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Goldgräber der Theaterlust

Am LTT boomt die Theaterpädagogik

LTT-Labor, Theaterkinderclub, Theaterjugendclub, Gold-Kooperation, Kulturrausch, Visionäre – die Theaterpädagogik am LTT boomt, man verliert allmählich den Überblick. Um das zu ändern, besuchten wir die Theaterpädagogen Tobias Ballnus, Volker Schubert und Insa Griesing.

20.11.2012
  • Peter Ertle

Tübingen. Vor zehn Jahren kam Tobias Ballnus als Theaterpädagoge ans LTT. Einige Jahre später folgte ihm Volker Schubert. Seit letztem Jahr verstärkt Insa Griesing das Team. Die personelle Seite der Theaterpädagogik am LTT ist ein Spiegel der Nachfrage, einerseits. Andererseits hat man am LTT zunehmend erkannt, wie sehr das Theater den Boden erst bereiten muss – auf dem die Zuschauer wachsen.

Sie sind erfindungsreich. Ihr bisheriger Coup sind die sogenannten Gold-Kooperationsprojekte. „Da gehen wir an Schulen, machen dort ein Schultheaterprojekt. Im Gegenzug verpflichtet sich die Schule, dass alle Schüler dreimal pro Jahr ins Theater gehen“, erklärt Tobias Ballnus. Zur Zeit haben sie drei Gold-Kooperationen. „Das ist für uns wie ein Abo, ein Schulabo.“ Theaterpädagogik ist im Aufwind, sagt Ballnus, „aber auf der Seite des Machens. Jeder will spielen, jeder ein kleiner Selbstdarsteller. Dass kulturelle Bildung auch ganz viel mit Gucken zu tun hat, wird dabei komplett vernachlässigt.“ Da sollen die Gold-Kooperationen Abhilfe schaffen.

Sein Kollege Volker Schubert kann das nur bestätigen. Manche Schüler, an Fernsehen, schnelle Schnitte und action gewohnt, dächten anfangs, auf der Bühne tue sich ja gar nichts. „Dann lernen sie, ihre Aufmerksamkeit auch mal auf das eine oder andere Detail zu lenken und sei es nur auf das Rascheln beim Aufwickeln eines Bonbonpapiers – da kann sich eine Welt auftun.“ Auf der anderen Seite sei es schon so, dass nach wie vor das Selbermachen am meisten bewirke. Das versuchen sich auch Insa Griesings Inszenierungsworkshops zu Dienste zu machen. Zu jeder Inszenierung am Haus gibt es drei bis vierstündige Workshops, in denen die Teilnehmer unter anderem Sätze des Stücks sprechen, das sie später auf der Bühne sehen werden. „Die Idee ist: Wer schon mal den Text im Mund hatte, hat schon einen Zugang, begreift schneller.“

Die Inszenierungsworkshops sind übrigens nicht nur für Schüler. Das empfundene Defizit im Theaterverständnis, die Wissbegierde, Spiellaune haben generationenübergreifend zugenommen, wie auch die Einführungsveranstaltungen vor den Aufführungen zeigen. Überhaupt schießen die Theatergruppen, Workshops und Projekte nur so aus dem Boden.

Es gibt: Den Theaterkinderclub für Kinder zwischen sieben und zehn Jahren, den Theaterjugendclub für Jugendliche ab 14 Jahren. Die von der freien Theaterpädagogin Ulrike Thielke geleitete (Ballnus: „Wir schaffen das gar nicht alles selbst“) Projektwerkstatt „Elternalarm“. Das LTT-Labor, also der LTT-Spielclub für Studierende. Dann die erwähnten Inszenierungsworkshops.

Im Prinzip gehören die beiden freien, aus dem LTT-Stall kommenden, und eng mit dem Mutterschiff Landestheater kooperierenden, Theaterpädagoginnen Helga Kröplin und Uschi Famers mit ihrem Frauentheater Purpur und dem Generationentheater Zeitsprung auch dazu. Da wird so allmählich klar, welchen personellen Umfang die Theaterpädagogik hat. „Aber ohne unseren jeweiligen Jahrespraktikanten würden wir das nicht schaffen“, sagen die drei. Die Aufzählung der LTT-Projekte ist auch noch nicht zuende. Zum Beispiel gibt es da noch den Work-shop „Die Visionäre“. Da schickt Insa Griesing ihre Schützlinge grüppchenweise raus auf die Straßen und Plätze, Ecken und Nischen dieser Stadt, mit Vorliebe solche, die in keinem Reiseführer und auf keinem Postkartenidyll zu finden sind. Die Gruppen haben bestimmte Aufgaben, die den jeweiligen Ort theatralisch verwandeln, bespielen. In der Großgruppe wird das dann gegenseitig vorgestellt. Schließlich wären da noch die „Patenschaften“ einzelner Schulklassen mit bestimmten LTT-Inszenierungen. Die Klasse darf Proben besuchen, beschäftigt sich mit dem Stück, besucht Workshops rund um die Inszenierung. Eigentlich richtet sich das Angebot an alle Schulklassen, aber die Realität zeigt, dass es mehr oder weniger die Literatur&Theaterkurse sind, die das Angebot wahrnehmen. Klassen als Paten zu gewinnen war immer schon schwer, die Lehrer sind auf den Lehrplan und verbürgte Klassiker fixiert. „G8 hat alles nochmal schwerer gemacht. Das ist zum Zähne Ausbeißen“ sagt Insa Griesing, „dabei haben wir noch niemand umgebracht, die kommen da in der Regel alle ganz glücklich wieder raus“.

Die meisten dieser Projekte kosten nichts. Der Kauf von Eintrittskarten in der Gold-Kooperation ist natürlich eine Form der Bezahlung. Wenn sie gar nichts Zählbares fürs Haus erreichen würden, „wären unsere Stellen auch nicht gerechtfertigt“, sagt Ballnus, wohlwissend, dass es bei ihrer Arbeit erst in zweiter Linie um ein überprüfbares Geschäftsmodell, in erster Linie um pädagogische Ergebnisse gehen muss. „Wenn ich ein Stück von Huxley inszeniere“, sagt Ballnus, „will ich die Jugendlichen dazu bringen, über die Zukunft nachzudenken“. Evaluierbar ist das kaum.

Ballnus hat mit Hauptschülern gearbeitet, mit Gymnasiasten, gemischte Projekte und ein reines Männerprojekt gemacht, Theater mit Text und ohne Text inszeniert. So bleibt auch er immer ein Lernender. Insa Griesing sagt: „Ich denke mir: Wer das Theater entdeckt, der unterschreibt vielleicht auch mal eine Petition dafür. Zumindest schimpft er nicht auf die Steuergelder für die Bühnen. Oder er kauft dem Enkel mal eine Theaterkarte.“ Recht bescheidene Wünsche. Doch manchmal passiert Außerordentliches: Da wird das LTT-Labor für einen Beitrag zur Ringvorlesung „Armuts(selbst)zeugnisse“ angefragt. Oder Volker Schubert trifft im Haus einen jungen Mann, der vor Jahren als Schüler im Jugendspielclub war und Schubert fragt. „David, was machst du hier?“ Und es stellt sich heraus, dass David Liske inzwischen die Schauspielschule in Stuttgart besucht hat und nun vom LTT engagiert ist.

Am LTT boomt die Theaterpädagogik
Die Baustelle Theaterpädagogik, hier im Keller der LTT-Technik fotografiert, von links: Tobias Ballnus, Volker Schubert, vorne Insa Griesing.Bild: Metz

Das aktuellste Angebot der Theaterpädagogik richtet sich an Studenten, denen derzeit diverse Events angeboten werden – bis zum gemeinsamen Kneipenbesuch. Die Eintrittskarten kosten sie nur sechs Euro pro Vorstellung – und zwar noch bis Samstag. Dann geht der „Theaterrausch“ zu Ende, wenn um 22.15 Uhr im LTT-Lokal die Band „My Crush“ aufspielt. Am morgigen Mittwoch wiederum sind von 19 Uhr an alle zu einer Handy-Sammelaktion ins Foyer eingeladen. Schätzungsweise 83 Millionen alter Handys gibt es in Deutschland. Das Difäm kann sie datensicher, ökologisch und sozial korrekt entsorgen und die Rohstoffe wieder verwerten. Für drei zurückgegebene Handys spendiert das LTT freien Eintritt. Zum Beispiel für die an diesem Abend thematisch passend gespielten Stücke „Benefiz“ und „Steve Jobs“. Und am Donnerstag findet im Anschluss an die Vorstellung „Die Firma dankt“ ein Gespräch zu „Moral und Ethikstandards bei radikalen Veränderungen“ statt. Zu Gast ist Matthias Möhring-Hesse, Professor am Lehrstuhl für Theologische Ethik in Tübingen.

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20.11.2012, 12:00 Uhr

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