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Rassismus

Amerikas hässliche Seite

Seit klar ist, dass Donald Trump Präsident wird, trauen sich jene aus der Deckung, die bisher geschwiegen haben: Menschen, für die die USA das Land der Weißen sind.

23.11.2016
  • PETER DE THIER

Washington. Seit dem Wahlsieg Donald Trumps zeigt sich Amerika von seiner hässlichsten Seite. Rassistische motivierte Hassdelikte werden aus allen Teilen des Landes gemeldet. Bürgerrechtsorganisationen haben den designierten Präsidenten mehrfach aufgefordert, Gewalt scharf zu verurteilen. Trump aber beschränkte sich auf den halbherzigen Appell an seine Anhänger: „Hört auf damit.“ Doch hat Trump mit seiner hetzerischen Wahlkampagne Amerika wirklich, wie viele glauben, verändert? Einiges spricht dafür, dass er lediglich breite Bevölkerungsschichten aus der Reserve gelockt hat, die sich bisher dem Postulat der politischen Korrektheit untergeordnet haben und nun Mut haben, ihren Rassismus auszuleben.

Nach Darstellung der Bürgerrechtsorganisation Southern Poverty Law Center wurden in der ersten Woche nach der Wahlnacht mehr als 200 Hassdelikte und rassistisch motivierte Vorfälle bekannt. Zwischenzeitlich hat sich die Zahl verdoppelt. An der Universität von Michigan etwa forderte ein weißer Mann eine muslimische Studentin auf, ihren Hidschab zu entfernen und drohte, sie andernfalls anzuzünden. Ebenfalls in Michigan triezten am Royal-Oak-Gymnasium weiße Schüler während der Mittagspause hispanische Klassenkameraden mit rythmischen Rufen „Baut die Mauer. Baut die Mauer.“ Teenager in Pennsylvania marschierten durch die Gänge einer Hochschule in der Stadt York, hielten „Trump Pence“ Schilder hoch und wiederholten Minuten lang den Ku-Klux-Klan-Schlachtruf „White Power“ („Weiße Macht“).

Für Aufsehen sorgte jene Demütigung, die der afro-amerikanische Kriegsveteran Ernest Walker kürzlich in Cedar Hill im US-Staat Texas hinnehmen musste. So wollte die Restaurantkette Chilis sich am „Veterans Day“ bei Soldaten mit einer kostenlosen Mahlzeit bedanken. Als dem leicht behinderten Walker, der in in Uniform und in Begleitung seines Diensthundes in dem Restaurant saß, sein Abendessen serviert wurde, sprach ihn ein weißer Mann mit Trump-T-Shirt an. Er warf dem Kriegsveteranen vor, niemals bei der Armee gewesen zu sein. „Er behauptete, dass er – wie auch ich – in Deutschland stationiert war und dass dort noch nie Schwarze hingeschickt werden durften“, erinnert sich der 47-Jährige. Obwohl Walker längst seinen Ausweis gezückt hatte, nahm ihm der Restaurant-Manager den Teller weg und verschwand in der Küche. „Ich kam mir vor wie in der Ära des Sklaventums, wo ein Afro-Amerikaner Papiere vorzeigen musste, um sein Recht auf Freiheit zu beweisen“, beschreibt Walker den Vorfall, für den sich das Restaurant mittlerweile entschuldigt hat.

Nicht nur im Süden

Die Zwischenfälle beschränken sich aber keineswegs auf konservative Südstaaten und jene mit einem hohen Anteil ärmerer weißer Wähler wie etwa Pennsylvania, Michigan und Wisconsin. Diese sind Bestandteil des Rust Belt („Rostgürtel“), wo die US-Schwerindustrie beheimatet ist. In allen drei Staaten, das hatten Wahlforscher vorausgesagt, würde Hillary Clinton wie auch ihre demokratischen Vorgänger klare Erfolge für sich verbuchen. Doch alle gingen an Trump. Selbst in liberalen Hochburgen wie New York, Kalifornien und Maryland wurden Schulwände und Toilettentüren mit Hakenkreuzen beschmiert. In Silver Spring, einem vorwiegend demokratischen Vorort der Hauptstadt Washington, wurden vor Kirchen Schilder zerrissen, die spanischsprachige Gottesdienste ankündigten. An deren Stelle hingen am Sonntag nach der Wahl weiße Schilder und Tücher mit den Worten „Trump-Nation, nur Weiße“.

„Ich bin überzeugt, dass er ganze Bevölkerungsschichten mobilisiert hat, die schon immer da waren“ ist Chris Buskirk, ein Anhänger Trumps, Rundfunkmoderator und Betreiber der konservativen Website „American Greatness“ überzeugt. „In einer Ära der ,politischen Korrektheit‘, wo dem gesprochenen und geschriebenen Wort strenge Grenzen gesetzt sind, hat er Menschen Mut gemacht, offen ihre Meinung zu sagen. Ähnlich sieht es John Lott, Vorsitzender des Crime Prevention Research Center, einem konservativen Forschungsinstitut: „Trump hat Menschen faktisch einen Blankoscheck ausgestellt, um Dinge zu sagen, von denen sie vorher schlechtweg Angst hatten, sie offen auszusprechen.“ Diese Einschätzung teilt auch Larry Sabato, Politologieprofessor an der Universität von Virginia. „Seine Anhänger waren schon immer da, nur haben sie bisher geschwiegen.“

Jetzt aber haben sie sich zu Wort gemeldet – Menschen, unter denen sich auch jene befinden, die mit Gewalt, Rassismus und Fremdenhass Amerikas hässlichste Seite ans Tageslicht gebracht haben.

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23.11.2016, 06:00 Uhr

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