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Kommentar

An Palmer scheiden sich die (Netz-)Geister

Er wird von den einen angefeindet, belächelt, gehasst oder – was für ihn vermutlich besonders schlimm ist – ignoriert. Andere bewundern ihn, halten ihn für blitzgescheit oder gar einen der bedeutendsten Nachwuchspolitiker in Deutschland. Sicher ist: An Boris Palmer scheiden sich die Geister. Tübingens grüner Oberbürgermeister polarisiert – bewusst und unbewusst.

23.11.2012
  • Matthias Stelzer

Wer den 40-Jährigen charakterisieren will, wird zum einen auf den Polit- und Medienprofi treffen, der bewusst provoziert, der Strategien der Berliner Parteiführung gerne gegen den Strich bürstet und sich alleine auf dem Flügel augenscheinlich wohler fühlt als in bester Mainstream-Gesellschaft.

Ja, und dann gibt es da noch diesen anderen Boris Palmer: Jenen Menschen, der sich von einem schier grenzenlos erscheinenden Selbstbewusstsein durchs öffentliche Leben tragen lässt. Er war schon in seinen Zeiten als Tübinger Mathematik-Student ein vorlautes Kerlchen. Ein Mensch, der sich nicht scheut, Themen an sich zu ziehen und dann auch dafür zu arbeiten und zu kämpfen.

Überzeugungstäter werden solche Charaktere in der Regel genannt. Sie sind oft anstrengend, wirken durch ihr ausgeprägtes Sendungsbewusstsein schnell arrogant und leben schier zwangsläufig an der Grenze zwischen angesehenem rebellischem Querkopf und notorischem Querulanten. Wobei Letzterer der lateinischen Bedeutung nach ja auch nur ein „sich Beschwerender“ ist.

Boris Palmer macht es sich oft schwerer als nötig: Wenn er Debatten – egal ob im weltweiten Netz oder im analogen Leben – immer wieder zuspitzt, wenn er (politische) Widersacher ohne Not seine intellektuelle Überlegenheit spüren lässt und sie damit lächerlich macht. Er ist, wie man es süddeutsch ausdrückt, einfach kein Gewöhnlicher. Und darin auch ganz sicher ein Sohn seines Vaters. Das Drängende, das Quertreibende, das selbstbewusst Mutige des Tübinger OBs erinnert doch sehr an Helmut Palmer, den Remstal-Rebellen.

Darauf kann der grüne Sohn einerseits stolz sein: Diese Palmersche Art ist schon immer ein probates Mittel, um verkrustete und eingeschliffene Strukturen aufzubrechen. Anderseits sollte ihn diese Herkunft zuweilen mehr über die Kehrseiten einer zu engen Bindung von Thema und Person nachdenken lassen.

Durch die Person Boris Palmer ist die Tübinger Kommunalpolitik ein gutes Stück lebhafter geworden. Mit mehr Bürgerbeteiligung und einer Diskussionsfreude, die anderen Stadtoberhäuptern nicht selten abgeht, hat der Grüne den kommunalpolitischen Themen auf die – jetzt größtenteils verlangsamten – Stadtstraßen und in die Facebook-Profile junger Menschen verholfen.

Das ist gut. Doch jetzt sollte Palmer den rebellischen Anfängen etwas mehr jener Gelassenheit zur Seite stellen, mit der sein Parteifreund Winfried Kretschmann beste Umfragewerte erzielen kann. Weniger Person, mehr Team, dazu immer öfters aufs letzte Wort verzichten – so werden die Anfeindungsstürme weniger werden: Mit der Zeit und nicht nur im Internet.

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23.11.2012, 12:00 Uhr

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