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Koofen wie die Doofen

Am Freitag war Premiere des Horber Kultur- und Theaterforums

Eine breit gefasste und sehr wortwitzige Interpretation von Heimat liefert das Horber Kultur- und Theaterforum in seinem Stück, das am Freitagabend Premieren hatte.

24.03.2018
  • Gerd Braun

Sonderlich viel braucht‘s nicht, wenn die acht Akteure des Horber Kultur- und Theaterforums (KTF) mit ihrer Heimatkunde auf die Bühne treten. Ein Klavier. Eine Parkuhr. Das eine oder andere Stühlchen und einen transportablen Tisch. Und dazu natürlich das Licht, dessen Dosierung Ute Lipp hinten am Mischpult steuert. Und punktuell strahlt visuelles Begleitwerk auf die Leinwand. Unübertroffen dabei: Eine Bildmontage vom Horber Jamaika-Michael mit Strahlkraft-Cannabis-Tüte in der rechten Hand.

Statt mit effektgewaltigem Bühnenbild zu haschen, lebt „Oh Heimat, Deine Sterne“, das zweite „lokalpatriotische“ Horber Kabarett des KTF vor allem vom Wortwitz – den man manchmal erst nach der Vorführung so richtig fassen kann. Eine Prise Situationskomik, gelebt von acht Bühnenkünstlern, deren Niveau mit Fug und Recht zur Crème de la Crème der Horber Szene zu zählen ist.

Das Ende des Wohlfahrtsstaates

Crème? Gutes Stichwort, in diesem Fall ein kulinarisches. Zwar hat es Thomas Grassinger in seinem haut cuisinigen Dialog mit dem Schwarzwurst-Liebhaber Gerhard Bossert nicht von einer Crème Brulée, aber doch immerhin von einer Linguine in Honig-Chili-Sugo – und das, obwohl es mit dem Wohlfahrtsstaat vorbei zu sein scheint. Wobei es hier nicht um Rentenkürzung, Sozialabbau oder Steuererhöhung geht, sondern das Ende des Sternekochs Harald Wohlfahrt in der Traube Tonbach.

Köstlich, wie Bossert hier auf die herzhaft-schwäbische Kost, vom Bauer Fassnacht seiner Pauline – also von dem seiner Sau, net seiner Frau – schwört, während er den Ursprung von Grassingers Göckelesbrust einer sizilianischen Mafia-Hühnerfarm zuschreibt. Und dazu gibt‘s folgende Nachricht Bosserts: „Übrigens, i han en Onkel g’het, der hot emmer g’sagt: Hätt’sch au a Frau vom Land, hätt’sch au a Sau.“

Am Freitag war Premiere des Horber Kultur- und Theaterforums
Die Arkaden sind ein Hit – wann kriegt Ihr das endlich mit?, fragte das KTF-Ensemble am Freitagabend im Abschlusssong ihres Stücks „Oh Heimat, Deine Sterne“, das nochmal am heutigen Samstag und zwei weitere male Anfang April aufgeführt wird.Bilder: Kuball

Gelegentlich ist „Oh Heimat, Deine Sterne“, das am Freitagabend im Horber Kloster seine Premiere hatte, kurz davor, abzuheben. In Andrea Lugibihls Eingangsnummer „Stairway to Heaven“ etwa, in dem sie eine 125 Jahre alte Innovation feiert – die es „jetzt au scho“ in Horb gibt: die Rolltreppe.

„Scheterne“ am Firmament bis zum Hindukusch besingt ganz im Stile Freddy Quinns Stefan Auditor aus seinem schwarzen Bart heraus und später das ganze Team – ein Stück, das nach dem kurzfristigen krankheitsbedingten Ausfall von Ute Karp mit am meisten gewackelt hat. Doch Text, instrumentale Begleitung per Gitarre und auch sonst alles mögliche wurde noch einmal umgeschrieben, so dass die gut 80 Besucher im ausverkauften Kloster-Saal doch ihre Freude am Horber Kabarett haben konnten.

Horb, „Kaff der guten Hoffnung“

Dies auch am wundervollen Professor – ähm, räusper – Mockelmann, ebenfalls verkörpert von Auditor. Er geht zunächst auf die zentrale Frage ein: „Wie unterscheidet sich das Triebleben des Menschen vom Triebwagen der Deutschen Bahn? Nun, das Triebleben bricht sich oft unaufgefordert Bahn, während der Triebwagen meist zu spät oder gar nicht kommt.“ Und auch auf die Frage, „was tut sich zwischen Berlin und Bittelbronn?“ liefert der gestenreich referierende Mockelmann mit Fliege und weißem Kittel neben einigen Ausführungen zu mehr oder minder gelungenen Marketing-Gags in Horb, dem „Kaff der guten Hoffnung“, die passende Antwort: „Nach Bittelbronn treibt’s wenige, in den Bundestag dagegen viele.“ Immerhin übersteige die Zahl der Abgeordneten (709) die der Bittelbronner (701) inzwischen.

Eine Märchenstunde – Thema: Der Kleine Michael und seine Geschichten mit der „Sitzenbleiberin“ Angela – streut Michael Zerhusen, der auf der Bühne auch die Rolle des Moderators hat, ein. Weitere Figuren in dem Märchen: der Heilige Martin, der eigens aus dem fernen Flandern herbeigeritten war, der Lederhosen-Horst oder die geschniegelte Sarah. Oder auch „Alice und Alexander aus dem Reich von Sauron, dem Abscheulichen“.

Am Freitag war Premiere des Horber Kultur- und Theaterforums
Kopf des Horber KTF-Kabaretts und bei „Oh Heimat, Deine Sterne“ nicht nur als Moderator und Märchenonkel im Einsatz: Michael Zerhusen.

In seiner dritten launigen und mit weiteren Spitzen bestückten Moderation leitet Zerhusen über zu „Frontal 33“ mit Milka Schlecht, verkörpert von Ulrike Kaiser, die sich ausgiebig mit dem Piesel-Skandal auseinandersetzt. Unter anderem die Frage, ob laut Bundesverwaltungsgericht, Pieselverbote zulässig sind wird darin thematisiert. „Mein Piesel läuft und läuft und läuft“, zitiert Milka Schlecht seinen stolzen Herrn Lüdenhofer, der als Besitzer eines älteren Piesel-Modells auch zitiert wird mit den Worten „Ich habe mein ganzes Leben ‚gepieselt‘“.

Während die sagenhafte Ute Schuler die unvergleichliche Diva von Welt, Hildegard Knef, und deren Song „Eins und Eins“ imitierte, ging es bei der Nummer „Stammtisch modern“ wieder zurück, mitten ins Herz der Stadt.

Während Gerhard Bossert, passend zum Yogakurs für den „höchschten Bewusstseinszustand“ am Schluss drei grüne Tee „ond a Halbe Brennesselsaft“ bei Blanda (Angelika Lugibihl) bezahlen muss, führen Stefan Auditor und Thomas Grassinger eine herrlich frei von Zusammenhang stehende Unterhaltung, die von Sneakers über völkerrechtliche Grundsatz-Floskeln bis hin zum Wasser als Getränk – als Überraschungseffekt für die Leber – führen.

Bevor die hiesige Kreis-SPD an die Reihe kam, knöpfte sich Mike Zerhusen nochmals Michael Theurer und dessen Cannabis-Äußerungen in einem Interview mit dem „Reutlinger Generalanzeiger“ (die SÜDWEST PRESSE schrieb darüber im Gschwätz‘t) vor. „Vielleicht hot er vor dem Gespräch mit dene Redakteur en Joint g’raucht – weil: Bei dene Presseheinis woiß ma ja nia, was se oin froget“, stellte Zerhusen in den Raum und schlug danach einen Bogen nach Berlin zur „Psychedelic Community uff em Balkon vom Reichstagspräsidentenpalais“ während der Koalitionsverhandlungen.

Kreis-SPD kriegt Fett weg

Doch dann zur SPD. Gerhard Bossert hielt bezüglich des ausgeschiedenen Kreisvorsitzenden Gerhard Gaiser fest: „Uff jeden Fall war er länger ZK-Vorsitzender wie Chruschtschow, Andropow, Breschnew und Tschernenko z’samme: seit 1977 auf dem Posten, d’r dienstälteste SPD-Kreisvorsitzende en ganz Deutschland, quasi d’r VW-Käfer der SPD.“ Aber, und das hält Thomas Grassinger am Ende fest: „Jedenfalls geht’s mit der Genossin Weschenmoser in die richtige Richtung! Wir haben ihr neue Schuhe geschenkt – mit den Absätzen vorn! Damit sie das Gefühl hat, dass es mit der SPD wieder aufwärts geht.“

Am Ende singen alle zusammen folgenden Lied-Refrain: „Die Arkaden sind ein Hit. Wann kriegt ihr das endlich mit? Ja, beim Bahnhof könnt ihr koofen, endlich koofen wie die Doofen.“ Davor aber noch geht Ute Schuler auf die Horber Verknappungsstrategie ein, zu der sie es als cleveren Schachzug verkaufte, dass das Einkaufszentrum „von vornherein kloiner g’macht“ gewesen sei.

Das beste Beispiel Horber Verknappungsstrategie indes liefert aktuell das KTF selbst ab: Wer noch ein Ticket für die aktuell drei noch ausstehenden Aufführungen (heute, Samstag, und 6. und 7. April) im Kloster ergattern will, wird ganz schnell sein oder sich auf dem Schwarzmarkt umschauen müssen. Denn das begehrte Platzangebot im Kloster ist verknappt auf etwas über 80 Sitzplätze.

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24.03.2018, 01:00 Uhr

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