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Rottenburg: Von barrierefrei keine Rede

An der Berliner Straße zeigt sich, was Älterwerden bedeuten kann

„Barrierefrei“, das Wort ist häufig zu hören, nicht nur, wenn‘s um Bauliches geht. Ein gutes Beispiel dafür, wie etwas erst mit dem Älterwerden der Menschen zur Barriere wird, bietet die Berliner Straße.

03.11.2012
  • Gert Fleischer

Rottenburg. Ursula Schiebel hatte dem Ordnungsamt angekündigt, sie werde einen Leserbrief schreiben. Immerhin, so erzählt sie, versuche sie seit einigen Jahren Erleichterung zu bekommen, doch bei der Stadtverwaltung kann man ihr Problem nicht so nachfühlen, wie Schiebel es sich wünscht.

Schiebel wohnt in einem Mehrfamilienhaus an der Berliner Straße 24. Das ist, wenn man bergauf fährt, gleich rechterhand nach der Rechtskurve. Ursula Schiebel ist 70 Jahre alt. Im selben Haus wohnt ihre Mutter Maria Gräff. Die ist 90 und fast blind, sie erkennt nur noch Hell und Dunkel und einige grobe Umrisse.

Mit Angst hinüber zum richtigen Gehweg

Immer wenn Ursula Schiebel mit ihrer Mutter etwas spazieren gehen will, wird es schwierig: Vor dem Haus ist kein Gehweg. Genauer: Es ist ein vierzig, fünfzig Zentimeter breiter, asphaltierter Streifen hinterm Bordstein. Er ist nicht als Weg gedacht, denn dann dürfte er nicht so schmal sein. Es ist vielmehr ein Schrammbord, dafür gedacht, dass die Autos nicht auf die Grundstücke oder gegen den Lattenzaun fahren. Diese Einrichtung begleitet mit wenigen Unterbrechungen die – ziemlich breite – Berliner Straße rechts der Fahrbahn (bergauf gesehen) von Anfang bis zum Ende oben, wo die Äcker beginnen. Ein Gehweg ist auf der anderen Seite.

Wollen Schiebel und Gräff auf den regulären Fußweg, müssen sie die Straße queren, und das nur wenige Meter nach Ende der Kurve. Zwar ist dort Tempo 30, aber daran halten sich viele nicht. Es sei jedes Mal ein angstbesetztes Wagnis für sie, berichtet Schiebel, wenn sie mit ihrer 90-jährigen Mutter auf die andere Straßenseite wechselt.

Übers Schrammbord zum Auto schlängeln

Nicht besser ist es, wenn sie mit ihrer Mutter zum Auto will, etwa um zum Arzt zu fahren. Die Garage ist auf der selben Straßenseite wie die Wohnung, aber am anderen Ende des Mehrfamilienhauses. Um dorthin zu gelangen, muss sich das gegenseitig stützende Frauenpaar, auf dem Schrammbord zwischen Auto-Seitenwänden und dem leicht ansteigenden Vorgartenbewuchs bergan schlängeln. Früher habe sie das gar nicht gestört, sagt Ursula Schiebel, die seit 45 Jahren dort wohnt. Seit sechs Jahren, seitdem ihre Mutter nicht mehr sieht, ist das anders. Und dann sei vor wenigen Jahren auch noch das tagsüber geltende Halteverbot vor ihrem Haus und dem der Nachbarn aufgehoben worden. Unser Archiv hilft: Vor gut fünf Jahren ließ das Rottenburger Ordnungsamt den Schilderwald lichten. 151 Schilder wurden abgeschraubt, meistens Halteverbotsschilder, etliche davon in der Berliner Straße.

Ursula Schiebel fände es besser, wäre das Halteverbot noch da, das kurz zuvor in der Kurve noch gilt. Wenigstens tagsüber. „Warum können die Autos nicht auf der anderen Straßenseite parken?“, fragt die 70-Jährige. Das wäre erlaubt, aber die Leute parken nun mal dort, wo ihr Hauseingang ist. Auf der gegenüberliegenden Seite sind keine Eingänge.

Allesechs Monate etwa habe sie sich beim Ordnungsamt gemeldet. Zuletzt sei ihr empfohlen worden, ihre Mutter auf dem Gras laufen zu lassen. „Ich bin nicht stur“, sagt Schiebel, „aber das ist einfach nicht in Ordnung.“

Nach dem TAGBLATT-Anruf sah sich Ordnungsamtsleiter Martin Schmid die Situation selbst an. Er habe sich entschuldigt dafür, wie ihre Eingabe immer telefonisch abgewickelt wurde, sagt Schiebel. Doch ein Halteverbot vor dem Haus wolle er nicht wieder anordnen. Schiebel könne erst ihr Auto aus der Garage holen, es ein paar Minuten vor die Zufahrt stellen, die zu einem auf dem Grundstück liegenden Parkplatz führt, dann ihre Mutter holen und einsteigen lassen. Oder sie könne die Nachbarn bitten, nicht mehr dort zu parken.

Wenn sich Einzelfälle immer mehr häufen

Unserer Zeitung sagte Ordnungsamtsleiter Schmid, er könne den Gram der Frauen nachvollziehen, aber er wolle in dieser Situation keine Einzelfallentscheidung treffen, sonst müsste er hundert weitere woanders ebenfalls treffen. Er wies auf Paragraf 1 der Straßenverkehrsordnung hin, wonach alle Verkehrsteilnehmer aufeinander Rücksicht nehmen müssen. Ein Haltverbot darf nach der Verwaltungsvorschrift „nur in dem Umfang angeordnet werden, in dem die Verkehrssicherheit, die Flüssigkeit des Verkehrs oder der öffentliche Personennahverkehr es erfordert“.

Herzlos findet Schmid seine Entscheidung nicht. Es gehe nicht darum, Einzelfälle zu schlichten, sondern allgemeingültige Regeln zu schaffen. Freilich entspreche es gegenwärtigem Zeitgeist, dass es die Menschen an Rücksichtnahme fehlen lassen, dass sie nicht miteinander reden – „das ist das Problem“.

An der Berliner Straße zeigt sich, was Älterwerden bedeuten kann
Ursula Schiebel (70, hinten) geleitet ihre fast blinde Mutter Maria Gräff (90) zur Garage. Der Pfad ist kein Gehweg, sondern ein Schrammbord.Bild: Fleischer

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03.11.2012, 12:00 Uhr

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