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Kommentar

Am Vorabend gewaltiger Ereignisse

Heute vor 70 Jahren schickte der Breitenholzer Martin Witzemann von irgendwo im Osten einen Brief nach Hause. „Wir stehen am Vorabend gewaltiger Ereignisse, in die auch ich hineingezogen bin. Keiner von uns weiß, ob er das Kommende überstehen wird“, schrieb er am 21. Juni 1941 an seine Angehörigen.

21.06.2011
  • Hans-Joachim Lang

„Ich sitze vor meinem Zelt, mitten unter meinem Zug. Ein herrlicher Sommertag geht zur Neige. Die Kiefern schwanken im erfrischenden Abendwind. Die Strahlen der Sonne dringen durch das Geäst. Blauer Himmel spannt ein Zelt. Nach langem Raten, Fragen und Zweifeln sind wir nun heiter und gelöst.“

Jenen „Vorabend gewaltiger Ereignisse“ hatte der Student Martin Witzemann nicht heiter und gelassen ins Leere empfunden. Es folgte noch die kürzeste Nacht des Jahres, und als sie vorbei war, im Morgengrauen des 22. Juni 1941, donnerten die Kanonen los. Das Deutsche Reich eröffnete entlang einer riesigen Front, die vom Weißen bis zum Schwarzen Meer reichte, den Krieg gegen die Sowjetunion.

Und noch einen weiteren Tag später, am 23. Juni 1941, war Martin Witzemann bereits tot, einer der ersten Gefallenen eines Kriegs im schon herrschenden Kriege, den die Deutschen durch ihren Überfall auf Polen am 1. September 1939 angezettelt hatten und der nun zu einem gigantischen Raub- und Vernichtungskrieg auswuchs.

In Tübingen waren die Polizeibehörden „wegen der Kampfhandlungen an der Ostfront“ an jenem Sonntag angewiesen worden, „alle Tanzveranstaltungen zu untersagen“, der Schwäbische Sängerbund forderte dazu auf, „das deutsche Lied in den Siegeswillen der Heimat einzubeziehen“.

Die Nationalsozialisten hatten den vor 70 Jahren begonnenen militärischen Feldzug als Vernichtungsfeldzug gegen Osteuropa geplant und den systematischen Massenmord an den europäischen Juden einbezogen. Nach diesen Zielen handelte nicht nur die Nazi-Elite, denn die verbrecherischen Anstifter bedurften auch massenhaft der Vollstrecker. Die von Adolf Hitler im März 1941 ausgegebene Parole von der „nie dagewesenen, erbarmungslosen Härte“ fand in allen militärischen Rängen gehorsame Gefolgschaft und in der Zivilbevölkerung zustimmendes Echo.

Nicht alle in Nazideutschland konnten das komplette Ausmaß der Kriegsverbrechen überblicken. Aber im Nachkriegsdeutschland, als alle so frei waren, sich umfassend zu informieren, dauerte es beschämend lange, bis Politik und Gesellschaft dafür aufnahmebereit waren – mit Gefühl und mit Verstand.

„Der Weisheit letzter Schluss ist allerdings immer derselbe: Die Irrsinnigkeit dieses oder überhaupt jeden Krieges.“ Dem Tübinger Arzt Dr. Gottfried Gruner hat diese Einsicht nichts genutzt. Sie konnte nur noch als Abrüstungsbeitrag in einem 1952 erschienenen Büchlein dienen: „Kriegsbriefe gefallener Studenten 1939 - 1945.“

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21.06.2011, 12:00 Uhr

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