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Ein Abgrund lässt tief blicken

Am Rottenburger Ort der Handlung stellt Egon Gramer satirischen Heimatroman vor

„Rottenberg“ heißt kaum verfremdet der Ort der Handlung des dritten Romans „Allerscheinheiligen“ von Egon Gramer. Erzählt wird über die Kindheit eines Dichters im Jahr 1912, über faule Wunder und falsche Bischöfe. Gestern kamen 50 Besucher in die Rotunde der Festhalle zur Buchvorstellung.

29.10.2012
  • Fred Keicher

Rottenburg. „Sind Sie sicher, dass Sie in der richtigen Veranstaltung sind?“, fragte Egon Gramer die Zuhörer. Diese Zeitung hatte die Veranstaltung wohl wegen der Nähe zum Fest mit dem Titel „Allerheiligen“ angekündigt, immerhin, wie es sich sonntags gehört, nach Ende des Hauptgottesdienstes, ließ Rottenburgs Kulturamtsleiter Karlheinz Geppert einfließen.

Das Rottenberg Gramers ist eine ordentliche Stadt. Das erste Kapitel „Stadt, Land, Fluss“ beschreibt, wie der Fluss die linke, die neue, die richtige Stadt von der rechten, alten „links liegengelassenen“ Stadt trennt. Verbunden sie sind sie durch eine obere, eine untere und eine mittlere Brücke. Natürlich muss Gramer den Rottenburgern nicht ihre Stadt vorstellen, er schmuggelt kleine Asymmetrien in das vertraute Bild, das dann auch bald Risse bekommt. Der Dom ist dem Heiligen Martin geweiht, der den Mantel in gleiche Teile geteilt hat. Aber das rechte Seitenschiff ist doppelt so breit wie das linke: „eine rechtslastige Besonderheit“, die die „natürliche Dominanz der Männerseite über die Frauenseite“ ausdrücke.

„Schloss und Palais sind Anstalten zur Besserung der Menschen“, konstatiert der Roman. Allerdings wollen die Schlossinsassen nichts wie raus, während die im Palais drinnen bleiben wollen. Das Bild der Stadt gerät heftig ins Ruckeln. Und dann: „Eines schönes Tages aber, von niemanden erwartet, tat sich gleichsam aus heiterem Himmel in der durch den Fluss geteilten Stadt ein großer schwarzer Riss auf. Ein Abgrund ließ tief blicken.“

Den großen Rest des Romans mit seiner dichten Beschreibung der heraufscheinenden Katastrophe des Ersten Weltkriegs erschloss Gramer den Zuhörern im Gespräch mit TAGBLATT-Redakteur Willibald Ruscheinski.

Da ist die Geschichte über den begabten jungen Mann, den Dichter Josef Eberle. Einen „Wunderfitz“ nennt ihn Gramer im Roman. „Sein erstes Dichten ist aus dem Schmerz entstanden, nicht aus dem Überfluss“, erläuterte Gramer gestern. Es sei ja nicht so, wie der „oft überdrehte“ Schiller das darstellt: „Ich singe wie der Vogel singt.“

Wie in einem Rap-Song im Gehen erschließt sich dem gedemütigten Jungen Reim und Rhythmus: „O Heiliger Sankt Nepomuk/ komm hilf mir gib dir einen Ruck/ O heiliger Sankt Nepomuk/ Mut zeigt auch der Mameluk.“

Die Ankunft des Bischofs von Bethlehem 1912 in Rottenburg hat Eberle wohl selber erlebt. Der kam in bunten Gewändern mit seinem Kaplan und sammelte Mess-Stipendien ein. Ein Rottenburger Schneider nähte ihm sogar noch ein feines Bischofsgewand. Gesprochen haben die beiden Cyprokaldäisch, aber ihr Latein bei der Liturgie habe Schwächen gehabt. Auch damals sei man später schlauer gewesen, erzählte Ruscheinski, der einmal den Fall erforscht hat. Im Bayerischen seien die beiden sistiert worden. Sie hätten den Leuten das geliefert, was sie wollten: Keine Köpenikade mit Hauptmannsuniform, sondern im Bischofsgewand.

Eine vernichtende Satire wollte und konnte Gramer nicht schreiben, sagte er. „Ich wollte schon jemanden an den Karren fahren, aber so, dass er weiterfahren kann. Man ist doch selber von der selben Sorte. Wer wäre nicht gerne mal Bischof von Bethlehem.“

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29.10.2012, 12:00 Uhr

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