Cookies erleichtern die Bereitstellung unserer Dienste. Mit der Nutzung unserer Dienste erklären Sie sich damit einverstanden, dass wir Cookies verwenden. OK Weitere Informationen
Prozess wegen blutiger Mai-Nacht in Hirrlingen

Amtsgericht verurteilt drei junge Männer wegen einer Schlägerei

Eine Schlägerei am 30. April in Hirrlingen: Deswegen standen am Montag vier Jugendliche aus dem Raum Rottenburg fünfeinhalb Stunden lang vor dem Amtsgericht. Sie hatten einen 16-jährigen Wurmlinger angegriffen und übel zugerichtet.

17.12.2014
  • Michael Hahn

Angefangen hatte das Ganze kurz nach Elf mit der Standard-Anmache aller streitlustigen Möchtegern-Machos: „Heh! Du hast meine Freundin beleidigt!“ Mit diesem Ruf verfolgte ein 16-jähriger Seebronner eine Gruppe von Gleichaltrigen. Die sieben Schüler/innen waren gerade von einem „Freibier-Fest“ an der Feuerstelle beim Hirrlinger Schützenhaus aufgebrochen.

Ob es die Beleidigung überhaupt gegeben und worin sie bestanden hatte, das wollten am Montag weder Amtsrichterin Anke Baumeister, noch Staatsanwalt Max Noack noch Nebenkläger-Anwalt Siegfried Nold wissen. Es war für den Fortgang auch nicht mehr von Belang. Die angeblich beleidigte Freundin ist mittlerweile nur noch „meine Ex-Freundin“, gab der 16-Jährige zu Protokoll.

Den sichtlich angetrunkenen Schreihals (die Polizei registrierte später 1,5 Promille) hätten sie damals erst ignoriert, sagten die Schüler/innen, die am Montag als Zeugen geladen waren. Doch dann ging der Seebronner auf einen der Schüler los. Der Größte und Sportlichste der Gruppe versuchte zu schlichten – und bekam gleich selbst mehrere Faustschläge ins Gesicht verpasst. Ein Freund zog den Seebronner weg und verschwand mit ihm Richtung Ortseingang; die Schüler-Gruppe folgte einige Zeit später.

Doch am Ortseingang griff der Seebronner den Wurmlinger erneut an. Die beiden gingen zu Boden; der Wurmlinger schlug nun kräftig zurück. Der Angreifer gab auf. Er erbrach sich. In der Klinik stellte man später eine Gehirn-Erschütterung fest. Immerhin reichte es noch zum Telefonieren: Der 16-Jährige rief seinen großen Bruder zu Hilfe, der zur selben Zeit bei einer privaten Fete in Hirrlingen feierte.

Dann ging es „ratzfatz“, erinnerte sich ein Zeuge. Der Bruder kam mit zwei Freunden angerannt, die Schüler-Gruppe ergriff die Flucht. Vergeblich. Der 18-jährige Bruder attackierte sofort den Wurmlinger: „Er hat noch versucht, mit mir zu reden, aber ich habe erst mal zugeschlagen. Das ist blöd“, sagte der ältere Bruder vor Gericht.

Er habe gesehen, wie sein jüngerer Bruder am Boden lag und von mehreren Leuten geschlagen und getreten wurde, behauptete der Seebronner – da sei er ausgerastet. Das sei eine Ausrede, schimpfte Nebenklage-Anwalt Nold später. Denn keiner der Zeugen hatte eine solche Situation (kleiner Bruder wird am Boden zusammen getreten) beschrieben.

Der Wurmlinger jedenfalls wurde in eine Hecke gestoßen und weiter verprügelt. Daran waren wohl auch die beiden Kumpel des großen Bruders beteiligt. Die Klinik attestierte dem Wurmlinger später mehrere Wunden und Prellungen am Kopf und am Oberkörper. Wegen heftiger Schmerzen am Kiefergelenk konnte er drei Wochen lang nur noch weiche Nahrung essen, sagte er bei seiner Vernehmung.

Ob der große Bruder bei seinem Angriff auch Lederhandschuhe mit Sandfüllung eingesetzt hatte, ließ sich am Montag nicht mehr klären. Er habe sich zwar solche Handschuhe per Internet gekauft, benutze aber sie nur zu Hause zum Training am Box-Sack, sagte der mittlerweile 19-Jährige am Montag. In der Mai-Nacht habe er die Handschuhe nicht dabei gehabt: „Die hätte mir sonst die Polizei ja sicher abgenommen.“

Die Richterin verurteilte den großen Bruder und einen Kumpel wegen gefährlicher Körperverletzung, den jüngeren Bruder wegen einfacher Körperverletzung. Das Verfahren gegen den zweiten Kumpel stellte Baumeister ein: „Sie sind da in etwas hinein geraten.“

Dem Opfer aus Wurmlingen sprach das Gericht 1000 Euro Schmerzensgeld und 100 Euro Schadenersatz (für zerrissene Kleidung) zu. Die drei Verurteilten müssen den Gesamtbetrag in bar und in Form von gemeinnützigen Arbeitsstunden aufbringen. Für diesen Vergleich verzichtete der Nebenklage-Anwalt auf eine zusätzliche Zivil-Klage.

Bei erwachsenen Tätern betrage die Mindeststrafe für gefährliche Körperverletzung sechs Monate, betonte die Richterin. Doch hier sei das Jugendstrafrecht anzuwenden – auch bei den zwei volljährigen Angeklagten. Baumeister: „Da steht der Erziehungsgedanke im Vordergrund.“

Die zwei Brüder waren zuvor schon mehrfach wegen Gewaltdelikten aufgefallen; beide wollen übrigens zur Bundeswehr. „Die Disziplin wird mir gut tun“, sagte der Ältere. Richterin Baumeister war allerdings gar nicht wohl bei diesem Gedanken: „Dann bekommen Sie auch noch eine Waffe in die Hand.“ Die beiden Brüder, so die Auflage des Amtsgerichts, müssen noch Anti-Aggressions-Kurse absolvieren.

Die Jugendgerichtshelferin hatte zuvor noch für einen so genannten Täter-Opfer-Ausgleich geworben, allerdings ohne Erfolg. Bei diesem Verfahren treffen die beiden Seiten zu (moderierten) persönlichen Gesprächen aufeinander. „Irgendwann werden sie sich auch auf der Straße wieder begegnen.“ Das ist tatsächlich schon geschehen: beim Neckarfest, also wenige Wochen nach der Tat. Damals blieb es friedlich. Der ältere Bruder habe ihn gebeten, das Ganze ohne Gericht zu regeln, sagte der Wurmlinger.

Am Montag zumindest kam es nicht mehr zum Handschlag. Nach der Urteilsverkündung gingen der Wurmlinger und die vier Angeklagten getrennte Wege – ohne zuvor einander auch nur in die Augen zu blicken.

Sie möchten diesen Artikel weiter nutzen? Dann beachten Sie bitte unsere Hinweise zur Lizenzierung von Artikeln.

17.12.2014, 12:00 Uhr

Sie müssen angemeldet sein, um einen Leserbeitrag zu erstellen.
Anmelden
Sie müssen angemeldet sein, um einen Kommentar zu verfassen.
Anmelden
 

 

 
Video-News: Aus Land und Welt
Heute meistgelesenNeueste Artikel
Wirtschaft im Profil
Wirtschaft im Profil

Die aktuelle Ausgabe unseres Business-Magazins Wirtschaft im Profil
Bildergalerien
Videos
Single des Tages
date-click
Video-News: Fußball