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„Am Welthandel muss sich einiges ändern“
Bärbel Dieckmann sieht ihre Aufgabe auch darin, Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Foto: dpa
Interview Bärbel Dieckmann

„Am Welthandel muss sich einiges ändern“

Welthungerhilfe-Chefin Bärbel Dieckmann ist sich sicher: Ohne ein Umdenken im Westen wird es auch in Zukunft zu viele Menschen auf der Erde geben, die zu wenig zu essen haben.

14.12.2016
  • VON ANDRé BOCHOW & GUNTHER HARTWIG

Berlin. Fast 800 Millionen Menschen leiden unter Hunger. Manchmal sind dafür Naturkatastrophen verantwortlich, häufig Kriege, der Klimawandel und schlechte Regierungen. Auch westliche Industrienationen sind verantwortlich. Ein Gespräch mit Welthungerhilfe-Chefin Bärbel Dieckmann.

Frau Dieckmann, kürzlich hat Ihre Organisation den Welthungerindex 2016 veröffentlicht. Auf den ersten Blick könnte man sagen: Es wird besser. Täuscht der Eindruck?

Bärbel Dieckmann: Der Eindruck täuscht nicht. 795 Millionen Menschen hungern immer noch. Das sind viel zu viele. Aber die Anzahl der Hungernden sinkt Jahr für Jahr. Nur eben zu langsam.

Was muss geschehen, damit der Hunger, wie von der Weltgemeinschaft versprochen, bis 2030 verschwindet? Muss der Welthandel revolutioniert werden?

Am wichtigsten sind Investitionen in die Landwirtschaft. Drei von vier Hungernden leben auf dem Land. Wenn ausreichend investiert würde, könnten die Menschen zumindest sich und ihre Familien selbst ernähren. Wenn sie zusätzlich ein eigenes Einkommen durch den Verkauf von Produkten haben, können ihre Kinder die Schule besuchen. Das ist kein Allheilmittel und wird auch nicht zu großem Wohlstand führen. Aber es ist ein notwendiger Zwischenschritt. Und ja, am Welthandel muss sich einiges ändern. Die Handelspolitik der Industriestaaten orientiert sich oft an den eigenen Interessen und erschwert damit die Überwindung von Hunger und Armut.

Was kann denn in den Regionen, in denen die Welthungerhilfe aktiv ist, gegen die Folgen des Klimawandels unternommen werden?

Zunächst einmal müssen die Industrienationen ihre klimaschädlichen Emissionen drastisch reduzieren. Denn die Industrienationen haben den Klimawandel verursacht, unter dem jetzt schon viele Entwicklungsländer leiden. Einige dieser Länder haben bereits Anpassungsmechanismen entwickelt, zum Beispiel durch eine bessere Wassergewinnung, effiziente Wasserspeicherung, die Erzeugung von widerstandsfähigem Saatgut, oder klimaangepassten Anbaumethoden. In Ländern, in denen Frieden herrscht und in denen wir Hilfe zur Selbsthilfe leisten können, finden wir sehr oft zusammen mit den Menschen gute Lösungen. Aber wir arbeiten auch in Ländern, in denen es bereits Klimaflüchtlinge gibt, die in einer anderen Region eine neue Lebensgrundlage finden müssen.

Deutschland hat auch in diesem Jahr das Ziel verfehlt, 0,7 Prozent des Bruttoinlandproduktes für die Entwicklungszusammenarbeit auszugeben. Ein Armutszeugnis?

Ja. Das 0,7-Prozent-Ziel kann Deutschland erreichen, ohne in wirtschaftliche Schwierigkeiten zu geraten. Trotzdem begrüßen wir, dass der Etat für die Entwicklungszusammenarbeit aufgestockt wurde. Ich hätte mir das früher und systematischer gewünscht und nicht erst als Reaktion auf die Flüchtlingskrise. Jeder weiß, dass die Menschen nicht an Orten bleiben, an denen sie keine Lebenschancen haben. Es wäre also sinnvoll gewesen, die Fluchtursachen früher zu bekämpfen. Aber gut, dass es jetzt ein Besinnen gibt.

Eine der wichtigsten Ursachen für Hunger sind Kriege und bewaffnete Konflikte. Hin und wieder greifen die Europäer ein. Aber ist der Westen nicht überfordert, angesichts der Vielzahl der Konflikte?

Ich fürchte, das ist so. Politische Lösungen sind in vielen Fällen sehr schwer zu erreichen. Das extremste Beispiel in Afrika ist im Moment sicher der Südsudan. Umso wichtiger ist es, dass wir als Welthungerhilfe präsent bleiben und den Menschen dort, wo immer es geht, beim Aufbau einer halbwegs gesicherten Existenz helfen. Im Moment allerdings ist für uns im Südsudan fast nur noch Nothilfe möglich.

Viele Länder Afrikas hätten die Ressourcen, um ihre Bevölkerung zu ernähren, werden aber durch Konflikte oder schlechte Regierungen daran gehindert – frustriert Sie das nicht?

Das ist sicher so, aber es bleibt befriedigend zu wissen, dass es überall dort, wo wir arbeiten, den Menschen deutlich besser geht als ohne unsere Hilfe. Und wir sehen immer wieder, wie viel Kraft in diesem Kontinent steckt: Frauen, die eine kleine Landwirtschaft betreiben und ihre Familien versorgen, Lehrerinnen, die für die Bildung der Kinder kämpfen, oder Ingenieurinnen, die technische Projekte betreuen. Man fährt immer wieder aus Afrika weg im Bewusstsein, dass die Menschen dort anpacken und ihre Zukunft in die eigenen Hände nehmen.

Die Bereitschaft zu helfen, hat sich gerade wieder in der Flüchtlingskrise gezeigt. Andererseits gibt es so viele Organisationen, dass viele nicht wissen, wo ihre Spenden gut angelegt sind. Was empfehlen Sie?

Etwas gilt immer: Organisationen, die das Spendensiegel haben, arbeiten vollkommen transparent und informieren detailliert über ihre Projekte.

Ist die Vielzahl der Organisationen sinnvoll oder stehen die sich gegenseitig im Weg?

In der Arbeit vor Ort stehen wir uns nicht im Weg, da funktionieren Koordination und Arbeitsteilung sehr gut. Es gibt auf der Welt genug zu tun.

Sind Sie flächendeckend präsent?

Nein, wir arbeiten dort, wo die Not am größten ist, im Moment in 39 Ländern mit Schwerpunkt Afrika und Asien, darunter auch viele fragile Staaten. Aber wir verlassen auch Länder, wenn die Menschen in der Lage sind, sich selbst zu versorgen. Das ist der Sinn von Hilfe zur Selbsthilfe.

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14.12.2016, 06:00 Uhr

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