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Sie überdauerten als Bauzugwagen

Am alten Honauer Bahnhof stehen zwei historische Eisenbahnwaggons

LICHTENSTEIN. Der alte Honauer Bahnhof hat eine neue Attraktion: Zwei historische Eisenbahnwaggons stehen als Dauerleihgabe des Dresdner Verkehrsmuseums hinterm Bahnhof, den der Förderverein in liebevoller Kleinarbeit restauriert. Einer, das wird gerade überprüft, gehört möglicherweise zu den ältesten Waggons der Geschichte.

28.12.2004
  • Matthias Reichert

Zehn Jahre lang waren die beiden Waggons der Gesellschaft zur Erhaltung für Schienenfahrzeuge in Kornwestheim überlassen. Die wollte einen Zug der Königlich-Württembergischen Staatseisenbahn auf die Schienen stellen. Nach einem Todesfall änderten sich dort die Zielsetzungen, der Förderverein holte die Wagen nach Honau. Dort stehen sie als Dauerleihgabe des Dresdner Verkehrsmuseums, der Vertrag läuft mindestens 15 Jahre.

Am alten Honauer Bahnhof stehen zwei historische Eisenbahnwaggons
Möglicherweise entstand der ältere der beiden Wagen schon zwischen 1846 und 1852 – damit wäre er einer der ältesten Waggons überhaupt.

Beide waren ursprünglich Personenwagen. Der ältere wurde vor 1866 in der Maschinenfabrik Eßlingen hergestellt. Möglicherweise entstand er bereits zwischen 1846 und 1852, damit würde er zu den ältesten Waggons der Welt zählen. Ein Fachjournalist aus Senden bei Ulm überprüft für den Honauer Förderverein die Hinweise. Der Waggon war ursprünglich ein Holz-Fachwerkwagen, die Beplankung aus Blech erhielt er erst später. Der Honauer Verein hat die Farbe erneuert, damit das Fahrzeug nicht rostet. Eine Besonderheit: Es hat dreierlei Radsätze, einer wurde zwischenzeitlich mit neuen Nieten repariert.

Bis 1990 noch im Einsatz

1845 übernahm die Württembergische Staatseisenbahn das amerikanische Eisenbahnsystem. So wurden die Waggons nicht mit Puffern und Haken aneinander gehängt, sondern bekamen moderne Trichterkupplungen mit Kuppeleisen. Die Wagen waren nach amerikanischem Vorbild innen hohl, hatten keine tragenden Innenwände. Deshalb konnten die beiden Honauer Waggons als Bauzugwagen überdauern – man nahm einfach die Inneneinrichtung heraus. Sie dienten dann etwa zum Transport von Baumaterialien für Gleisarbeiten. Als Personenwagen waren solche Waggons im Westen bis Anfang der 60er-Jahre im Einsatz, im Osten zehn Jahre länger.

Am alten Honauer Bahnhof stehen zwei historische Eisenbahnwaggons
Der ältere Waggon hat dreierlei unterschiedliche Radsätze.

Der ältere Waggon kam vor dem Zweiten Weltkrieg als Bauzugwagen zur Reichsbahndirektion Stettin. In der DDR war er dann laut Aufschrift der Bürowagen des Bauzugs 301 bei der Deutschen Reichsbahn. Er wurde noch bis 1990 in Saalfeld eingesetzt, dann kam er ins Verkehrsmuseum. Der zweite Waggon wurde 1902 ebenfalls in Eßlingen gebaut. Er kam wohl im Zweiten Weltkrieg in den Osten und blieb dann in der sowjetischen Besatzungszone. Bis Mitte der 60er-Jahre diente er als Bauzugwagen, dann wurde er vom Dresdner Verkehrsmuseum als historisches Begleitfahrzeug für Dampflokfahrten genutzt.

Eine Besonderheit: Der neuere Waggon ist längs- und quergefedert, diese Technik verwendete die Württembergische als erste Länderbahn. „Das Fahrwerk mit dem Drehgestell läuft wie eine Sänfte auf Schienen“, sagt Klaus Beck, der Vorsitzende des Honauer Fördervereins. Die Waggons waren auf Wunsch König Wilhelms I. sehr bequem. Nur in Württemberg gab es drei Fahrgast-Klassen. Möglicherweise gehört der neuere Waggon zur seltenen Gattung „ABC“ – das bedeutet, dass er alle drei Klassen führte. Die Erste hatte Plüsch, die Zweite war gepolstert, die Dritte hatte Holzbänke. Der ältere Waggon war vermutlich ein Dritte-Klasse-Wagen. Die hatten nur in Württemberg Fenster, in anderen Ländern gab es Lüftungsschlitze. Die Honauer wollen beide Wagen so restaurieren, wie sie zwischen 1900 und 1920 aussahen. Der neuere kann dann möglicherweise für Nostalgiefahrten genutzt werden.

Doch zunächst werden die beiden Waggons überdacht – sonst leidet das Holz unter Wind und Wetter. Das Dach auf gusseisernen Säulen soll wie ein alter Bahnsteig gestaltet werden. Dazu will der Förderverein noch eine alte Lok und einen Güterzug anschaffen. Der Verein hat bekanntlich den vom Abriss bedrohten Bahnhof gerettet. Er gehört jetzt dem Verein, der bisher rund 80 000 Euro investiert hat. Die Mitglieder renovieren seit Oktober 2003. Die „Sommerhalle“, der ehemalige Freiluft-Warteraum, ist schon fertig.

Ein belebtes Museum

2005 kommen die Wartesäle an die Reihe, dazu sollen Diensträume wie in den 1950er-Jahren entstehen. Man kann erahnen, wo welche Klasse wartete – weil hier die Grafen von Schloss Lichtenstein zustiegen, hatte der Bahnhof sogar einen Erste-Klasse-Saal. Die Mitglieder wollen jetzt eine Gasheizung einbauen und die Fußböden erneuern, parallel soll im Dachgeschoss eine Wohnung entstehen. Dort lebten früher Bahnhofsvorstand und Weichenwärter in zweieinhalb Zimmern.

Die Gemeinde übernahm 2003 und 2004 jeweils um die 27 000 Euro. Über den Zuschuss 2005 berät der Gemeinderat Anfang des Jahres. Äußerlich will der Verein den Bahnhof historisch korrekt restaurieren, auch die „Sommerhalle“ entstand nach Original-Plänen. Innen ist „ein belebtes Museum“ geplant, so Beck, das auch für Familienfeiern, Tagungen und Ausstellungen genutzt werden kann. Außerdem hat sich der Verein aufs Panier geschrieben, die alte Zahnradbahnstrecke den Traifelberg hinauf wiederzubeleben.

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28.12.2004, 12:00 Uhr

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