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Seltene Tiere kehren zurück

Ammertal als Ökokonto – Unterjesingen vermisst Zukunftsplan

Das Ammertal war immer schon ein Refugium für seltene Tierarten. Ob Kiebitz oder Bekassine, Laubfrosch oder Tüpfelsumpfhuhn: Einige vom Aussterben bedrohte Tierarten fühlten sich dort äußerst wohl. Bis auch sie das Tal verließen – wegen gut gemeinter Gehölzpflanzungen. Dem wird jetzt entgegengesteuert. Mit Erfolg. Der Ortschaftsrat Unterjesingen indes hat Bedenken.

09.12.2014
  • Sabine Lohr

Unterjesingen. Die Bekassine hat einen ziemlich langen Schnabel, mit dem die braun-weiße Schnepfenart in flachen Tümpeln nach Nahrung stochert. Bis vor 50 Jahren brütete der inzwischen in Europa vom Aussterben bedrohte Vogel auch im Ammertal. Dann fühlte er sich dort nicht mehr wohl. Die Tümpel waren verlandet, Verstecke für die Brut gab es auch nicht mehr. Im vergangenen Jahr aber entdeckten ehrenamtliche Naturschützer wieder eine brütende Bekassine.

Das hat einen Grund: Seit zwei Jahren wird das Ammertal zwischen Schwärzloch und Unterjesingen so umgestaltet, dass sich Tierarten, die einst dort heimisch waren, wieder ansiedeln können. Schon seit 2001 dient das Ammertal – eben wegen seiner Artenvielfalt – als so genannte ökologische Ausgleichsfläche. Wann immer die Stadt Tübingen in die Natur eingreift – etwa durch Bebauung – muss sie dafür wieder einen Ausgleich in der Natur schaffen. Am besten geht das durch Aufwertung, wie es im Ammertal geschieht. Der Gegenwert jeder Maßnahme wird einem „Ökokonto“ gutgeschrieben, so dass auch schon im Vorfeld einer Bebauung einiges getan werden kann, um seltene Tierarten anzulocken.

In den vergangenen Jahren ist in diesem Sinne im Ammertal viel geschehen: Verlandete Gewässer wurden von Schlamm und Dreck befreit, die Ufer von Gräben wurden abgemäht und es wurden Bäume und Hecken gepflanzt.

Ammertal als Ökokonto – Unterjesingen vermisst Zukunftsplan
Im Gewann Wiesbrunnen im Ammertal wurde ein verlandeter Teich von Schlamm und Dreck befreit. Der Wasserralle gefällt das gut – sie brütet wieder Jahr für Jahr hier. Bild: Sommer

Letzteres hat sich als fatal herausgestellt. Denn in den Bäumen sitzen gerne Habichte oder andere Greifvögel, die es auf die Brut von Bekassine und Kiebitz abgesehen haben. Die zogen ihre Jungen deshalb nicht mehr im Ammertal auf – und auch die auf der Roten Liste stehenden und vom Aussterben bedrohten Laubfrösche, Kammmolche und Wasserrallen zogen sich zurück. „Es waren vor allem ehrenamtliche Naturschützer, denen das aufgefallen ist“, sagt Ulrike Fuhrer, die bei der Stadt für das Thema zuständig ist. Vor zwei Jahren wurde deshalb das so genannte „Faunistische Zielarten- und Maßnahmenkonzept“, kurz ZAK, aufgestellt. Die Landschaftsökologin Sabine Geißler-Strobel und der Forstwissenschaftler Florian Straub haben dafür genau untersucht, was getan werden muss, um die abgegangenen Tierarten im Ammertal wieder anzusiedeln. Seither hält sich die Verwaltung strikt an dieses Konzept.

Ammertal als Ökokonto – Unterjesingen vermisst Zukunftsplan
Raubwürger

So wurde etwa, um die Wasserralle wieder anzulocken, eine Fläche mit Oberflächenwasser, die fast verlandet war, wieder hergestellt. Dazu wurde unter anderem der Boden abgeschoben oder verdichtet, damit das Wasser stehen bleibt. Schilf, Röhricht und Gehölze am Rand schützen das Gewässer. Der Wasserralle gefällt das gut: Sie brütet dort seither jedes Jahr. In das Gewann Wiesloch sind wieder Laubfrösche, Kammmolche, Wasserrallen, Glänzende Binsenjungfern, Raubwürger (Bild), Zwergschnepfen und Bekassinen zurückgekehrt, weil ein Erdwall entfernt wurde, der bei der Anlage eines Biotops entstanden war.

Ammertal als Ökokonto – Unterjesingen vermisst Zukunftsplan
Bekassine

Trotz all der Erfolge hat der Ortschaftsrat Unterjesingen aber ein Problem mit dem Konzept. Vor allem, so sagt Ortsvorsteher Michael Rak, weil nicht klar ist, wie das Ammertal in zehn Jahren aussehen wird. Sollen bis dahin alle Bäume gefällt werden? Wirkt sich die Ansiedlung von Bekassine, Kiebitz und Wasserralle auf andere Tierarten negativ aus? Wie viele dieser Tiere sollen sich ansiedeln? Und wie wirksam ist das ganze Konzept auf die Dauer? Zudem seien, so Rak, etliche Betroffene nicht einbezogen worden. „Die Landwirte wurden nicht befragt und auch sonstige Bürger waren nicht beteiligt“, kritisiert er.

Der Ortschaftsrat jedenfalls wolle „mit großer Mehrheit“, dass ein zukunftsweisendes Konzept erarbeitet wird – und dass dafür im kommenden Jahr Geld im städtischen Haushalt bereitgestellt wird. Im April oder Mai, so sagte die städtische Fachabteilung zu, soll es eine Informationsveranstaltung geben.

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09.12.2014, 12:00 Uhr

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