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Der damalige Schultes lieferte sie an die Polizei aus

An Heiligabend 1944 lag in einer Obernauer Scheuer eine junge Polin

An Heiligabend vor 70 Jahren wollte der Obernauer Landwirt Josef Teufel aus seiner Scheuer Rüben für sein Vieh holen. Doch der strohbedeckte Vorrat entpuppte sich als Versteck einer Gefangenen, die wohl aus dem Rottenburger Steinbruch geflohen war. Sie kam zurück ins Gefängnis.

25.12.2014
  • Ursula Kuttler-Merz

Obernau. „Den Heiligobed vergiss i gwiiß nia“ berichtet Bruno Teufel von einem besonderen Weihnachtserlebnis im elterlichen Bauernhof in Obernau. Vater Josef Teufel rief am bitterkalten Nachmittag des 24. Dezember 1944 seinen zehnjährigen Sohn herbei: „Bruno, du hilfsch mir Rüaba ruffhola aus em Bodebarn!“ Die Futterrüben sollten mit dem Schubkarren in den warmen Kuhstall transportiert werden.

Die beiden gingen zum Bodenbarn (ebenerdige Winterfutter-Lagerungsstätte) in die untere Scheuer. Die dort gelagerten Burgunder-Rüben waren mit doppelt gebundenem Dresch-Stroh dick abgedeckt, um sie vor der Kälte zu schützen. Der Vater fing an, das Stroh beiseite zu räumen, um dann mit der großen Gabel die Rüben aufzuladen.

Da ragte plötzlich aus dem großen Rübenhaufen ein Arm hervor! Den beiden Teufels blieb vor Schreck fast das Herz stehen: Glücklicherweise handelte es sich nicht um eine Leiche, sondern um ein lebendes polnisches Mädchen, das sich hier wohl schon seit Tagen versteckt hatte. Sie war vermutlich aus dem Rottenburger Steinbruch geflohen, wo sie wie viele Schicksalsgenossinnen beim Steineklopfen schwerste Arbeit verrichten musste. Viele osteuropäische Frauen waren, wie die junge Polin, damals im Rottenburger Gefängnis.

Vater Teufel hatte mit seiner großen dreizinkigen Gabel gottseidank noch nicht in den Rübenhaufen hineingestochen, denn sonst hätte er das versteckte Mädchen womöglich schwer verletzt. Jetzt machte er seinem Junior Beine: „Bruno, hol glei d Mamme‘ ra!“ Die Mutter kam runter und richtete zusammen mit ihrem Mann das Mädchen vorsichtig auf, es war sehr schwach und richtig steif und „sterrig vom Frost“.

Erst mal eine heiße Suppe

Dann brachten die Eltern die junge Fremde – sie war vielleicht 16 oder 17 Jahre alt – hinauf in die über dem Stall gelegene warme Stube und legten sie aufs Sofa. Der Christbaum, eine schön gewachsene Weißtanne, war schon aufgestellt und mit bunten Kugeln und farbenfrohen Glasvögeln geschmückt. Mutter Teufel kochte für das Mädchen eine heiße Suppe. „Damit se vo enna raus wieder warm woora isch“, erzählt der inzwischen 80-jährige Bruno Teufel: „Ond dees hot se au glei gessa, am Stubatisch neabem Sofa!“

Das brünette, sehr magere Mädchen konnte sich ein wenig auf Deutsch verständigen. Sie hatte in der eisigen Kälte, wohl unbemerkt, von der Gartenseite her durch die Hintertür ihr Versteck in der Scheuer gefunden.

Für die angstvolle Überlegung, wie es nun mit der jungen Polin weitergehen solle und was man für sie tun könnte, wurde der Schultes vertraulich zu Rate gezogen. Der kam ins Haus und sagte gleich mit tiefer Stimme (Bruno Teufel: „Dean hör i heut no“): „Was dend ihr denn do, des isch doch onser Feind!“

Schultes benachrichtigte die Polizei

Feind? Jetzt trat Mutter Teufel in Aktion und entgegnete dem Bürgermeister: „Des Mädle isch vielleicht so alt wia dei‘ Tochter! Was tätesch du saga, wemma’s dera en Polen so macha tät?“ Der Schultes dachte nach und ging zum Obernauer Rathaus. Von dort rief er „en dr Stadt“ an, um dem Wachdienst Bescheid zu sagen.

Der Wachmann kam umgehend, berichtet Bruno Teufel, „ond mei Muater hot dean sogar kennt! Dear isch en d Stub reikomma, ond des Mädle isch vom Sofa uffgspronga ond hot gschria wia am Spieß, mo sie dean gseah hot. Dees war ihr Peiniger!“

Der Wachtmeister nahm die junge Polin fort ins Rottenburger Gefängnis. Nie wieder gab es eine Nachricht über ihr Schicksal.

Am Abend dieser aufwühlenden Kriegsweihnacht wurden in der Familie Teufel, wie jedes Jahr, mit den Kindern unterm Christbaum die schönen alten Lieder gesungen, es gab Brötlen („Mei Muater war a guate Bäckerin!“), und als Geschenke selbergestrickte Socken und Pullover aus „uffzogener Wolle“.

Doch die Heiligabend-Stimmung blieb angesichts der erschütternden Ereignisse gedrückt. Draußen im Dorf war’s kuhnacht, denn „dr Polizei“ (Amtsdiener) hatte akribisch auf die vorschriftsmäßige Verdunkelung der Häuser zu achten, dass ja nirgends Licht brenne, „et amol am Fahrrad oder em Stall“ wie Bruno Teufel sich erinnert.

Besonders im Gedächtnis und lebhaft vor Augen blieb ihm bis heute die Begegnung mit dem polnischen Mädchen am Heiligen Abend 1944. „Die Obernauer hend dees domols gar et mitkriagt“ sagt Bruno Teufel, was ihm schon jahrzehntelang zu schaffen macht. „Mit deam gang i schao lang om“, gesteht er und findet, jetzt nach 70 Jahren sei es an der Zeit, diese Geschichte einer tragisch gescheiterten Flucht zu veröffentlichen, nachdem die meisten der damals Verantwortlichen inzwischen gestorben sind.

An Heiligabend 1944 lag in einer Obernauer Scheuer eine junge Polin
In der unteren Scheuer (ganz rechts) in diesem Obernauer Bauernhaus fanden Josef Teufel und sein damals zehnjähriger Sohn Bruno am Heiligen Abend 1944 unter einem Strohhaufen ein polnisches Mädchen, das aus dem Rottenburger Steinbruch geflohen war.Repros: Kuttler-Merz

An Heiligabend 1944 lag in einer Obernauer Scheuer eine junge Polin
Die Zwillinge Bruno (links) und Hubert Teufel als Schulbuben in Obernau

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25.12.2014, 12:00 Uhr

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