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Schläge mit dem Wischmob

Amtsgericht: Streit der Generationen

Vordergründig ging es gestern am Horber Amtsgericht um gefährliche Körperverletzung. Doch hinter der Verhandlung verbarg sich auch die Frage, inwieweit ein Vater seiner längst erwachsenen Tochter vorschreiben darf, wie und mit wem sie zu leben hat. Der Prozess endete mit einem Vergleich – im Sinne aller Beteiligten. Und er bot einige skurrile Momente.

21.07.2015

Donnerstag Vormittag, halb elf im vergangenen Dezember. Andreas B. (Name von der Redaktion geändert) will in die Wohnung seiner Lebensgefährtin in einem kleinen Ort im Gäu. Er wohnt schon geraume Zeit hier – ohne Mietvertrag und ohne Miete zu bezahlen. Doch heute verweigert ihm der 81-jährige Hausbesitzer und Vater der Lebensgefährtin den Zugang. „Hau ab, du Sau, du Schwein. Du kommst hier nicht rein“, soll er laut Anklageschrift der Staatsanwaltschaft geschrien haben.

Als der Freund der Tochter jedoch nicht nachgibt und ihn in den Hauseingang drängt, schlägt der Angeklagte mehrmals mit dem Stiel eines Wischmobs zu. Andreas B. zieht sich eine Platzwunde am Kopf und Prellungen hinzu. Dass er an einem Bandscheibenvorfall leidet, macht die Sache noch schlimmer. Auch seiner hinzugeeilten Tochter (42) schlägt der Angeklagte gegen das Bein. Die Anklage lautet: Körperverletzung mittels eines gefährlichen Werkzeugs. Die Tochter und ihr Lebensgefährte traten gestern als Nebenkläger auf.

Um zu erklären, was da vor einem guten halben Jahr passiert ist, holte der Angeklagte gestern weit aus: Im Jahr 2010 zog seine Tochter nach der Trennung von ihrem Mann mit ihren beiden Kindern in das elterliche Haus. „Das ging so lange gut, bis sie ihn kennengelernt hat“, sagte der Angeklagte. „Ihn“, das ist Andreas B., den er später mit dem Stock malträtiert hat. „Der ist praktisch untergeschlüpft bei meiner Tochter.“

Zwei Jahre lang hatte der Angeklagte den neuen Freund geduldet, wie er gestern sagte. Auch, weil der gerade eine Operation hinter sich hatte. Doch irgendwann reichte es dem Angeklagten. Die Spannungen nahmen zu, die Stimmung schaukelte sich hoch zwischen Vater, Tochter und deren Lebensgefährten – bis sie kippte. „Er hat ja nix geschafft. Er ist nur auf dem Sofa rumgelegen“, schimpfte der Angeklagte gestern. „Ich hätte die eigentlich rausschmeißen sollen. Aber ich habe es der Kinder wegen nicht gemacht.“

Im November habe seine Tochter dann 3000 Euro vom Konto ausgegeben, über das die beiden Häuser verwaltet werden, die der Vater der Tochter vorzeitig vererbt hat. „Da habe ich gesagt, jetzt ist Schluss. Jetzt greife ich ein“, berichtete der Angeklagte. Zumal die Tochter noch zusätzliches Geld vom Vater gewollt habe. Zu viel für den damals 80-Jährigen: „Ich buckle mein ganzes Leben mit meiner Frau zusammen und dann sowas.“ Der Angeklagte vermutete Andreas B. hinter den Geld-Forderungen: „Und wer ist der Dumme? Immer ich“, bruddelte er.

Der Kuppel-Paragraph und das Hörgerät

Richter Achim Ruetz versuchte nach diesen Tiraden, die Stimmung zu schlichten und erwägte einen Täter-Opfer-Ausgleich. Doch dazu mangelte es den Beteiligten zunächst an Reue des Angeklagten, der sich als verbitterter Mann präsentierte, der in der Vergangenheit lebt: „Zu meiner Zeit gab es noch den Kuppel-Paragraphen. Da wäre es Unrecht gewesen, wenn ich die beiden da zusammen hätte wohnen lassen“, sagte er bei der Verhandlung. Teile des Gesagten gingen jedoch auch komplett am Angeklagten vorbei: „Ich hätte wohl mein Hörgerät mitnehmen sollen“, bemerkte er zwischendurch. Sein Anwalt Daniel Wochner musste das Gesagte mehrmals für ihn wiederholen.

Skurril wurde es auch, als der Angeklagte abschweifte und über Einbrüche referierte: „In zehn Jahren muss eh jeder selber nach seinem Haus gucken, um sich zu schützen.“ Richter Ruetz nahm den Hinweis mit einem Augenzwinkern auf und sagte mit Verweis auf das Opfer: „Er hat vielleicht das Herz ihrer Tochter gestohlen, aber das ist nicht strafbar.“ Geduldig erklärte Ruetz dem Angeklagten, dass er nicht mehr der Vormund seiner Tochter ist: „Sie ist erwachsen und nicht mehr 15“, sagte er und ergänzte: „Sie müssen nicht verliebt sein in den Freund Ihrer Tochter. Das reicht, wenn es Ihre Tochter ist.“ Inzwischen lebt sie mit den Kindern und dem Lebensgefährten im geerbten Einfamilienhaus. Kontakt gibt es keinen mehr.

Nach zwei Beratungs-Unterbrechungen wurde das Verfahren schließlich eingestellt und ein Täter-Opfer-Ausgleich gefunden: Der Angeklagte muss 5000 Euro Schadensersatz an Andreas B. bezahlen. Auch, weil der durch die erlittenen Verletzungen eine Arbeitsstelle nicht annehmen konnte. Außerdem verpflichteten sich der Angeklagte und Andreas B. dazu, keinen Kontakt mehr zueinander zu suchen, auch nicht über Dritte – Rechtsanwälte ausgenommen. Vincent Meissner

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21.07.2015, 12:00 Uhr

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