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Erbauliches unter der Linde

Am Montag gab es in Unterjesingen Gutenachtgeschichten über Irrtum und Sehnsucht

„Jetzt steht er da!“ rief Franz-Josef Schnaidt, der Vorsitzende des Fördervereins Kelter, begeistert: Der rote Sessel der Gutenachtgeschichte stand am Montagabend zum ersten Mal in Unterjesingen – unter der Linde beim Keltermuseum.

13.08.2014
  • Fred Keicher

Unterjesingen. Eigentlich keine Umgebung, wo man sich im Sessel fläzt und Bücher liest, eher ein Platz, wo gschafft wird. Aber der Sessel war hochwillkommen: Über 150 Zuhörer kamen zur Unterjesinger Premiere der Gutenachtgeschichte, einer Gemeinschaftsveranstaltung des SCHWÄBISCHEN TAGBLATTs und der Osianderschen Buchhandlung.

Es war eine weltoffene Veranstaltung. Als Vorleser hatte Schnaidt einen Badenser, den Verleger Hubert Klöpfer, und eine Norddeutsche, die Logopädin Anne Ströle, gewinnen können. Klöpfer lebt seit 1977 in Unterjesingen, „mal oben, mal unten“, sagte er. Ströle immerhin seit 1991, und fühlt sich inzwischen fast eingemeindet. Unterjesingen bot sein Bestes: Vier verschiedene Weine aus eigenem Gewächs, Flachswickel und Speckfladen vom Bäcker Karl Stickel und das Klarinettenquartett der Winzerkapelle.

Dass Klöpfer aus Johann Peter Hebels Kalendergeschichten vorlas, war ja fast zwingend. Bevor er begann, wies Schnaidt darauf hin, dass die Unterjesinger Kelter in ihrem jetzigen Zustand zu Hebels Lebzeiten gebaut worden ist. Er streifte auch die kirchenpolitische Leistung des Markgräfler Pfarrers: Er brachte die Vereinigung der Lutherischen mit den Reformierten unterm Dach der Badischen Landeskirche zustande.

Klöpfer erzählte zunächst etwas über den Hintergrund seiner Berufswahl als Verleger. Man könne schließlich auch andere schreiben lassen (und das auch noch erfolgreich), habe er gemerkt, als er einst als Schüler im badischen Bühl das vaterländische Aufsatzthema zu bearbeiten hatte: „Eine Bühler Zwetschge erzählt aus ihrem Leben.“ Eine halbe Stunde las Klöpfer aus Hebels Kalendergeschichten zum großen Vergnügen seiner Zuhörer. Die machten nicht den Eindruck, dass Hebels Geschichten ihnen unbekannt seien. Hebel führt seine Leser den erbaulichen Weg „vom Irrtum zur Wahrheit und ihrer Erkenntnis“, wobei er als Erzähler genau weiß, dass der Irrtum viel interessanter ist als die Wahrheit, die er als Pfarrer predigen muss.

Elisabeth von Arnim und ihr Roman „Ein zauberhafter April“ war wohl nicht nur Franz-Josef Schnaidt unbekannt. Wohl so etwas wie Rosamunde Pilcher, habe er vermutet und sich im Internet kundig gemacht. Die 1866 in Australien geborene Autorin (sie starb 1941 in Charleston, South Carolina) ist allerdings viel rumgekommen, hat öfters geheiratet, als es schicklich ist, und ist dabei auch zu dem preußisch-deutschen Nachnamen gekommen. Die leicht skandalöse Vita der Autorin spiegelt sich in ihrem Werk wider, das Anne Ströle zum Vorlesen ausgesucht hatte.

Die Sehnsucht platziert in dem Roman einen kleinen Sprengsatz in das Leben der Mrs. Wilkins, die in den Konventionen des spätviktorianischen London erstickt wird – beherrscht von Gott, Mann, Heim und Pflicht. Plötzlich diese Anzeige. Ein mittelalterliches Castello mit blühenden Glyzinien in Italien wird in einer Kleinanzeige der Londoner Times angeboten. Ein Bild vom Paradies entfaltet sich in Mrs. Wilkins‘ Herzen mit Luft, Licht und Wärme, das sie zu einer unerbittlichen Beobachterin ihres Alltags macht. Was wird daraus?

Weiters nichts. Mit einer flüchtigen Bekannten spricht sie über ihre Träume – und für einen winzigen Moment entsteht daraus ein zauberhafter April. Im weiblichen Teil (der weitaus größere) des Unterjesinger Publikums fand von Arnims Heldin große Sympathien und mitfühlendes Gelächter. Als die Lesung gegen 21 Uhr zu Ende war, blieb man noch beisammen und hatte viel zu besprechen. Reichlich gespendet wurde auch für gute Zwecke: Die 386,60 Euro gehen zu gleichen Teilen an die Jugendarbeit der Winzerkapelle und an den Förderkreis Kelter.

Am Montag gab es in Unterjesingen Gutenachtgeschichten über Irrtum und Sehnsucht
Anne Ströle hatte sich für die Gutenacht-Premiere in Unterjesingen den „Verzauberten April“ von Elizabeth von Arnim ausgesucht. Bild: Keicher

Am Montag gab es in Unterjesingen Gutenachtgeschichten über Irrtum und Sehnsucht

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13.08.2014, 12:00 Uhr

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