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Am Puls der Zeit
Aktiver Einsatz im stetigen Rhythmus für das eigene Wohlbefinden: Gute Fitness und Ausdauer verbessert die Stressresistenz, beugt dem Burn-out vor, verringert die Gefahr von Depression und Demenz. Foto: © Kzenon - fotolia.com © Kzenon Credit Line:Kzenon - Fotolia
Sportmedizin

Am Puls der Zeit

Kampf dem plötzlichen Herztod: Erkenntnisse aus dem Hochleistungsbereich nützen der breiten Basis der Aktiven, aber auch vielen Patienten.

15.11.2016
  • KLAUS VESTEWIG

Stuttgart. Auf seine Zeit als junger Assistent wirft Professor Wilfried Kindermann gern einen Blick zurück. Vor einigen Jahrzehnten galt für Herzinfarkt-Patienten in den ersten sechs Wochen strenge Bettruhe. Hätte sich der angehende Sportmediziner damals nicht daran gehalten, er hätte einen strengen Verweis erhalten. Heute hingegen gilt bei solchen Patienten eine frühe Mobilisation schon nach wenigen Tagen. Ein kompletter Richtungswechsel.

„Viele trainingsmethodische Prinzipien aus dem Leistungssport haben Eingang in den Patientensport gefunden“, resümierte Kindermann, bis 2008 bei drei Olympischen Spielen leitender Arzt der deutschen Mannschaft, beim 40. Sportmedizinischen Seminar des Württembergischen Landessportbunds (WLSB). Vor 300 Übungsleitern, Trainern und Ärzten veranschaulichte der renommierte Sportmediziner bei der Jubiläumsveranstaltung in Stuttgart, dass inzwischen sogar intensives Intervalltraining bei herzinsuffizienten Patienten angewendet werde. „Ein Sportherz kann fast doppelt so groß sein wie bei Normalmenschen. Herzpatienten können ähnlich große, freilich nicht so leistungsfähige Herzen erreichen wie Sportler“, sagte Kindermann, zwischen 1990 und 2000 auch Internist der deutschen Fußball-Nationalmannschaft.

Die Anforderungen an die Sportmedizin haben sich in den vergangenen Jahren stark gewandelt. Neben der Rehabilitation hat sich die Prophylaxe zu einer entscheidenden Aufgabe entwickelt. „Als Sportmediziner muss ich in erster Linie Gesunderhalter sein“, versicherte Kindermann. Gerade angesichts der zunehmenden Wettkampfhäufung müsse der Arzt – und nicht der Trainer, Manager oder Sponsor – das letzte Wort haben, ob ein verletzter Sportler starten oder spielen dürfe. „In den acht Jahren als Bundestrainer hat Berti Vogts oft gemurrt, aber es gab keinen einzigen Fall, in dem er sich nicht an mein Urteil gehalten hat“, weiß Kindermann. Auch bei den Athleten selbst scheint das Verständnis für nötige Pausen deutlich größer geworden zu sein.

Zum Beispiel bei Langstreckenläuferin Sabrina Mockenhaupt, die nach drei Olympischen Spielen dem ärztlichen Rat folgte und wegen der Folgen eines Ermüdungsbruchs im linken Fuß zähneknirschend die Vorbereitung auf Rio abbrach. „Irgendwann muss man anfangen zu denken“, sagte die 35-Jährige: „Jetzt werde ich wenigstens auf meine alten Tage noch etwas schlauer.“

Auch Freizeitsportler gefährdet

Zu viel Nähe zum Athleten, so Kindermann, sollten Sportärzte vermeiden, es bringe Abhängigkeit. Insofern hält der Professor vom Institut für Sport- und Präventivmedizin der Universität des Saarlands auch spezielle Erfolgsprämien für inakzeptabel.

Für die Sportmedizin muss die gesundheitliche Vorbeugung statt der Überschreitung der Leistungsgrenzen beim Sportler im Vordergrund stehen. Deswegen ist seit den 70er-Jahren auch das Betreuungssystem für die Athleten weiterentwickelt worden: Sämtliche deutsche Leistungskader werden jedes Jahr leistungsphysiologisch untersucht. Der wichtigste Grund: Der plötzliche Herztod – ein bis zwei Verstorbene bei 100 000 Sportlern pro Jahr – soll weiter reduziert werden. Vor allem Fußballspieler, Jogger, Tennisspieler ab 50 Jahren und Sporteinsteiger ab 40 sind in Deutschland betroffen, außerdem deutlich mehr Männer als Frauen. Französische und deutsche Studien haben bestätigt, dass über 90 Prozent der Herztodesfälle nicht im Spitzen- sondern im Freizeitsport geschehen.

Die wichtigste Ursache für den plötzlichen Herztod ist eine krankhafte, genetisch bedingte Verdickung des Herzmuskels. Und eben die kann zu 90 Prozent durch eine EKG- und Ultraschall-Untersuchung diagnostiziert werden. Eine zweite Ursache ist vielfach eine Herzmuskelentzündung, oft Folge körperlicher Belastung trotz eines Infektes. Aber auch Doping kann plötzliche Herztodesfälle verursachen. „Anabolika können zu erheblichem Fettstoffwechsel führen“, sagte Kindermann. Das Risiko, einen Herzinfarkt und Schlaganfall zu erleiden, ist auch bei Einnahme von EPO oder Wachstumshormonen groß, letztere können auch Krebs erzeugen.

Für den Kardiologen ist der Kampf gegen den Dopingmissbrauch in einer kritischen Phase. Sein Fazit: „Dieses Jahr hat Symbolkraft. Die Dopingbekämpfung ist gescheitert, sie muss sich völlig neu aufstellen.“ Nicht immer aber hat bei dieser Frage auch eine gewandelte Sportmedizin eine gute Rolle gespielt.

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15.11.2016, 06:00 Uhr

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