Tübingen. „Dem Verbraucher bleibt ja keine Wahl“, sagt Dietmar Mezger. Der Tübinger Saturn-Abteilungsleiter weiß, wie das Thema polarisiert. „Viel haben ein ungutes Gefühl“, meint er. Und das nicht nur, weil sie sich von Gewohntem verabschieden müssen. Die Diskussionen um die Gesundheitsschädlichkeit verschiedenster Energiesparlampen verunsichert die Käufer. Im Tübinger Saturn war das vor allem vorletzte Woche spürbar. Nach kritischen Fernsehberichten zum Quecksilbergehalt in Energiesparlampen und den damit verbundenen Entsorgungsproblemen zog der Verkauf der klassischen Glühbirnen im Elektromarkt an. „Es gab schon fast einen Run“, sagt Mezger.

Am Freitag verabschiedet sich die klassische Glühbirne
Im Internet wird weiter kräftig mit den klassischen Glühbirnen gehandelt – auch mit einer stylischen Variante in der Dose.

„Wir sind ausverkauft“, heißt es auch in der Tübinger Eisenwarenhandlung Bero in der Metzgergasse. Inhaberin Brigitte Rothfelder macht keinen Hehl daraus, dass ihr das EU-Verbot nicht zusagt. „Es ist immer schlecht, wenn etwas Bewährtes plötzlich nicht mehr da ist“, sagt sie und spricht damit wohl einem großen Teil ihrer Kundschaft aus der Seele. Es gebe unter ihren Kunden zwar „zwei Lager“, aber Bedenken wegen „Quecksilber und Strahlung“ höre man immer wieder.

Kritisch ist auch ein ehemaliger Nachbar von Bero-Chefin Rothfelder: Hans Hagemann, der über 40 Jahre lang ein Elektrogeschäft betrieb, empfiehlt Sparlampen, hadert aber mit der Entsorgung. Der Ruheständler zweifelt, ob die Umweltbilanz der Sparlampen im Vergleich „so übermäßig gut ist“ – jedenfalls solange viele der Leuchtmittel immer noch im Hausmüll landeten.

Ob das im Kreis Tübingen so ist, weiß man beim Abfallzweckverband Reutlingen-Tübingen nicht zu sagen. „Wir untersuchen den Hausmüll in der Regel nicht“, sagt Ingrid Bäuerle. Die Fachfrau für Problemmüll verweist aber darauf, dass es Problemstoff-Sammelstellen in der Region gibt. „Da gehören die Sparlampen hin.“ Oder eben in die Hände anderer Sammler und Recycler, wie der von der herstellenden Industrie gegründeten Firma Lightcycle oder dem autorisierten Handel, der Altlampen zurücknimmt.

Am Freitag verabschiedet sich die klassische Glühbirne
Auch der gewöhnlichen Biergarten-Lichterkette macht die EU den Garaus.

Laut einer aktuellen Studie der Deutschen Umwelthilfe informieren deutsche Elektromärkte, Kauf- und Möbelhäuser ihre Kunden zwar immer noch unzureichend über die Rückgabe von LED- und Energiesparlampen. Wer seine alten Lampen loswerden will, ist bei den Bau- und Elektromärkten sowie Fachhändlern der Region aber meist auf Nachfrage erfolgreich.

Ob es dort über den morgigen Tag hinaus auch noch größere Mengen klassischer Glühbirnen geben wird, ist nicht sicher. Denn die Politik der Handelskonzerne ist unterschiedlich. Während bei Saturn – auch nach dem Stichtag 1. September – noch ausreichend Birnen zu haben sein werden, hat man beim Hornbach-Baumarkt schon vor zwei Monaten Tabula rasa gemacht – per Sonderverkauf für die Verehrer der Alttechnik. „Wir haben keine einzige klassische Birne mehr“, hieß es dort gestern.

Eine Marktlücke, die fürs Erste aber noch spielerisch vom Internet-Handel geschlossen wird. Online gibt es von der 100-Watt-Variante abwärts noch alles, was sich technisch auf Edison bezieht. Vermarktet werden die Energiefresser auch in der Dose – in Anspielung aufs kalte Licht mancher Sparlampe als „Kultur-Reserve“. Dabei hat die Branche mit der LED- und Halogentechnik längst auch warmes Sparlicht im Angebot. „Ich trauere der Glühbirne nicht nach“, sagt deshalb auch Angela Mayer, die Chefin der Tübinger Leuchtengalerie – und: „Es gibt inzwischen ganz viele wunderbare und sparsamere Alternativen.“

Thomas Alva Edison gilt als Erfinder der Glühlampe in ihrer heutigen Form. Am 27. Januar 1880 erhielt der US-Amerikaner das Patent Nummer 223898(17) für seine Entwicklung aus dem Vorjahr. Edisons Glühlampen waren im Unterschied zu früheren Versuchen mit hochohmigen Glühfäden ausgestattet, die zwar schwierig herzustellen waren, den Einsatz in elektrischen Netzen aber vereinfachten und verbilligten.
Dadurch wurde ein Energieversorgungsnetz für Elektrizität technisch machbar und wettbewerbsfähig. Insbesondere konnte Edison mit seinen Lampen auch das Problem der Teilbarkeit des Lichts lösen. Alle vorherigen Lösungen erforderten für wenige Lampen jeweils eine eigene Stromquelle. Zudem war Edisons Konstruktion die erste Glühlampe, die nicht nur in geringer Stückzahl hergestellt wurde, sondern in einer eigens errichteten Fabrik in Serienfertigung ging. Die Benutzung von Kohlefadenglühlampen in privaten Haushalten in den 1880er Jahren ging einher mit dem Aufbau von Versorgungsnetzen für elektrische Energie.
In Deutschland gilt das Café Bauer (Berlin) als erstes mit Glühlampen beleuchtetes Gebäude. Im Jahr 1884 gingen dort die Glühlampen an. 1883 soll die erste deutsche Glühbirne in Stützerbach (Thüringen) hergestellt worden sein.
Wesentlich an der Entwicklung von Glühbirnen war auch ein anderer beteiligt: der österreichische Chemiker Carl Auer von Welsbach, der die Firma Osram gründete. Er leistete einen wichtigen Beitrag, indem er ein Verfahren zur Herstellung von Drähten aus Osmium (Patent 1890) und Wolfram entwickelte, die damals als Metalle mit den höchsten Schmelzpunkten galten.

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30.08.2012, 12:00 Uhr

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