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Den Klang aus dem Wasser heben

Am Samstag führt das Tübinger Jugendsinfonieorchester in Kirchentellinsfurt Bruckners Sechste auf

Letzten Sommer gab das Jugendsinfonieorchester der Tübinger Musikschule sein Debüt auf dem Kirchentellinsfurter Rathausplatz. Mahlers Vierte begeisterte das Publikum so sehr, dass der Arbeitskreis Kultur im Schloss gleich wieder bei „Sinfo“-Leiter Kiril Stankow anfragte. Nun folgt am Samstag vorm Rathaus Bruckners Sechste.

01.08.2014
  • Achim Stricker

Tübingen/Kirchentellinsfurt. Es ist ein höchst ehrgeiziges Programm, bei dem jedes Profiorchester gut gefordert wäre: die Ouvertüre zu Humperdincks Märchenoper „Hänsel und Gretel“, das bezaubernde erste Violinkonzert von Prokofjew und schließlich Bruckners sechste Symphonie. Solist bei Prokofjew wird der junge Kassler Geiger Fjodor Selzer sein, der aktuell in Freiburg studiert.

Als Kiril Stankow seinen Musiker(inne)n die Programmwahl verkündete, war die erste Reaktion im „Sinfo“ Fassungslosigkeit in mehrfacher Hinsicht. Zumal Bruckners einstündige Symphonie mit ihren gigantischen Steigerungswellen ist monumental, die Tonsprache stark durchchromatisiert: „Es liegt alles kreuz und quer“, kommentiert Stankow.

Um die Besetzung stemmen zu können, kooperiert das Tübinger Musikschulorchester mit dem Jugend-Sinfonieorchester Kassel, das Stankow schon mehrfach als Gastdirigent geleitet hat. In diesem Projektorchester finden Kassler Musikschüler(innen) zwei Mal jährlich zu Probenphasen zusammen.

Gemeinsam ergeben Tübingen und Kassel ziemlich genau hälftig eine 70-köpfige Besetzung, Durchschnittsalter 16. Fast das gesamte Blech kommt aus Kassel. Manche kennen einander schon von Auftritten mit dem Bundesjugendorchester.

Mit den Tübingern hat Stankow die Werke in vier Monaten einstudiert, tatkräftig unterstützt von Dozent(inn)en der Musikschule, die die einzelnen Stimmgruppen betreut haben. Die Stimmführer aus dem Orchester kümmerten sich ums Eintragen von Fingersätzen und Bogenstrichen.

Die Kassler wiederum bekamen die Noten mit sämtlichen Anmerkungen zugeschickt und haben sich ihre Parts eigenständig erarbeitet. Wenn man die zweite Tuttiprobe am Dienstag in der Musikschul-Aula hört, kann man kaum glauben, dass die beiden Orchesterhälften erst seit wenigen Tagen miteinander musizieren.

Der Kopfsatz von Bruckners Sechster (entstanden 1879 bis 1881) beginnt mit auf der Stelle tänzelnden Tonwiederholungen, ein scharf akzentuierter Rhythmus auf cis, der sich später in Oktaven aufgetürmt zum wuchtig insistierenden Galopp steigern wird. „Am Rhythmus dranbleiben!“ Stankow mahnt, die Tonwiederholungen so messerscharf präzise zu setzen wie das Schnippeln von papierdünnen Gurkenscheibchen. Als erinnerndes Symbol legt er eine Salatgurke aufs Dirigentenpult. Manche Passagen lässt er das Orchester probeweise allein spielen: „An solchen Stellen führt jeder mit – ein Orchester mit 70 Dirigenten. Hört aufeinander, nehmt Anteil!“

Bei Bruckners Steigerungswellen muss man sich die Crescendo-Strecke ökonomisch einteilen. Dafür gibt Stankow ein anschauliches Bild, das die Ästhetik von Bruckners Klanglandschaften auf den Punkt bringt: „Das ist wie bei einer Fahrt auf der Moldau. Da erscheint plötzlich ein Berg. Je näher man kommt, desto größer und höher wird er und man entdeckt immer mehr Details. Und dann ist er plötzlich vorüber und der nächste Berg nähert sich.“

Mit dem Bild können die jungen Musiker(innen) etwas anfangen, es klingt gleich ganz anders. Das Crescendo rollt an, schon beginnt auf einem Notenständer ein Bleistift zu vibrieren, unter den Fußsohlen schwillt das Beben an. „Ich spüre noch jeden Taktstrich! Das muss noch mehr ins Fließen kommen.“ Im Adagio soll das allererste f der tiefen Streicher gleich die klangsatte Atmosphäre eines Trauermarsches haben. Auch hierfür gibt Stankow ein griffiges Bild: „Ihr macht noch zu viel, lässt den Ton einfach kommen. Stellt euch vor, er klingt schon, wie von unter Wasser her – ihr müsst ihn nur noch aus dem Wasser heben.“

Bis heute sehen es Musikwissenschaftler als unerklärbares Rätsel an, wie der von seinen Zeitgenossen als naiv und beschränkt wahrgenommene Bruckner derart revolutionäre Musik ersinnen und damit die Gattung Symphonie sprengen konnte. Wurde der fromme Bruckner selbst nach seiner Inspiration gefragt, antwortete er, seine Musik sei ihm vom Lieben Gott eingegeben worden, geduldig diktiert von Engeln.

Am Samstag führt das Tübinger Jugendsinfonieorchester in Kirchentellinsfurt Bruckners Sechste auf
Volle Konzentration: Das Jugendsinfonieorchester probt Bruckner in der Musikschule.Bild: Metz

Das Konzert findet am Samstag um 19 Uhr auf dem Rathausplatz in Kirchentellinsfurt statt, bei schlechtem Wetter in der Richard-Wolf-Halle (Neue Steige 25). Wetter-Telefon am Veranstaltungstag: 07121 / 3179107. In Tübingen wird das Programm dann im Oktober bei den Jazz & Klassik-Tagen zu hören sein.

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01.08.2014, 12:00 Uhr

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