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Oper

An „Salome“ interessiert ihn nur Wilde

Hans Neuenfels bringt es in Berlin auf 42 Jochanaan-Totenköpfe für den Kuss der besessenen Frau.

06.03.2018
  • CHRISTOPH MÜLLER

Berlin. Wie „Salome“, die wildeste Oper von Richard Strauss, funktioniert, glaubt man hinreichend zu wissen. Und dass Altmeister Hans Neuenfels, 77, kein Libretto einfach so vom Blatt inszeniert, war klar. An „Salome“ interessiert ihn also nur, das aber total, deren Autor: Oscar Wilde. Ihn erklärt er im Programmheft als einen extremen Exhibitionisten, der „den Kitzel des Ärgernisses geradezu sucht“ und dabei „sich bis zur Neige auskostet“.

Eigentlich gehe es in „Salome“ um nichts weniger als die Freiheit des Menschen – für Neuenfels ist sie natürlich die sexuelle Freiheit in einer „äußerst leibfeindlichen“ Gesellschaft. Versteht sich, dass dann die gelangweilte Prinzessin Salome alle Sympathien für ihr tödliches Begehren nach dem virilen Gottesmann Jochanaan auf ihre Seite zieht, zumal bei so triebunterdrückten Eltern, wie sie Herodes und seine Eifersuchtsgattin Herodias abgeben – die ist bei Neuenfels ein vampiger Marilyn-Monroe-Verschnitt, von der auch in Stuttgart nicht unbekannten Marina Prudenskaya fantastisch gesungen und gespielt.

Kein Tanz also. War das der Grund, warum Christoph von Dohnanyi hingeschmissen hat? So kam jetzt der 24-jährige Barenboim-Assistent Thomas Guggeis zum Zuge, der im Herbst als Kapellmeister an die Stuttgarter Oper wechselt. Die Premiere mit der gewaltigen Strauss-Partitur war dann doch etwas zu viel verlangt. Die Staatskapelle spielt handwerksperfekt, aber was darüber hinausgeht und Akzente setzt, fehlte bei Guggeis komplett.

In Phallus-Rakete eingeschwebt

Jochanaan muß sich richtig zwingen, auf die eisig androgyne Salome scharf zu sein. Dafür wird er aber gleich in 42-facher Gipskopf-Verkörperung, parabelhaft für die ganze Männerwelt, wie auf dem Schachbrett dem Kuss der den Liebestod sterbenden Salome vorgesetzt. Nicht aus der Zisterne kriecht er, sondern in einer Phallus-Rakete schwebt er vom Himmel, um zu einer „Einmaligkeit eines außerordentlichen Erlebens“ zu kommen.

Nun gut, es sollte ja auch dank Neuenfels' Sex-Obsessionen eh nur um Oscar Wilde gehen. Und denen gewann der Herodes-Sänger Gerhard Siegel aufregendes Profil ab. Er steht somit überraschend im Zentrum und beherrscht das von Strauss gewünschte Parlando am eindrücklichsten, indem er das Unglück-Verheißende beängstigend direkt verkörpert. Ausrine Stundyte als Salome bleibt dagegen ihrer herausfordernden Rolle als Objekt und Subjekt dekadentester Begierde viel schuldig und zieht deshalb die Buh-Rufer so konzentriert auf sich, dass für Neuenfels danach kaum noch etwas übrigblieb. Christoph Müller

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06.03.2018, 06:00 Uhr

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