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Es geht mehr, als man denkt

Ambulante Operationszentren wie die Loretto-Klinik sind bei Patienten gefragt

Ambulante Operationen – vor 20 Jahren noch eine Seltenheit – haben extrem zugenommen. Mit dieser Entwicklung sind auch ambulante Operationszentren gewachsen – wie die Tübinger Loretto-Klinik.

10.10.2012
  • Angelika Bachmann

Tübingen. Für viele Patienten ist das nicht immer leicht zu durchschauen und nachzuvollziehen: Welche Operationen kann man ambulant machen? Welche besser stationär? Und wenn es beide Möglichkeiten gibt, welche ist dann die bessere?

Für die Großen ein Spielverderber

Seit einem Jahrzehnt ist die Zahl der ambulanten Operationen deutlich gestiegen. Dabei werde in Deutschland im Vergleich zu anderen europäischen Ländern noch sehr wenig ambulant operiert, sagen Hans Kornblum und Albrecht Frunder, zwei der niedergelassenen Fachärzte, die vor elf Jahren zusammen mit Kollegen die Loretto-Klinik gegründet haben. Seither hat sich die Klinik in der Südstadt zu einer festen Größe im Tübinger Medizin-Geflecht entwickelt, mit stabilen Patientenzahlen: Jedes Jahr werden dort etwa 10.000 Fälle behandelt. Etwa 3000 Operationen werden dort jährlich gemacht.

Obwohl auch die großen Klinika wie die BG-Unfallklinik und das Uni-Klinikum seit einigen Jahren ambulante Operationszentren betreiben, sei diese Konkurrenz nicht bedrohlich. Viele Patienten entschieden sich bewusst für die kleinere Klinik – auch weil diese sich einen Ruf als ambulantes Zentrum erworben hat.

Viele Patienten, sagt Hans Kornblum, ziehen ambulante Eingriffe einem Krankenhausaufenthalt vor. „Wir sind für die großen Kliniken deshalb in manchen Dingen ein Spielverderber“, sagt Frunder.

Sprunggelenksfrakturen, Abszesse oder plastisch-chirurgische Eingriffe an der Hand werden in der Loretto-Klinik größtenteils ambulant operiert. Und wann sollte man sich für eine stationäre Operation entscheiden? „Ambulante Operationen werden mit zunehmendem Alter schwierig“, erklärt Frunder. Wenn viele Begleiterkrankungen vorliegen, kann es besser sein, der Patient wird stationär aufgenommen. Man müsse – wie immer in der Medizin – von Patient zu Patient im Einzelfall entscheiden. „Aber es geht mehr ambulant, als man denkt“, sagt Frunder.

Auch Leistenbrüche werden in der Loretto-Klinik weitgehend ambulant operiert. Die Komplikationsrate sei deutlich niedriger als etwa bei der endoskopischen Operation, die mit einem stationären Aufenthalt verbunden ist, sagen die Tübinger Chirurgen.

„Der Leistenbruch ist ein gutes Beispiel für die Misere in unserem Gesundheitssystem“, sagt Frunder. In den USA werde dieser zu 80 bis 90 Prozent ambulant operiert, in Deutschland nach wie vor nur zu rund 40 Prozent – obwohl die stationäre Operation mit 2000 bis 3000 Euro etwa das Zehnfache des ambulanten Eingriffs koste und im Normalfall keine Vorteile bringe.

Explosive Stimmung in der Ärzteschaft

In der zur Loretto-Klinik gehörenden Station mit sieben Betten können Patienten auch stationär aufgenommen werden. Allerdings gilt das nur für Privatversicherte und Patienten von Krankenkassen, mit denen die Ärzte Sonderverträge abgeschlossen haben – nicht aber für AOK-Patienten.

Wenn dieser Tage die Verhandlungen der Krankenkassen mit den Ärzteverbänden in eine neue Runde gehen, werden das auch die Loretto-Chirurgen mit Interesse und mit einer Mischung aus Frustration und Verärgerung beobachten. „Die Stimmung in der Ärzteschaft ist explosiv“, so die Einschätzung von Frunder. Seit der Gründung der Klinik habe sich im Gesundheitssystem viel bewegt – „aber zu unserem Nachteil“, sagt Frieder Rauscher.

Aktuell beschäftigt sich der kaufmännische Leiter der Loretto-Klinik, Johannes Roller, mit dem Problem, dass auch für kleine Kliniken die verschärften Hygiene-Vorschriften von Großklinika gelten. Das mache keinen Sinn, finden die Loretto-Ärzte. Großklinika hätten bekanntermaßen immense Probleme mit (multiresistenten) Erregern. In der Loretto-Klinik liege die Infektionsrate jedoch im Promille-Bereich. „Trotzdem müssen wir die hohen Standards der großen Häuser erfüllen“, sagt Frunder. Das erfordere Investitionen, die an die 100.000 Euro betragen.

Auch deshalb werden die Loretto-Ärzte in den kommenden Monaten über mögliche Kooperationen und neue Konzepte beraten. Zumal in der Klinik ein Generationswechsel ansteht: Der (Unfall-)Chirurg Frieder Rauscher und der (Kinder-) Chirurg Axel Clausner wollen demnächst altersbedingt aus dem Team aussteigen.

Ambulante Operationszentren wie die Loretto-Klinik sind bei Patienten gefragt
Weiße Kittel gibt es in der Loretto-Klinik nicht. Albrecht Frunder (links) und Hans Kornblum begegnen ihren Patienten lieber in normaler Kleidung. Das Bild zeigt die beiden Chirurgen bei der Nachbehandlung einer Patientin, der eine Zyste am Ohr entfernt wurde.

Ambulante Operationen können von Fachärzten in Krankenhäusern, aber auch von niedergelassenen Fachärzten durchgeführt werden. Die Entscheidung darüber liegt beim Patienten, der die freie Arztwahl hat. Die Entscheidung, ob ambulant oder stationär operiert werden soll oder kann, trifft der behandelnde Arzt. Wichtig ist, dass der Patient nach ambulanter Operation unter Narkose zu Hause eine Betreuung hat: Etwa 24 Stunden nach der Operation sollte der Patient nicht alleine sein, falls es zu Komplikationen wie Übelkeit, Schwindel oder Fieber kommen sollte.

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10.10.2012, 12:00 Uhr

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